Sein Blut wallte in sehnsüchtigen Wogen empor. Er wäre so gern zu ihr gegangen, wäre ihr so gern entgegengekommen. Sie war bereit, wenn er sie erreichen konnte. Die Wirklichkeit ihrer Erscheinung, die nur so wenig abseits von ihm stand, nahm ihn ganz hin. Blind und vernichtet drängte er vorwärts, näher, immer näher, um die Vollendung seiner selbst zu empfangen, von der Dunkelheit aufgenommen zu werden, die ihn verschlingen und ihn sich selbst wiedergeben würde. Konnte er den strahlenden Kern der Finsternis wirklich erreichen, dann konnte er sich wirklich vernichten lassen, verbrannt werden, bis er dann mit ihr zusammen in Vollendung auferstehen würde in höchster, wirklich der allerhöchsten Vollendung.
Ihr Sichfinden nun, nach zwei Jahren ihres Ehelebens, wurde viel wundervoller als das frühere gewesen war. Es wurde zum Eintritt in einen anderen Daseinskreis, die Taufe für ein anderes Leben, es war völlige Bestätigung. Ihre Füße betraten den Grund seltsamer Erkenntnis, ihre Fußspuren leuchteten von Entdeckungen wider. Wohin sie schritten, es war gut, die Welt hallte ringsum von Entdeckungen wider. Sie waren glücklich im Vergessen. Alles war vorüber und alles neu gefunden. Sie hatten die Welt neuentdeckt, sie brauchten sie nur noch zu durchforschen.
Sie hatten das Tor zu weiteren Räumen durchschritten, wo alle Bewegung so mächtig war, daß sie Bande und Zwang und Mühen in sich barg und doch vollkommene Freiheit war. Sie war für ihn dies Tor, er für sie. Endlich hatten sie die Flügel aufgestoßen, jeder für den anderen, und hatten sich in der Öffnung gegenübergestanden, während das Licht ihnen von innen her über das Antlitz flutete; es war die Verwandlung, die Verklärung, der Einlaß.
Und das Licht dieser Verwandlung fuhr fort in ihren Herzen zu leuchten. Er machte seinen Weg wie zuvor, sie ging den ihren, für die übrige Welt wurde keine Veränderung an ihnen sichtbar. Aber für sie beide war es ein ewiges Wunder um diese Verwandlung.
Er kannte sie jetzt, nun er sie vollkommen erkannt hatte, um nichts mehr, um nichts genauer als früher. Polen, ihr Mann, der Krieg – nichts von all diesem verstand er an ihr. Er verstand auch nicht ihr fremdes Wesen, halb Deutsche, halb Polin, noch ihre fremde Sprache. Aber er kannte sie, er wußte, was sie bedeutete, auch ohne sie zu begreifen. Was sie sagte, was sie redete, das alles waren für ihn nur ganz nichtssagende Bewegungen ihrerseits. Sie schritt einher, stark in sich und klar, er kannte sie, er grüßte sie, blieb bei ihr. Was war denn Erinnerung, als daß man eine Anzahl unerfüllter Möglichkeiten wieder hervorholte? Was bedeutete Paul Lensky für sie als eine unerfüllte Möglichkeit, gegenüber der er, Brangwen, die Wirklichkeit und die Erfüllung war. Was lag daran, daß Anna Lensky von Paul und Lydia erzeugt worden war? Gott war ihr Vater und ihre Mutter, er hatte das Ehepaar durchdrungen, ohne sich ihnen völlig zu offenbaren.
Jetzt hatte er sich Brangwen und Lydia Brangwen gezeigt, als sie beieinander standen. Als sie sich endlich die Hände reichten, war das Haus fertig, und der Herr nahm seine Wohnung in ihm. Und sie wurden des froh.
Und die Tage liefen hin wie vormals, Brangwen ging an seine Arbeit, seine Frau nährte ihr Kind und kümmerte sich in gewisser Beziehung auch um den Hof. Sie dachten gar nicht aneinander – warum auch? Nur wenn sie ihn anrührte, dann wußte er sogleich, daß sie bei ihm war, dicht bei ihm, daß sie das Tor für Eingang und Ausgang war, daß sie jenseits von allem stand, und daß er in ihr durch das Jenseits dahinwanderte. Wohin? – Was lag daran? Er ging stets auf sie ein. Wenn sie rief, war er bereit, wenn er sie fragte, kam ihre Antwort sogleich oder doch sehr bald.
Annas Seele kam zwischen ihnen zur Ruhe. Sie sah von einem zum andern und merkte, sie behüteten sie fest, und sie fühlte sich frei. Sie spielte zwischen der Staubsäule und der Feuersäule voller Vertrauen, denn sie fand es zu ihrer rechten Hand so sicher bestätigt wie zu ihrer linken. Nicht länger erging an sie der Hilferuf, mit ihrer kindlichen Kraft den geborstenen Bogen zu stützen. Ihr Vater und ihre Mutter reichten nun an die Wölbung des Himmels, und sie, das Kind, durfte zwischen ihnen beiden im weiten Raume spielen.
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