Als aber die Zeit kam, daß die Schneeglöckchen durchbrachen, war er tot. Er war tot. Aber mit seltsamem Gleichmut beobachtete die rückkehrende Frau die Schneeglöckchen am Saume des Rasens zu ihren Füßen, die der Wind wohl bleichen, aber nicht fortwehen konnte. Sie beobachtete ihr flatterndes Auf- und Abtauchen, die geschlossenen, weißen Blüten, die nur mit einem Fädchen an dem graugrünen Grase hingen und doch nicht fortgeweht werden konnten, nie im Winde davontrieben.
Als sie am Morgen aufstand, brach die Dämmerung weiß herein mit Lichtschauern, wie ein dünner Schneesturm wehten sie aus dem Osten herüber, wehten stärker und immer wilder, bis das Rosa und Gold erschien und die See dort unten hell wurde. Es ließ sie ganz gleichgültig und unempfindlich. Und doch stand sie bereits außerhalb des Bannes der Finsternis.
Wieder ging eine Zeit der Dunkelheit, anbetendes Versinken in altvertraute Furcht über sie hin, als sie ganz selbstvergessen nach Cossethay geschickt wurde. Hier gab es zuerst nichts, gar nichts – einzig graues Nichts. Aber dann umfing sie eines Morgens der Abglanz goldenen Jasmins und späterhin morgens und abends der unaufhörliche Gesang der Drosseln in den Büschen, bis ihr Herz unter diesem Ansturm sich gezwungen sah, im Wettbewerb antwortend seine Stimme zu erheben. Kleine Weisen kamen ihr ins Gedächtnis zurück. Sie war voller Unruhe, als ängstige sie sich. Widerstrebend mußte sie sich geschlagen bekennen, und aus der Furcht vor der Finsternis wandte sie sich zu der Furcht vor dem Licht. Gern hätte sie sich im Hause verborgen, hätte sie es nur gekonnt. Vor allem sehnte sie sich nach dem Frieden und der Vergessenheit ihres ehemaligen Daseins. Sie konnte die neue Berührung mit der Wirklichkeit nicht ertragen. Die ersten Wehen ihrer Wiedergeburt waren so scharf, daß sie wußte, sie könne sie nicht ertragen. Lieber zerrissen, verstümmelt, außerhalb alles Lebens bleiben, als in diese neue Geburt hineingerissen zu werden, die sie nicht überleben konnte. Sie fühlte nicht die Kraft in sich, hier unter dem fremden, so feindseligen Himmel Englands zu neuem Leben zu erwachen. Sie wußte, sie würde früh sterben, eine farblose, duftlose Blume, die des Winters Ende mitleidlos ins Leben setzt. Und sie wollte ihr Maß flimmernden Lebens bewahren.
Aber ein sonnenheller Tag kam, so voll Duft des Seidelbastes, an dem die Bienen in die gelben Krokus hinabtaumelten, daß sie vergaß, daß sie sich als eine andere fühlte, nicht als sie selbst, voller Freude. Aber sie wußte, wie gebrechlich diese Empfindung war, und hatte Angst vor ihr. Der Vikar streute Erbsenblüten zwischen die Krokus, damit seine Bienen sich in ihnen tummeln könnten, und sie lachte. Dann kam die Nacht mit ihren funkelnden Sternen, die sie von alters her, aus ihrer Mädchenzeit kannte. Und sie funkelten so hell, daß sie merkte, sie seien Sieger.
Sie vermochte weder zu wachen noch zu schlafen. Wie zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft zermalmt, wie eine Blume, die über die Erde hinaufsteigt, um zu finden, daß ein großer Stein über ihr lagert, so hilflos kam sie sich vor.
Ihre Verwirrung, ihre Hilflosigkeit dauerten fort, sie fühlte sich von riesigen Massen umgeben, die sie zermalmen mußten. Und da gab es kein Entrinnen. Außer in ihrer alten Selbstvergessenheit, in der kalten Finsternis, die sie zurückzuhalten strebte. Aber der Vikar zeigte ihr Eier in dem Drosselnest neben der Hintertür. Sie sah selbst die Drosselmutter auf dem Neste und die Art, wie diese ihre Flügel so hastig über ihr Geheimnis breitete. Die ausgebreiteten, hastigen Flügel auf dem Neste erregten sie mehr, als sie ertragen konnte. Sie dachte an sie des Morgens, wenn sie erwachend das Pfeifen des Drosselmännchens hörte, und dachte: »Warum bin ich nicht da draußen gestorben, warum hat man mich hierhergebracht?«
Sie empfand die Leute in ihrer Umgebung nicht als Menschen, sondern als drohende Gespenster. Es wurde ihr sehr schwer, sich wieder zurechtzufinden. In Polen waren die Bauern, das Volk für sie nur Vieh gewesen, ihr gehöriges Vieh, das sie nach Belieben ausnutzen konnte. Was waren dies für Leute? Nun sie erwachte, fühlte sie sich verloren.
Aber als Brangwen an ihr vorbeiging, hatte sie die Empfindung, als habe er sie gestreift. Ihr ganzer Körper war in Erregung geraten, als sie den Hügel hinanstieg. Nachdem sie in der Küche auf der Marsch bei ihm gewesen war, hatte sich die Stimme ihres Körpers stark und dauernd erhoben. Sehr bald verlangte sie nach ihm. Er war der Mann, der ihr bei ihrem Wiedererwachen am nächsten gestanden hatte.
Und doch versank sie immer wieder in die alte Bewußtlosigkeit, Gleichgültigkeit, und ein innerer Wille sagte ihr, sie dürfe nicht weiter ins Leben hinein. Aber dann erwachte sie eines schönen Morgens und fühlte ihr Blut strömen, fühlte sich wie eine geöffnete Blüte ohne Schutz den Sonnenstrahlen ausgesetzt und voller Sehnsucht.
Sie lernte ihn besser kennen, und ihr Gefühl heftete sich an ihn –, just an ihn. Ihr Gefühl war stark gegen ihn, weil er nicht von ihrer Art war. Aber ein blinder Trieb veranlaßte sie, ihn zu nehmen, ihn zu besitzen, und sich dann ganz ihm hinzugeben. Das bedeutete Sicherheit. Sie fühlte, wie sicher seine Wurzeln, sein Leben war. Auch war er jung und so frisch. Sie erfreute sich an dem blauen, stetigen Leben in seinen Augen wie an einem schönen Morgen. Er war sehr jung.
Dann verfiel sie wieder in ihre Starre, ihre Gleichgültigkeit. Aber das würde sicherlich nur vorübergehend sein. Wärme durchflutete sie, sie fühlte, wie sie sich öffnete, entfaltete, fragend, wie eine Blume sich der Sonne mit einer Frage erschließt, wie die Schnäbel junger Vögelchen sich lediglich öffnen, um zu empfangen, zu empfangen! Und entfaltet wandte sie sich ihm zu, gradeswegs Und er kam, langsam, furchtsam, von einer geheimnisvollen Furcht zurückgehalten und von einem Sehnen getrieben, mächtiger als er selbst.
Als sie sich öffnete und ihm zuwandte, da verschwand alles Vergangene und alles, was sie umgab, sie war neu wie eine sich eben entfaltende Blume, die bereit, erwartungsvoll, empfangend dasteht. Er konnte das nicht verstehen. Infolge dieses Mangels mußte er zu ehrbarem Werben und geheiligter, gesetzlich anerkannter Ehe schreiten. Daher blieb sie nach seinem Gang zum Pfarrhause, als er um sie angehalten hatte, ein paar Tage lang wie gefangen in diesem Zauber, geöffnet, empfangend vor ihm. In ihm war die Urwelt los. Er sprach mit dem Vikar und ließ sich aufbieten. Dann stand er und wartete.
Sie verblieb ihm gegenüber aufmerksam und vollgefühlsmäßiger Erwartung, entfaltet, bereit ihn zu empfangen. Er aber konnte nicht, teils aus Furcht vor sich selber und dann wegen seiner Begriffe von ihr schuldiger Verehrung. So blieb er in einem Zustande von Verwirrung.
Und nach ein paar Tagen schloß sie sich allmählich wieder, entschwand ihm, sie zog eine Schutzhülle über, wurde undurchdringlich für ihn und vergaß seiner. Dann breitete sich schwarze, bodenlose Verzweiflung über ihn, und er merkte, was er verloren habe. Er dachte, er habe sie endgültig verloren, er empfand, was es für ihn bedeutet habe, mit ihr in Gedankenaustausch zu stehen und dann wieder verstoßen zu werden. In seinem Elend war ihm das Herz schwer wie ein Stein, er ging wie leblos umher.
Bis er dann schließlich so verzweifelt wurde, daß er fast den Verstand verlor und in eine Wut verfiel, die keine Grenzen kannte. Sprachlos bewegte er sich aus der Marsch in heftiger, düsterer, wortloser Leidenschaft umher, die fast wie Haß gegen sie aussah. Bis sie dann allmählich wieder zum Leben erwachte, wieder ihrer gemeinsamen Beziehungen gewahr wurde, sich ihm aufs neue zu erschließen, ihm entgegenzuströmen begann. Er wartete, bis der Zauber zwischen ihnen wieder mächtig wurde, bis sie wieder in einer brausenden, stürmenden Flamme zusammenkamen. Und dann überkam ihn wieder Verwirrung, er war wie mit Stricken gebunden und konnte sich nicht zu ihr hinbewegen. So kam sie zu ihm, sie knöpfte ihm die Weste über der Brust auf und das Hemd, und legte ihm die Hand auf die Brust in dem Zwange, ihn kennen zu lernen. Denn für sie war es grausam, sich ihm erschließen und ihm anbieten zu sollen und dann noch nicht zu wissen, wer er war, nicht einmal ob er wirklich da sei. Sie gab sich der Stunde hin, aber er vermochte das nicht, und verpaßte so die Gelegenheit, sie hinzunehmen.
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