So lebte er bis zur Hochzeit in der Schwebe, als sei nur die Hälfte seines Wesens noch am Leben. Sie verstand das nicht. Aber wieder kam die Unsicherheit über sie, und die Tage schlichen hin. Er konnte zu keiner wirklichen Berührung mit ihr kommen. Für den Augenblick ließ sie ihn wieder gehen.
Er litt sehr unter dem Gedanken an das eigentliche Zusammenleben, an die Vertraulichkeit und Blöße der Ehe. Er kannte sie ja so wenig. Sie waren sich ja so fremd, so unbekannt. Und sie konnten auch nicht recht miteinander reden. Wenn sie von Polen oder ihrer Vergangenheit erzählte, war ihm das alles so fremd, sie vermittelte ihm damit so gar nichts. Und wenn er sie dann ansah, so wandelte eine übertriebene Ehrfurcht und Angst vor dem Unbekannten sein Sehnen in eine Art Verehrung um, die sie gegen seinen Willen seinen fleischlichen Wünschen fernhielt.
Sie wußte dies nicht, sie merkte es nicht. Sie hatten sich angesehen und sich gegenseitig hingenommen. Das war richtig, und dagegen gab es kein Stemmen, es war zwischen ihnen alles in Ordnung.
Während der Hochzeit blieb sein Gesicht steif und ausdruckslos. Er hätte gern getrunken, um von seinen Ängsten und Hintergedanken loszukommen, um den richtigen Augenblick herbeizuführen. Aber er konnte nicht. Die Spannung seines Herzens verstärkte sich nur. Die Scherze und die witzigen, offenherzigen Anspielungen seiner Gäste machten ihn nur noch zurückhaltender. Er konnte sie nicht anhören. Er war von dem Bevorstehenden wie besessen und konnte nicht davon freikommen.
Sie saß ruhig mit einem stillen, seltsamen Lächeln da. Da sie ihn genommen hatte, wünschte sie ihn auch ganz für sich zu haben, sie gehörte nun gänzlich der Stunde an. Keiner Zukunft, keiner Vergangenheit, nur dieser ihrer Stunde. Sie nahm ihn nicht einmal wahr, wie er da neben ihr am Kopfende der Tafel saß. Er war ihr ganz nahe, ihre Vereinigung stand nahe bevor. Was wollte sie weiter!
Als die Abschiedszeit für die Gäste herankam, entzündete sich ihr dunkles Gesicht mit einem sanften Licht, die Haltung ihres Kopfes wurde stolz, ihre grauen Augen waren hell und weit geöffnet, so daß die Männer sie nicht ansehen konnten und die Frauen sich von ihrem Anblick erhoben fühlten, sie beteten sie an. Ganz wundervoll war sie beim Abschied, ihr häßlicher, breiter Mund lächelte vor Stolz und Verständnis, ihre Stimme klang weich und voll in den fremden Tönen, ihre weit offenen Augen sahen nicht einen einzigen der sich verabschiedenden Gäste. Ihr Benehmen war liebenswürdig und bezaubernd, aber sie übersah vollkommen ihn oder sie, denen sie grade die Hand gab.
Und Brangwen stand neben ihr und tauschte mit seinen Freunden einen treuherzigen Handschlag und nahm dankbar jede Aufmerksamkeit entgegen, erfreut über ihre Achtung. Aber sein Herz stand Qualen aus, er versuchte auch nicht einmal zu lächeln. Die Zeit seines Gerichts und seiner Zulassung, sein Gethsemane und sein Einzug zugleich war nun gekommen.
Hinter ihr lag noch so vieles verborgen, was er nicht kannte. Wenn er sich ihr näherte, stieß er auf so furchtbar viel Unbekanntes, das ihm peinlich war. Wie konnte er all das umfassen und es ergründen? Wie sollte er seine Arme um all dies Dunkel legen, es an seine Brust drücken und sich ihm hingeben? Was konnte ihm dabei nicht zustoßen? Mochte er sich auch ewig strecken und härmen, nie würde er das alles verstehen und sich selber nackt und bloß aus seiner eigenen, dieser ihm unbekannten Macht ausliefern können. Wie sollte ein Mann so stark sein, daß er sie in die Arme schließen und besitzen und dabei doch nicht sicher sein konnte, er habe auch all dies Furchtbare, Unbekannte, ihm dicht am Herzen Liegende erobert? Was lag denn in ihr, dem er sich zu übergeben hatte und das er zu gleicher Zeit behalten sollte?
Er sollte ihr Gatte werden. So war es beschlossen. Und er wünschte es sehnlicher als sein eigenes Leben oder sonst irgend etwas. Sie stand in ihrem Seidenkleide neben ihm, ihn mit seltsamen Blicken anschauend, so daß ein gewisser Schrecken, eine Angst vor ihr von ihm Besitz ergriff, weil sie so seltsam und drohend aussah und ihm keine Wahl ließ. Er konnte den Blick unter ihren starken, seltsamen Brauen hervor nicht mehr aushalten.
»Ist es spät?« fragte sie.
Er sah auf die Uhr.
»Nein – halb zwölf«, sagte er. Und er brauchte eine Ausflucht, um in die Küche gehen zu können und sie im Zimmer inmitten der Unordnung halbgeleerter Trinkgläser stehen zu lassen.
Lilly saß in der Küche am Feuer, den Kopf in den Händen. Sie fuhr bei seinem Eintritt in die Höhe.
»Wat bist du nich to Bedde gohn?« sagte er.
»Ick dach, ick moch woll beter hier blieben und wegsluten un so«, antwortete sie. Ihre Erregung machte ihn ruhiger. Er gab ihr einen kleinen Auftrag und ging dann ruhig, beinahe beschämt, aber nun ganz fest wieder zu seiner Frau. Sie stand und beobachtete ihn einen Augenblick, während er sich mit weggewandtem Gesicht herumbewegte. Dann sagte sie:
»Du wirst gut gegen mich sein, nicht wahr?«
Sie war klein, mädchenhaft, furchtbar, mit einem sonderbar umfassenden Blick in den Augen. Sein Herz hüpfte in einem Ansturm von Liebe und Sehnsucht in ihm empor, er schritt blind auf sie zu und schloß sie in seine Arme.
»Das will ich«, sagte er, als er sie fester und fester an sich preßte. Sie fühlte sich durch die Kraft seiner Umarmung beruhigt und blieb ganz still, hingegeben an ihn gelehnt, sich mit ihm vermischend. Und er riß sich von Zukunft und Vergangenheit los und überließ sich mit ihr der Stunde. Der Stunde, in der er sie hinnahm und bei ihr war und nichts um sie mehr da war und sie in einer urgewaltigen Umarmung über ihre äußerliche Fremdheit hinauswuchsen. Aber am Morgen war er wieder unruhig. Sie war ihm wieder fremd und unbekannt. Nur lag Stolz in seiner Furcht, der feste Glaube, daß er ihr zum Genossen bestimmt sei. Und sie, die in der Stunde, da sie in dies neue Leben eintrat, alles vergessen hatte, erstrahlte vor freudigem Kraftgefühl, so daß er davor erzitterte, sie zu berühren.
Die Ehe bedeutete für ihn eine gewaltige Veränderung. Alles erschien ihm so fern, so bedeutungslos, nun er die mächtige Quelle seines Lebens erkannte, seinen Augen öffneten sich neue Welten, und er wunderte sich, wenn er daran dachte, wie gleichgültig ihm früher dies alles gewesen war. Es zeigte sich ihm eine neue, beruhigende Verwandtschaft in den Dingen, die er um sich her sah, in seinem Vieh, wenn er es pflegte, in seinem jungen Weizen, wenn er im Winde schwankte.
Und immer, wenn er nach Hause kam, ging er ruhig, erwartungsvoll, wie ein Mann, der einer tiefen, unbekannten Befriedigung entgegengeht. Zur Essenszeit erschien er in der Tür und blieb einen Augenblick stehen, um zu sehen, ob sie da wäre. Er sah zu, wie sie die Teller auf den weißgescheuerten Tisch setzte. Ihre Arme waren dünn, sie trug ein enganliegendes Leibchen und weite Röcke, hatte einen dunklen, feingeformten Kopf mit schlicht anliegendem Haar. Indessen war es grade ihr Kopf, so feingeformt und aufregend, der sie ihm als seine Frau enthüllte. Wie sie da in ihrer engen Jacke, den weiten Röcken und mit ihrer kleinen seidenen Schürze herumwirtschaftete, ihr dunkles Haar schlicht gescheitelt, enthüllte sich ihm ihr Kopf in seiner ganzen innerlichen, zarten Schönheit, und er wußte, sie war seine Frau, er kannte ihr innerstes Wesen, das nun sein eigen sein sollte. Und auf die Weise schien er in Berührung mit ihr, in Berührung mit dem Unbekannten, dem Unberechenbaren und nicht Vorherzusehenden zu leben.
Mit Bewußtsein achteten sie nicht besonders viel aufeinander.
»Ich komme wohl ein bißchen früh?« sagte er.
»Jawohl«, erwiderte sie.
Er wandte sich zu den Hunden oder zu der Kleinen, wenn sie da war. Die kleine Anna spielte auf dem Hofe herum, sauste alle Augenblicke herein, um ihre Mutter irgend etwas zu fragen, die Arme um ihrer Mutter Röcke zu schlagen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und vielleicht einmal gestreichelt zu werden und um dann wieder vergessend hinaus zu fliegen.
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