Einmal kamen sie wieder, um sie beide an Diphtherie gestorben vorzufinden. Der Mann weinte laut, ohne Rücksicht auf seine Umgebung. Aber der Krieg tobte weiter, und bald war er wieder in seinem Beruf. Über Lydias Geist hatte sich Dunkelheit gelagert. Sie ging stets wie überschattet umher, still, im Banne eines seltsamen, tiefen Schreckens; sie sehnte sich nach Beruhigung durch etwas Furchtbares, durch Eintritt in ein Kloster, um das Gefühl des Furchtbaren in ihrem Inneren durch den Gottesdienst eines dunklen Glaubens zu befriedigen. Aber sie konnte nicht.
Dann kam ihre Flucht nach London. Für Lensky, den kleinen, schmächtigen Menschen, schloß sich das ganze Leben zu einem einzigen Widerstandsgefühl zusammen, das einfach unlösbar war. Er lebte in einer Art wahnsinniger Reizbarkeit dahin, empfindlich, hochmütig bis an die Grenzen der Möglichkeit, widerspenstig, so daß er sich als Hilfsarzt an einem der großen Krankenhäuser sehr bald unmöglich machte. Sie waren beinahe Bettler. Aber er hielt dennoch an der hohen Meinung seiner selbst fest, er schien in einer Art Sinnestäuschung zu leben, in der er die Rolle eines sehr lebendigen großen Herrn spielte. Seine Gattin behütete er eifersüchtig gegen das Beschämende ihrer Stellung, er war um sie wie ein geschwungenes Schwert, ein merkwürdiger Anblick für englische Augen; er besaß vollkommene Herrschaft über sie, als hätte er sie eingeschläfert. Sie blieb stets widerstandslos, dunkel, überschattet.
Er schwand dahin. Schon bei der Geburt des Kindes war er nichts mehr als Haut und Knochen und ein festgefaßter Gedanke. Sie sah, daß er starb, pflegte ihn, pflegte das Kind, aber in Wahrheit bemerkte sie nichts von dem allem, über ihr lagerte Dunkelheit, wie Gewissensqual, oder wie die Erinnerung an den dunklen, geheimnisvollen, wilden Ritt der Furcht, des Todes, des Schattens der Rache. Als ihr Mann starb, fühlte sie sich erleichtert. Nun würde er nicht länger um sie herumtoben.
England mit seiner Zurückhaltung und seiner Fremdartigkeit sagte ihrer Stimmung zu. Ein wenig hatte sie die Sprache schon gekannt, ehe sie herkamen, und papageienhaft pickte sie sie ziemlich leicht auf. Aber von den Engländern oder von englischer Lebensart wußte sie nichts. Diese waren für sie auch gar nicht vorhanden. Sie war wie jemand, der durch die Unterwelt geht, wo die Schatten wohl erkennbar uns umdrängen, aber sich uns nicht verständlich machen können. Sie empfand die Engländer wie eine mächtige, kalte, etwas feindselige Schar, in der sie als Sonderwesen umherging.
Die Engländer selbst dagegen benahmen sich eher zuvorkommend gegen sie, die Kirche achtete darauf, daß sie keinen Mangel litt. Leidenschaftslos, wie ein Schatten, durch das Kind zu Ausbrüchen qualvoller Liebe gebracht, schritt sie einher. Ihr sterbender Gatte mit seinen gequälten Augen und der straff gespannten Gesichtshaut war für sie zu einer Vorstellung geworden, er war nicht länger Wirklichkeit. Sein Begräbnis, sein Fortgang waren eine Erscheinung geworden. Dann verschwand diese Erscheinung, sie empfand länger keine Unruhe mehr, die Zeit verlief grau, farblos, wie eine lange Reise, auf der sie die Landschaft ohne Bewußtsein an sich vorüberziehen ließ. Wenn sie abends ihr Kind wiegte, verfiel sie am Ende einmal in ein polnisches Schlummerlied, oder zuweilen sprach sie auch einmal polnisch mit sich selbst. Sonst dachte sie nie an Polen, oder an das Leben, dem sie angehört hatte. All das erschien ihr wie ein großer, finsterer, leerer Raum. In der äußeren Tätigkeit ihres Daseins wurde sie ganz Engländerin. Sie dachte sogar englisch. Aber wenn das leere, finstere Sinnen über sie kam, war sie Polin.
So lebte sie eine Zeitlang. Mit leichter Unruhe erwachte sie dann halb zu der Empfindung der Londoner Straßen. Sie empfand, daß es etwas um sie her gab, etwas höchst Ungewohntes, daß sie sich an einem fremden Orte befand. Und dann wurde sie aufs Land geschickt. Nun kam die Erinnerung an das Heim ihrer Kindheit wieder durch, an das große Haus auf dem Lande, an die Bauern im Dorfe.
Sie wurde nach Yorkshire geschickt, um einen alten Geistlichen in seinem Pfarrhause an der See zu pflegen. Dies war der erste Wurf des Farbenspiels, der ihr etwas vor Augen führte, was sie nicht umhin konnte zu sehen. Es tat ihrem Geiste weh, das flache Land und das Moor. Es schmerzte und schmerzte. Und doch drängte es sich ihr als etwas wirklich Lebendiges auf, es erweckte schlummernde Fähigkeiten ihrer Kindheit in ihr, es stand in Beziehung zu ihrem Ich.
Nun sah sie wieder Silber und Blau und Grün in den Lüften um sich her. Und von der See her drang ein sonderbares, nicht zu dämpfendes Licht, das sie wohl wahrnehmen mußte. Primeln glühten um sie her, viele, und sie bückte sich zu dem beunruhigenden Bilde zu ihren Füßen, sie pflückte sogar ein oder zwei Blumen und dachte bei ihren neuen, lebenverkündenden Farben an das, was gewesen war. Wenn sie oben am Fenster saß, drang den ganzen Tag von der See her dies Licht, unaufhörlich, unaufhörlich, ohne Widerstand auf sie ein, bis es sie mit sich fortzuziehen schien in die Ferne, und das Tosen der See erzeugte Schläfrigkeit in ihr, ein Erschlaffen wie im Schlummer. Das Gefühl, als sei sie nur ein totes Spielwerk, wurde etwas schwächer, sie strauchelte zuweilen, und ein schneidendes, rasch emportauchendes Gefühl, daß sie doch ein lebendes Kind besäße, tat ihr unsagbar weh. Ihre Seele füllte sich mit Aufmerksamkeit. Sehr eigentümlich war ihr der beständige Glanz der See, die blau unter dem Himmel dalag, sehr süß und warm kam ihr der Friedhof vor in seinem Winkel des Hügels, wo er jeden Sonnenstrahl einsog und festhielt, wie man eine betäubte Biene zwischen den flachen Händen hält. Graues Gras und Flechten und eine kleine Kirche, und Schneeglöckchen zwischen dem rauhen Grase, und eine Fülle unendlich warmen Sonnenscheines.
Ihre Gedanken waren voller Unruhe. Wenn sie den unter Bäumen dahinfließenden Bach hörte, fuhr sie auf und wunderte sich, was das sein könne. Schritt sie dann hinunter, so kamen ihr die Glockenblumen unter den Bäumen wie glühende Zeichen einer neuen Gegenwart vor.
Der Sommer kam, das Moor war übersät mit Glockenblumen wie der Weg mit Wasserlachen, die Heide bekam unter dem hohen Himmel einen rosigen Glanz, von dem die ganze Welt erwachte. Und sie wurde unruhiger. Ging sie an Ginsterbüschen vorbei, so schrak sie vor ihrer Gegenwart zurück, in die Heide schritt sie hinein wie in ein erregendes Bad, das fast schmerzte. Ihre Finger fuhren über die zusammengeballten ihres Kindes, sie hörte zerstreut seine sehnsuchtvolle Stimme bei seinen Versuchen, sie zum Reden zu bringen.
Und wieder schrak sie zurück, zurück in ihre Finsternis und hielt sich dort so eine Weile sicher vor allem Leben verborgen. Aber der Herbst kam mit dem schwachen, rötlichen Schimmer singender Rotkehlchen, Winter dunkelte über dem Moore und fast wild wandte sie sich dem Leben wieder zu, forderte ihr Leben zurück, verlangte es wieder so, wie es zu ihrer Mädchenzeit gewesen war, zu Hause auf dem Lande unter freiem Himmel. Schnee lag weit und breit, die Telegraphenstangen liefen über die weiße Erde unter dem drohenden Himmel dahin. Und wieder stieg der wilde Wunsch in ihr empor, dies möchte Polen sein, alles möchte wieder ihr eigen sein.
Aber es waren keine Schlitten, keine Glöckchen dabei, sie sah keine Bauern wie ganz neue Menschen daherkommen, mit ihren Schafpelzen und mit den fröhlichen, geröteten, frischen Gesichtern, die wie ganz neu aussahen bei dem Leuchten des Schnees am Boden. Es kam nicht zu ihr zurück, das Leben ihrer Jugend, es kam nicht wieder. Ein schwacher Kampf und dann ein Zurückversinken in die Finsternis des Klosters, wo Satan und seine Teufel um die Mauern heulten und Christus weiß an seinem Siegeskreuze hing.
Vom Krankenzimmer aus sah sie den Schnee vorbeiwirbeln wie eine Schar eiliger Schatten, die zu einer letzten Sendung hinaus auf die bleierne, endlose See flogen, über die weißen Grenzsäume der Küstenbuchten und die schneegefleckte Schwärze halb untergetauchter Klippen. Aber nahebei lag der Schnee auf den Bäumen weich wie Blüten. Nur die Stimme des sterbenden Vikars tönte grau und klagend aus dem Hintergrunde.
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