Der nächste Abend fand ihn wieder auf seinem alten Platze im Roten Löwen, ganz anständig und mäßig. Da saß er und wartete stur der Dinge, die da kommen sollten.
Glaubte er denn überhaupt an seine Zugehörigkeit zu der Welt von Ilkeston und Cossethay oder nicht? Es gab nichts in ihr, wonach er sich gesehnt hätte. Aber könnte er denn je aus ihr heraus? Lag denn in ihm selber auch nur irgend etwas, was ihn hätte aus ihr herausbringen können? Oder war er wirklich so ein donnerschlägiger Dämelack, nicht Manns genug wie die andern jungen Kerls, die ordentlich tranken und auch ohne viel Wenn und Aber mal etwas herumhurten und doch dabei ganz zufrieden waren.
So trieb er es hartnäckig eine ganze Zeitlang. Dann wurde die Überreizung für ihn zu groß. Immer heißer, immer mächtiger wuchs in seinem Innern das Bewußtsein empor, seine Handgelenke fühlten sich geschwollen und zitterig an, sein Geist war mit wollüstigen Vorstellungen erfüllt, und seine Augen waren blutunterlaufen. Wütend kämpfte er dagegen an, um sein Selbstgefühl zu bewahren. Nach Weibern sah er sich nicht mehr um. Er lief umher, als wäre er ganz der alte. Bis er dann irgend etwas aushecken oder sich den Kopf an der Wand einrennen mußte.
Dann ging er mit vollster Überlegung nach Ilkeston, stillschweigend, entschlossen und geschlagen. Er trank, um sich zu betrinken. Es goß einen Schnaps hinunter, und wieder einen, bis sein Gesicht blaß wurde, seine Augen brannten. Und trotzdem konnte er sich nicht freimachen. Sinnlos betrunken schlief er ein, wachte um vier Uhr morgens auf und trank weiter. Er wollte wieder frei werden. Allmählich begann die Stimmung in seinem Innern nachzulassen. Er fing an sich glücklich zu fühlen. Sein eisernes Schweigen lockerte sich, er begann zu reden und zu schwatzen. Er war glücklich und fühlte sich eins mit aller Welt, allem Fleisch fühlte er sich durch Bande heißen Blutes verbunden. Wenn er so drei Tage hintereinander sich unaufhörlich in Schnaps besoffen hatte, dann war die Jugend aus seinem Blut ausgebrannt, er war zu jenem Zustande glühender Einheit mit der ganzen Welt gelangt, der das Endziel der leidenschaftlichsten Träume der Jugend bildet. Aber er brachte es auf die Weise fertig, sich erst durch vollständiges Vergessen seines Einzeldaseins befriedigt zu fühlen, das zu erhalten und zu entwickeln Sache seiner Mannheit war.
So wurde er ein Gewohnheitssäufer, der in bestimmten Zwischenräumen drei oder vier Tage lang Schnaps trinken mußte und dann diese ganze Zeit über benebelt war. Er dachte darüber gar nicht nach. Tiefe Bitterkeit erfüllte ihn. Von Weibern hielt er sich voller Abscheu fern.
Als er achtundzwanzig Jahr alt war, ein schwergliedriger, steifer, hellhaariger Mann mit frischem Gesicht und gradeaus vor sich hinstarrenden Augen, kam er eines Tages von Cossethay mit einer Ladung Saatkorn grade aus Nottingham. Es war just die Zeit wo er wieder anfangen wollte sich zu betrinken, und daher starrte er stier vor sich hin, aufmerksam und doch in sich versunken, alles bemerkend und doch nichts gewahr werdend, in sich verschlossen. Es war im Frühjahr.
Er ging gleichmäßig neben dem Pferde her, die Last krachte hinter ihm, je steiler es den Hügel hinabging. Weiter unten vor ihm am Hügel machte der Weg zwischen Böschungen und Hecken eine Biegung, die man nur auf ein paar Schritte vorher sehen konnte.
Als er langsam um die steilste Stelle der Biegung herunterkam, und sein Pferd sich zwischen den Scherbäumen stemmte, sah er eine Frau auf sich zukommen. Aber er dachte im Augenblick nur an sein Pferd.
Dann wandte er sich, um sie anzusehen. Sie war schwarz gekleidet, offenbar ziemlich klein und mager unter ihrem langen schwarzen Umhang und trug einen schwarzen Hut. Sie schritt eilig dahin, als sehe sie nichts und hielt den Kopf weit vorgestreckt. Diese merkwürdig versonnene, rasche Bewegung war es, dies als schritte sie dahin, von niemand gesehen, was ihn zuerst auf sie aufmerksam machte.
Sie hatte den Wagen gehört und blickte auf. Ihr Gesicht war klar und blaß, sie hatte dicke, dunkle Augenbrauen und einen breiten Mund, den sie sonderbar verzog. Ganz klar sah er ihr Gesicht, als werfe die Luft ein eigenes Licht darauf. Er sah ihr Gesicht so deutlich vor sich, daß er aus seiner Verschlossenheit aufwachte und ganz gespannt wurde.
»Das ist sie«, sagte er sich ganz unwillkürlich. Während der Wagen an ihr vorbeizog und durch den dünnen Schmutz platschte, trat sie zurück auf die Böschung. Als er dann still neben seinem sich zurückstemmenden Pferde einherschritt, trafen seine Augen die ihren. Er sah rasch wieder weg, warf den Kopf zurück und eine schmerzhafte Freude durchlief ihn. Er konnte es nicht ertragen, an irgend etwas anderes zu denken.
Im letzten Augenblick drehte er sich um. Er sah ihren Hut, ihre Gestalt in dem schwarzen Umhang, ihre Bewegungen beim Gehen. Dann war sie um die Ecke.
So war sie vorüber. Er fühlte sich wieder, als ginge er in einer fremden Welt umher, nicht in Coffethay, in einer weitentfernten Welt, in der zerbrechlichen Wirklichkeit. Er schritt weiter, ruhig gefaßt, wie verflüchtigt. Jeder Gedanke, jedes Wort waren ihm unerträglich, jedes Zeichen oder auch nur ein Ton, jedes Abweichen von seiner gleichmäßigen Bewegung. Kaum den Gedanken an ihr Gesicht konnte er ertragen. In dem Wissen um sie schritt er dahin, in jener Welt, die jenseits der Wirklichkeit liegt.
Das Gefühl, sie hätten sich gegenseitig erkannt, quälte ihn wie ein Wahn, wie eine Folter. Wie konnte er denn das so sicher wissen, welche Bestätigung besaß er dafür? Dieser Zweifel war wie das Empfinden räumlicher Unendlichkeit, ein Nichts, war Vernichtung. Im Herzen aber trug er den Willen zur Gewißheit. Sie hatten sich erkannt.
In diesem Zustand ging er die nächsten paar Tage umher. Und dann wars wieder, als hebe sich der Nebel und lasse ihn die Alltäglichkeit, die Leere der Welt erkennen. Er war gegen Menschen und Tiere sehr freundlich, fürchtete aber immer, die Enttäuschung möchte in ihrer ganzen Starre wieder emporschießen.
Als er so ein paar Tage später nach dem Essen mit dem Rücken dem Feuer zugekehrt dastand, sah er jene Frau vorbeigehen. Er wollte Gewißheit, daß sie ihn kenne, daß sie seiner bewußt war. Er wollte hören, daß sie in Beziehung zueinander ständen. So stand er da und paßte scharf auf, wie sie die Straße hinunterging. Er rief Tilly herbei.
»Wekeen kunn dat wesen?« fragte er.
Tilly, die schielende Vierzigerin, die ihn anbetete, lief hocherfreut ans Fenster, um nachzusehen. Sie war glücklich, wenn er sie nach irgend etwas fragte. Sie beugte ihren Hals über den kurzen Vorhang vor, der kleine, straffe Dutt ihres schwarzen Haares stand ganz rührend in die Höhe, wie sie da so herumwirtschaftete.
»Och wieso« – sie hob den Kopf und stierte mit ihren kleinen überkreuzstehenden, scharfen braunen Augen hinaus – »wieso. Se weet jo doch, wekeen dat is – dat is – dat is se dor von't Pasterhus – Se weten jo doch –«
»Wat schall ick dat weeten, du Goos«, brüllte er.
Lilly wurde rot, zog den Hals zurück und sah ihn mit ihrem schielenden, scharfen Blick fast vorwurfsvoll an.
»Gewiß weeten Se dat – de niege Weertschafterin.«
»– So – un wat schall ick dat von weeten?«
»Jowoll, un wat sche't Se dat von weeten?« erwiderte Lilly wütend.
»Se is 'n Wief, Weertschafterin oder nich, nich wohr? Se is doch woll noch 'n beten mehr as dat. Wen is se – se hett doch woll 'n Nomen?«
»Je, wenn se en' hett – ick weet 'n nich«, antwortete Lilly, die sich von diesem eben zum Manne erwachsenen Bengel nicht anrüffeln lassen wollte.
»Wat is ehr Nome?« fragte er freundlicher.
»Seeker, ick kann Se't nich seggen«, erwiderte Lilly höchst würdig.
»Un dat is allens, wat du dor upsnappt hest, dat se Weertschafterin in 'n Pasterhuse is?«
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