»Rauchen Sie?«
Brangwen rauchte eigentlich nie Zigaretten, aber er nahm die angebotene doch und fummelte sie fassungslos in seinen dicken Fingern herum, rot bis unter die Haarwurzeln. Dann blickte er mit seinen warmen, blauen Augen in die beinahe hämischen, von schweren Lidern überdeckten des Fremden. Dieser hatte sich neben ihn gesetzt und sie fingen ein Gespräch an, größtenteils über Pferde.
Brangwen gewann den andern seiner ausgesuchten Liebenswürdigkeit halber gern, wegen seines feinen, zurückhaltenden Wesens und seiner kein Alter erkennen lassenden, affenartigen Selbstsicherheit. Sie sprachen über Pferde, über Derbyshire, über Landwirtschaft. Der Fremde bezeigte gegen den jungen Burschen wirkliche Wärme, und Brangwen wurde ganz aufgeregt. Er fühlte sich von dem Zusammentreffen mit diesem sonderbaren mittelalterlichen, vertrockneten Menschen persönlich hingerissen. Ihre Unterhaltung war sehr angenehm, aber darauf kam es ihm so sehr gar nicht an. Es war die liebenswürdige Art und Weise, die Berührung mit solcher Vornehmheit, die ihm alles ausmachte.
Lange Zeit unterhielten sie sich miteinander, und Brangwen wurde rot wie ein Mädchen, wenn der andere seine Mundart nicht verstand. Dann sagten sie sich Gute Nacht und schüttelten sich die Hände. Wieder verbeugte sich der Fremde und wiederholte sein Gute Nacht.
»Gute Nacht und bon voyage
!«
Dann wandte er sich der Treppe zu.
Brangwen ging in sein Zimmer hinauf und lag da und starrte zu den Sternen der Sommernacht hinaus, sein ganzes Wesen in tosendem Wirbel. Was war dies alles? Dies war ein Leben, so gänzlich verschieden von dem ihm bekannten. Was gab es denn wohl noch über sein Wissen hinaus, wie mancherlei? Woran hatte er da gerührt? Wie sollte er sich diesem neuen Einfluß gegenüber verhalten? Was bedeutete das alles? Wo lag das Leben, in dem was er bereits kannte, oder ganz außer seinem Ich?
Er fiel in Schlaf und war am andern Morgen fortgeritten ehe die anderen aufwachten. Er war vor dem Wiedersehen mit ihnen am Morgen zurückgeschreckt.
Sein Gehirn war eine gewaltige Aufregung. Das Mädchen und der Fremde: er wußte von beiden nicht mal den Namen. Und doch hatten sie die innere Heimstätte seines Wesens in Flammen gesetzt, und er fühlte, er würde aus seinem Bau ausgeräuchert werden. Von den beiden Begegnungen war am Ende die mit dem Fremden die bedeutendere. Aber das Mädchen – mit dem Mädchen konnte er nicht fertig werden.
Er verstand das nicht. Dies mußte er schon so lassen wie es war. Er konnte das Endergebnis dieser Erfahrung nicht ziehen. Schließlich kam es aber doch darauf hinaus, daß er Tag und Nacht, hingerissen, von einem wollüstigen Frauenzimmer und dem Zusammentreffen mit einem kleinen, vertrockneten Fremden von altem Geschlecht träumte. Kaum war sein Verstand unbeschäftigt, kaum hatte er sich von seinen Freunden verabschiedet, als er sich auch schon in eine enge Freundschaft mit feingliedrigen, vornehm sich gebenden Leuten wie der Fremde zu Matlock hineindachte, und den Mittelpunkt dieser Freundschaft bildete stets die Befriedigung eines wollüstigen Weibes.
Ganz verloren in dem Durchdenken und dem Ausbau dieses Traumes ging er umher. Seine Augen glühten, er ging, den Kopf hoch, voll ausgesuchten Vergnügens an dieser vornehmen Feinheit und Zierlichkeit, gequält von Begierde nach dem Mädchen einher.
Dann allmählich ließ die Glut nach, und die kalte Wirklichkeit des alltäglichen Lebens kam wieder durch. Er fühlte es. Hatte seine Einbildung ihn betrogen? Er scheute vor den Schranken der gemeinen Wirklichkeit zurück, stand stur wie ein Bulle vor einem Rickelwerk, und wollte unter keinen Umständen in das wohlbekannte Rundum seines Lebens wieder hinein.
Er trank mehr als gewöhnlich, um die Glut in Gang zu halten. Aber trotzdem verblaßte sie mehr und mehr. Er biß die Zähne zusammen angesichts der Alltäglichkeit, die er nicht anerkennen wollte. Trotzdem behauptete sie sich vor ihm unwandelbar.
Er wollte heiraten, um irgendwie zur Ruhe zu kommen, aus dieser Zwickmühle, in der er sich befand, heraus. Aber wie? Er fühlte sich unfähig auch nur ein Glied zu bewegen. Da hatte er ein kleines Geschöpf auf der Leimrute sitzen sehen, und dieser Anblick war ihm zu einem Alb geworden. Er fühlte, wie er vor Wut über seine Unfähigkeit allmählich toll wurde.
Er verlangte nach einem Halt, um sich daran herauszureißen. Aber er fand keinen. Scharf sah er sich alle jungen Frauenzimmer an, um eine zu finden, die er heiraten könnte. Aber keine einzige hätte er mögen. Und daß der Gedanke an ein Dasein unter solchen Leuten wie der Fremde lächerlich war, das wußte er. Und doch träumte er davon und klebte hartnäckig an seinem Traum, und wollte von der Wirklichkeit von Ilkeston und Cossethay nichts wissen. Da saß er stur in seiner Ecke im Roten Löwen, rauchte und grübelte und hob dann und wann den Bierkrug, sagte nichts, und alle Welt hätte ihn für einen Ackerknecht halten können, der Maulaffen feilhielt, wie er selbst sagte.
Dann kam ein fieberhafter ruheloser Ärger über ihn. Er wollte weg – sofort. Er träumte von der Fremde. Aber trotzdem kam er in keine Beziehung zu ihr. Es waren sehr starke Wurzeln, die ihn in der Marsch festhielten, an dem eigenen Heim, seinem Grund und Boden.
Weiterhin heiratete Effie, und er blieb allein im Hause mit Tilly, der schielenden Magd, die schon fünfzehn Jahre bei ihnen war. Nun fühlte er die Dinge sich zuspitzen. Die ganze Zeit über hatte er sich gegenüber der Einwirkung der alltäglichen Unwirklichkeit stumm widerstandsfähig gezeigt, wenn sie ihn zu verschlingen drohte. Aber nun mußte er selbst etwas unternehmen.
Er war mäßig von Hause aus. Da er aber auch empfindsam und voller Gemüt war, bewahrte ihn der Ekel davor, zu viel zu trinken.
Aber in leicht aufsteigendem Ärger konnte er mit der hartnäckigsten Vorsätzlichkeit und anscheinend bei bester Laune anfangen zu trinken, eben um sich zu betrinken. »Verdammt,« sagte er bei sich, »es muß doch einen Weg geben, so oder so, – kannst' den Gaul nicht an den Schatten vom Torpfosten anbinden – wenn du Beine hast, mußt du jetzt oder später doch mal in die Höhe.« So stand er auf und ging nach Ilkeston, nahm seinen Platz etwas linkisch unter einem Haufen junger Kerls ein, gab der ganzen Gesellschaft ein paar Runden aus und fand, er verstände es doch ganz gut. Es kam ihm so vor, als wäre jedermann im Zimmer gerade ein Kerl nach seinem Herzen, alles sei wunderschön und einfach vollkommen. Als jemand ihm voller Aufregung zurief, seine Rocktasche stände in Feuer, konnte er nur noch strahlend über sein rotes Gesicht hervorbringen: »Is schon gut – is schon gut so – ganz gut so, laß man –«, und dann lachte er vor Vergnügen und fand die anderen reichlich sonderbar, weil sie es nicht ganz selbstverständlich fanden, daß seine Rocktasche brannte: – das war doch die reizendste und selbstverständlichste Geschichte in der ganzen Welt – was?
Auf dem Heimweg redete er mit sich und dem Monde, der hoch und klein am Himmel stand, stolperte über den Widerschein des Mondes auf den Pfützen zu seinen Füßen und wunderte sich, was zum Deubel das wäre und lachte dann dem Monde vertrauensvoll zu und versicherte ihn, das wäre doch ganz Nummer eins!
Morgens beim Aufwachen dachte er hierüber nach und merkte zum erstenmal in seinem Leben, was es hieße, wirklich reizbar zu sein, in der wirklich schlechten Laune seines Jammers. Nachdem er Tilly angebrüllt und angeknurrt hatte, verzog er sich vor lauter Scham in die Einsamkeit. Und bei jedem Blick auf die aschgrauen Felder und die dreckigen Wege zerplagte er sich, was in drei Teufels Namen er denn nur anfangen könnte, um dies prickelnde Gefühl von Ärger und Ekel los zu werden. Und er erkannte, dies wäre das ganze Ergebnis seines großartigen Abends.
Sein Magen verlangte auch nach keinem Schnaps mehr. Verbissen zog er mit seinem Terrier über Feld und sah alles mit scheelem Auge an.
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