Die dunkelsten Tage des Jahres kamen heran, das Kind wurde eigensinnig, seufzte, als läge ein Druck auf ihm und rannte hin und her, ohne Ruhe zu finden. Und Brangwen ging seiner Arbeit nach, schwer, das Herz schwer wie die durchnäßte Erde. Früh brach die Winternacht herein, die Lampe mußte bereits vor der Teezeit angezündet werden, die Läden waren geschlossen, alle fanden sie sich gespannt und bedrückt im Zimmer eingeschlossen. Frau Brangwen ging früh zu Bett, Anna spielte auf dem Fußboden bei ihr. Brangwen saß unten in der Leere seines Wohnzimmers, rauchend und sich über sein Elend nicht recht klar. Aber oft ging er aus, um ihm zu entrinnen.
Weihnachten war vorüber, die naßkalten Januartage liefen einer nach dem andern dahin, eintönig, hin und wieder strahlte einmal ein Fleckchen Blau hervor, als Brangwen einst in einen Morgen von Kristall hinausschritt; jeder seiner Schritte hallte laut, und zahllose Vögel ließen sich eifrig und plötzlich in den Hecken hören. Da kam es trotz allem wie eine Erhebung über ihn, ob nun seine Frau ihm fremd war oder trübselig, oder ob er sie nun gern bei sich gehabt hätte oder nicht, alles war einerlei, die Luft hallte wider von hellen Tönen, der Himmel war wie eine Glocke aus Kristall, und die Erde war hart. Da ging er an die Arbeit und war glücklich, seine Augen strahlten, und seine Backen röteten sich. Und in ihm war ein starker Wille zum Leben.
Eifrig pickten die Vögel um ihn her drauflos, die Pferde waren frisch und willig, die Bäume reckten ihre nackten Zweige in die Luft wie ein gähnender Mann die Arme, gestrafft vor Tatendrang, und die Zweige strahlten in dem klaren Licht. Er war lebendig und fühlte sich voller Eifer zu all und jedem. Und war seine Frau auch schwerblütig, und stand sie ihm fern, leblos, dann mochte sie da bleiben und ihn für sich lassen. Die Dinge würden schon kommen, wie sie kommen sollten. Währenddem hörte er das laute Krähen eines jungen Hahnes in der Ferne, er sah das blasse Horn des Mondes ausgelöscht am blauen Himmel stehen.
Da rief er seinen Pferden zu und war glücklich. Fuhr er mal nach Ilkeston hinein und traf eine frische junge Frau auf dem Wege zum Einkaufen, so rief er sie an und zügelte sein Pferd und nahm sie mit. Dann fühlte er sich glücklich, sie so neben sich zu haben, seine Augen strahlten, seine lachende Stimme trieb warmherzig Scherz mit ihr, so daß ihre Kopfhaltung noch schöner wurde und ihr Blut rascher strömte. Sie waren beide angeregt, der Morgen war so schön.
Was kam es denn drauf an, ob auf dem Grunde seines Herzens Sorgen und Schmerzen ruhten? Die lagen ja tief unten, mochten sie da bleiben. Seine Frau, ihre Leiden, ihre nahen Wehen – ja, das mußte so sein. Sie litt, aber er stand doch hier im Freien, voller Leben, und es wäre lächerlich, ja unanständig gewesen, ein langes Gesicht zu schneiden und den Jämmerlichen spielen zu wollen. Er war diesen Morgen so glücklich, wie er zur Stadt fuhr und die Hufe seiner Pferde den harten Erdboden schlugen. Wohl war er glücklich, und hätte auch die halbe Welt beim Begräbnis der andern Hälfte geweint. Und es war doch ein prächtiges Mädel, das da neben ihm saß! Und das Weib war unsterblich, komme was wolle, laß sterben wer Lust hatte. Mochte das Elend kommen, wenn man ihm nicht länger widerstehen könnte.
Der Abend später wurde wundervoll, ein rosiger Duft hing über der untergehenden Sonne und ging in veilchen- und lavendelfarbige Dünste über, und in Nord und Süd war der Himmel grün wie Türkis, und im Osten hing ein großer gelber Mond, schwer und strahlend. Es war großartig, so zwischen Sonnenuntergang und Mondschein einherzugehen, auf diesem Wege, über dem die Stechpalmbüsche sich schwarz in das Rosa und Lavendel hineinbohrten und die Stare in Schwärmen durch das Abendlicht schwirrten. Aber was war das Ende der Reise? Bald genug schon kam der Schmerz über ihn, als ihm späterhin Herz und Füße schwer wurden, sein Hirn wie tot war, sein Leben zu schlagen aufhörte.
Die Wehen begannen an einem Nachmittag, Frau Brangwen wurde zu Bett gebracht, und die Hebamme kam. Die Nacht brach herein, die Läden wurden geschlossen, Brangwen kam zum Tee herein, zum Brote und dem zinnernen Teetopf, das Kind spielte zitternd und stille mit Glasperlen, das Haus erschien leer, der Winternacht preisgegeben, als hätte es keine Mauern. Von irgendwoher im Hause erklang langgezogen und wie aus der Ferne kommend, alles durchzitternd, das schluchzende Weinen einer Frau in Wehen. Brangwen saß unten in geteilten Gefühlen. Sein tieferes, inneres Ich war bei ihr, an sie gefesselt in ihren Leiden. Aber die dicke äußere Schale seines Körpers erinnerte sich der Eulenrufe, die den Hof immer umflattert hatten, als er noch ein Junge war. Er war wieder in seiner Jugend, ein Junge, den der Eulenruf quälte, so daß er seinen Bruder aufwecken mußte, um ihn sprechen zu hören. Und dann trieb sein Geist zu den Vögeln selbst weiter, ihren feierlichen, ernsthaften Gesichtern, ihrem weichen breiten Flügelschlag. Und dann weiter zu denen, die sein Bruder geschossen hatte, plusterige, staubfarbige, weiche tote Häufchen, deren Gesichter so lächerlich zu schlafen schienen. Das war doch was Merkwürdiges, so eine tote Eule.
Er hob die Tasse an die Lippen und beobachtete das Kind bei seinen Perlen. Aber sein Geist war mit den Eulen beschäftigt und dem Gesichtskreise seiner Jungenzeit, seinen Brüdern und Schwestern. Irgendwo tief im Untergrunde war er bei seiner gebärenden Frau, bei dem Kinde, das aus ihrer beider Fleisch entsprang. Er und sie, ein Fleisch, aus dem neues Leben entspringen mußte. Zwar ging der Riß nicht durch seinen Körper, aber er hatte doch auch mit seinem Körper zu tun. Auf sie sausten die Schläge hernieder, aber die Erschütterung durchlief auch ihn bis zur äußersten Faser. Sie mußte sich auseinanderreißen lassen, um dem neuen Leben Raum zu geben, und doch waren sie ein Fleisch, ja, noch weiter zurückliegend war dies Leben doch aus ihm zu ihr hinübergelangt, und dennoch war er der Ungebrochene, der den geborstenen Felsen im Arme hielt, ihrer beider Fleisch war ein Fels, aus dem Leben hervorsprudelte, aus ihr, der geschlagenen und zerrissenen, von ihm, der da zitternd zusammenschreckte.
Er ging zu ihr nach oben. Als er ans Bett trat, sprach sie polnisch zu ihm.
»Ist es sehr schlimm?« fragte er.
Sie sah ihn an, und oh! was für eine Anstrengung kostete es sie, die andere Sprache zu verstehen, wie müde machte es sie, ihm zuzuhören, ihn zu erkennen, herauszufinden, wer er war, wie er mit seinem hellen Bart so fremd neben ihr stand und sie ansah. Etwas an ihm war ihr vertraut, in seinen Augen. Aber sie vermochte nicht ihn zu erkennen. Sie schloß die Augen.
Er wandte sich ab, weiß wie die Wand.
»'s is nich so sehr schlimm«, sagte die Hebamme.
Er merkte, daß es seine Frau angriff. So ging er wieder nach unten.
Das Kind sah erschreckt zu ihm auf.
»Ich will zu meiner Mutter«, sagte sie bebend.
»Jo, aber es geht ihr gar nicht gut«, sagte er freundlich ohne Acht.
Mit verwirrten, erschreckten Augen sah sie ihn an.
»Hat sie Kopfweh?«
»Nein – sie kriegt ein Kleines.«
Das Kind sah sich um. Er wurde sie nicht gewahr. Sie war mit ihrem Schrecken wieder ganz allein.
»Ich will zu meiner Mutter!« kam ihr Schreckensruf.
»Laß Tilly dich ausziehen,« sagte er; »du bist müde.«
Dann neues Schweigen. Und wieder kam der Weheruf.
»Ich will zu meiner Mutter!« kam es wie aus einem Uhrwerk von dem zusammenfahrenden angsterfüllten Kinde, das sich in fürchterlicher Einsamkeit abgeschnitten und verloren vorkam. Mit zerrissenem Herzen trat Tilly auf sie zu.
»Kumm un lat mi di uttrecken, min Lämmken,« flüsterte sie; »von Mor'n schast du din Mudder wedder hebben, weene man nich, wees man nich bange, min Putthöneken.«
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