»Du brauchst hier nicht mehr lange in der Wirtschaft bleiben«, sagte er.
»Ich bin hier aber ganz gern«, sagte sie. »Wenn man an so vielen Stellen gewesen ist, ist es hier recht nett.«
Hierauf schwieg er wieder still. So dicht an ihm lag sie da und doch antwortete sie ihm wie aus weiter Ferne. Aber er machte sich nichts daraus.
»Wie wars bei dir zu Hause, als du noch klein warst?« fragte er.
»Mein Vater besaß ein Gut«, erwiderte sie. »Es war dicht an einem Flusse.«
Dies sagte ihm nicht viel. Alles blieb so unbestimmt wie zuvor. Aber das kümmerte ihn nicht, solange sie nur dicht an ihm lag.
»Ich bin auch ein Gutsbesitzer –, ein kleiner«, meinte er.
»Ja«, sagte sie.
Er wagte sich nicht zu rühren. Er saß da mit seinen Armen um sie geschlungen, und sie ruhte regungslos auf seiner atmenden Brust, und lange Zeit rührte er sich nicht. Dann lagerte seine Hand sich langsam, furchtsam auf der Rundung ihres Armes, auf dem Unbekannten. Sie schien sich noch enger an ihn zu schmiegen. Eine heiße Flamme stieg ihm aus den Eingeweiden die Brust empor.
Aber es war noch zu früh. Sie stand auf und schritt durch den Raum auf eine Schublade zu, aus der sie ein kleines Deckchen nahm. Es lag etwas Ruhiges, Berufsmäßiges auf ihr. Sie hatte ihrem Manne sowohl in Warschau als auch später während des Aufstandes als Pflegerin zur Seite gestanden. Sie fuhr mit ihrem Zurechtsetzen des Geschirres fort. Es war, als bemerkte sie Brangwen gar nicht. Er saß aufrecht da, unfähig, diesen Widerspruch in ihr zu ertragen. Sie schritt undurchforschlich umher.
Während er so nachdenklich und verwundert dasaß, trat sie dicht vor ihn hin und sah ihn mit ihren weiten, grauen Augen an, die beinahe in einem schwachen inneren Lichte lächelten. Ihr häßlich-schöner Mund aber blieb immer noch regungslos und traurig. Ihm war bange.
Sein Blick, angestrengt und unruhig von all dem Ungewohnten, zitterte ein wenig vor ihr; er fühlte, daß er bebte, und doch stand er auf, wie auf einen Wink von ihr, und küßte ihren schweren, traurigen, breiten Mund, der, obschon geküßt, nicht anders wurde. Die Furcht war zu stark in ihm. Er hatte sie noch immer nicht gewonnen.
Sie wandte sich ab. Die Pastorenküche war unordentlich, und kam ihm doch so wunderschön in ihrer und des Kindes Unordnung vor. Es lag eine so wunderbare Abgeschiedenheit über ihr, und dann irgend etwas mit Bezug aus ihn selbst, was ihm das Herz in der Brust schlagen machte. So stand er wie in der Schwebe hängend da und wartete.
Wieder trat sie auf ihn zu, in seinem schwarzen Anzuge, mit seinen blanken blauen Augen, die sich über sie wunderten, sein Gesicht in lebhafter Spannung, das Haar in Unordnung. Sie trat dicht an ihn heran, an seinen gespannten, schwarzgekleideten Körper, und legte ihm die Hand auf den Arm. Er blieb unbewegt stehen. Ihre Augen, in denen dunkle Gedanken an die Vergangenheit mir ihrer Leidenschaft kämpften, durchaus ursprünglich in ihrem tiefsten Untergrunde, stießen ihn gleichzeitig ab und nahmen ihn doch wieder gefangen. Aber er blieb er selbst. Er atmete mühsam, und der Schweiß brach ihm an den Haarwurzeln auf der Stirn aus.
»Du willst mich heiraten?« fragte sie ihn langsam, immer noch ungewiß.
Er war bange, er könne noch nicht sprechen. Er holte tief und schwer Atem, als er sagte:
»Ja, das will ich.«
Noch einmal, zu seiner Todesqual, beugte sie sich leicht mit einer Hand auf seinen Arm gelehnt ein wenig vor und bot ihm mit einer seltsamen ursprünglichen Aufforderung zu einer Umarmung ihren Mund dar. Der war häßlich-schön, und er konnte ihn nicht ertragen. Er preßte seinen Mund auf den ihren, und langsam, langsam kam der Gegendruck, nahm an Kraft und Leidenschaft zu, bis er auf ihn einzudonnern schien, so daß er es nicht länger aushalten konnte. Weiß, atemlos zog er sich zurück. Nur in seinen blauen Augen lag etwas von seinem Wesen zusammengefaßt. Und in den ihren lagerte ein schwaches Lächeln über der dunklen Tiefe.
Sie trieb wieder von ihm weg. Er wäre jetzt gern gegangen. Es war unerträglich. Er konnte es nicht länger aushalten. Er mußte gehen. Und doch war er noch unentschlossen. Aber sie wandte sich von ihm weg.
Mit einem kleinen Stich von Angst, von Verneinung, brachte er alles zur Entscheidung.
»Ich komme morgen und spreche mit dem Vikar«, sagte er und nahm seinen Hut.
Sie sah ihn an, die Augen ausdruckslos und voller Dunkelheit. Er konnte keine Antwort in ihnen finden.
»Das ist doch genug, nich?« sagte er.
»Ja«, sagte sie, ein bloßer Widerhall ohne Sinn oder Bedeutung.
»Gute Nacht«, sagte er.
»Gute Nacht.«
Er ließ sie stehen, ausdruckslos und leer wie sie war. Dann fuhr sie fort das Teebrett für den Vikar fertig zu machen. Da sie den Tisch brauchte, legte sie die Narzissen auf die Anrichte, ohne sie zu beachten. Nur ihre Kühle, als sie sie anfaßte, hallte lange in ihr nach.
Sie waren sich so fremd, mußten sich immer so fremd bleiben, daß seine Leidenschaft ihm zu lauter Qual wurde. Eine derartige Innigkeit in ihrer Umarmung, und solche äußerste Fremdheit in der Berührung! Das war unerträglich. Er konnte den Gedanken an ihre Nähe nicht ertragen und sich dabei gleichzeitig über ihre gänzliche Verschiedenheit, ihre vollständige Fremdheit so völlig klar sein. Er trat in den Wind hinaus. Große Löcher waren in den Himmel geweht, das Mondlicht flog umher. Zuweilen sprang der hochstehende Mond, feucht-glänzend, aus einer Wolkenhöhle und verbarg sich hinter bräunlich schimmernden Wolkensäumen. Dann war ein dunkler Wolkenfleck da, und es wurde dunkel. Dann strahlte es irgendwo in der Nacht wieder auf, wie leuchtende Dämpfe. Und am ganzen Himmel schwoll es auf und fegte einher, ein wüstes Durcheinander fliegender Formen und Dunkelheit und fetzenhafter Dünste von Licht und großen, braunen, kreisrunden Lichtbogen, dann sprang wie ein plötzlicher Schrecken der Mond für einen Augenblick hervor, flüssig glänzend, und tat den Augen weh, bevor er sich wieder in den Schatten einer Wolke stürzte.
Zweites Kapitel.
Sie leben in der Marsch
Inhaltsverzeichnis
Sie war die Tochter eines polnischen Gutsbesitzers, der wegen seiner tiefen Verschuldung an die Juden eine reiche Deutsche geheiratet hatte und gerade vor dem Aufstande gestorben war. Sehr jung noch hatte sie Paul Lensky geheiratet, einen gebildeten Menschen, der in Berlin studiert hatte und als Vaterlandsfreund nach Warschau zurückgekehrt war. Ihre Mutter hatte einen deutschen Kaufmann geheiratet und war fortgezogen.
Lydia Lensky wandte sich nach ihrer Hochzeit mit dem jungen Arzt gleichfalls den Vaterlandsfreunden zu und warf jeden Zwang des Gesellschaftslebens von sich. Sie waren arm, aber sehr hochmütig. Um ihre Unabhängigkeit zu bezeigen, lernte sie Krankenpflege. Sie vertraten in Polen die neue Bewegung, die grade in Rußland ihren Anfang nahm. Aber sie waren sehr vaterländisch gesinnt und zugleich sehr »europäisch«.
Sie hatten zwei Kinder. Dann kam der große Aufstand. Lensky, sehr heißblütig und redegewandt, lief umher und hetzte seine Landsleute auf. Kleine Polen liefen durch die Straßen Warschaus auf ihrem Marsche, um jeden Moskowiter zu erschießen. Schließlich traten sie ins südliche Rußland über, und es war für eine Handvoll kleiner Aufständischer etwas ganz Gewöhnliches, mit geschwungenen Säbeln und sprudelnden Redensarten in ein jüdisches Dorf einzureiten und der Tat Nachdruck zu verleihen, daß sie jeden Moskowiter erschießen würden.
Auch Lensky war so eine Art Feuerfresser. Lydia war unter dem Einfluß ihres deutschen Blutes und ihrer ganz anderen Herkunft gemäßigter, dennoch wurde sie unbewußt von ihres Gatten eindringlichen Erklärungen und dem Toben seiner Begeisterung mitgerissen. Er war wirklich tapfer, aber keine Tapferkeit hätte der Lebhaftigkeit seiner Reden gleichkommen können. Er arbeitete sehr angestrengt, bis nichts mehr an ihm lebendig war als seine Augen. Und Lydia folgte ihm wie behext, wie sein Schatten, ihm dienend, wie sein Widerhall. Zuweilen hatte sie ihre beiden Kinder bei sich, zuweilen ließen sie sie allein.
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