1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 »Eine Bedingung, Ram.«
»Was denn noch? Ein Pfund von meinem Fleisch, so wie bei Shakespeare?«
»Igitt, was denkst du von mir? Nein, ich übernehme den Auftrag nur, wenn du meine Gedanken nicht mehr liest, nachdem ich mit meiner Arbeit fertig bin. Bitte fühl dich nicht beleidigt, aber ich kann es nicht ertragen, wenn nicht einmal das geheim bleibt, was in meinem Kopf vorgeht.«
»Du beleidigst mich nur, wenn du meine irische Herkunft in den Dreck ziehst.«
»Gut zu wissen. Ich werde ein bisschen recherchieren und herausfinden, wie man das am besten macht.«
Ram lachte. »Ein guter Anfang wäre schon mal, wenn du das Bier, das du gerade getrunken hast, scheiße findest.«
»Diesen Gefallen würde ich dir gerne tun, aber eigentlich hat es mir geschmeckt.«
»Glück gehabt. Unterschätze nie die Rachsucht eines beleidigten Iren.«
Mirco grinste. Dann stand er auf, steckte den Cube in seine Hosentasche und sagte: »Ich verabschiede mich für heute, weil ich verdammt müde bin.«
»Du hast was vergessen.«
»Nämlich?«
»Die Comics.«
»Natürlich. Schön, dass du daran denkst.«
Als Mirco eine Viertelstunde später die Wohnung verließ, hatte Ram ihm nicht ein oder zwei Hefte in eine Tüte gepackt, sondern drei seltene Moebius-Comics aus der John-Difool-Reihe.
Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Kumpel darauf hinzuweisen, dass diese Hefte im antiquarischen Onlinefachhandel teuer waren.
Richtig teuer.
Der Gedanke, den er postwendend empfing, ließ ebenfalls wenig Spielraum für Spekulationen.
Gib nicht immer so an. Deine Großspurigkeit ist unerträglich.
Knapp drei Wochen später lag Ram auf seinem Wohnzimmersofa und blickte zur Decke, weil das nach seiner Erfahrung die beste Körperhaltung war, um sich längere Zeit erfolgreich zu konzentrieren. Die Anbahnung der sexuellen Abenteuer, die ihm im Gespräch mit Mirco noch so attraktiv erschienen waren, hatte er vorerst zurückgestellt. Neben ihm, auf dem Tisch, standen ein Glas und eine Flasche Ginger Ale, denn das war seine bevorzugte Ersatzdroge, wenn er, wie in den letzten zwanzig Tagen, auf Alkohol verzichtete.
Ginger Ale schmeckte hinreichend herb, um ihn an irische Biersorten zu erinnern, aber die Ähnlichkeit war nicht so groß, dass sie ihn veranlasst hätte, unaufhörlich an den Stout-Vorrat zu denken, den er im Kühlschrank aufbewahrte.
»Wie unterscheiden sich die Wahrscheinlichkeiten für einen Straight Flush, wenn man Siebenkartenspiele wie Texas Hold ‘Em mit Fünfkartenspielen wie Five Card Stud vergleicht?«, fragte gerade die freundlich neutrale Frauenstimme, die Ram als Standard für alle Computer-Voice-Anwendungen festgelegt hatte.
Er dachte kurz nach und antwortete: »Bei sieben Karten liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Straight Flush bei null Komma null-zwo-acht Prozent, bei fünf Karten liegt sie nur bei null Komma null-null-eins-drei-neun Prozent. Also sind die Chancen auf eine solche Hand bei Siebenkartenspielen ungefähr zwanzig Mal größer.«
»Korrekt. Was ist das wichtigste Kriterium für einen guten Spieler, welches Hauptziel hat er, und was hilft ihm bei der Analyse des Spielgeschehens?«
Drei Fragen in einer, dachte Ram. Aber sie sind leicht zu beantworten. Reines Basiswissen.
»Ein guter Spieler versucht herauszufinden, wie gut seine Hand im Vergleich zu den Karten der Mitspieler ist. Dabei schließt er von seinen Pocket Cards, von den Community Cards und den Karten, die ausgespielt werden, auf die verdeckten Karten seiner Kontrahenten, indem er Wahrscheinlichkeitsberechnungen durchführt. Der zweite Hauptfaktor ist das Beobachten der Rundengegner: Körpersprache, Blufftechniken, bisheriges Verhalten im Spielverlauf. Das Hauptziel ist es, schlechte Hände normalerweise frühzeitig aufzugeben, finanzielle Verluste klein zu halten und den Gewinn zu maximieren.«
»Korrekt. Wie wird es in den meisten Fällen interpretiert, wenn ein Spieler seine Pocket Cards über einen längeren Zeitraum ansieht, und was ist die Gefahr einer solchen Betrachtungsweise?«
Auch durch diese Frage fühlte sich Ram eher unter- als überfordert.
»Es heißt, dass ein Spieler, der eine starke Hand hat, unbewusst länger in seine Karten schaut als jemand mit einer schwachen Hand. Die Gefahr einer solchen Interpretation besteht darin, dass versierte Gegner dieses Mittel bewusst einsetzen können, um zu bluffen.«
Die deutsche Sprache hatte etwas unnachahmlich Bürokratisches, fand Ram. ›Die Gefahr einer solche Interpretation besteht darin, dass …‹
Er liebte diese bis ins Absurde gehende Umständlichkeit, seit er Deutsch gelernt hatte, und spielte gern mit ihr.
»Korrekt«, sagte die freundlich neutrale Frauenstimme. »Woher kommt der Begriff ›Dead Man’s Hand‹?«
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag geriet Ram ins Stocken. Klar, eine Dead Man’s Hand bestand aus zwei Assen und zwei Achten, aber danach hatte das Advanced-Gambling-Programm, Schwerpunkt Texas Hold ‘Em, zu seinem Bedauern nicht gefragt. Die Wahrscheinlichkeiten für eine solche Kombination hätte er ebenso im Schlaf aufsagen können wie die Chancen dafür, dass aus einer Dead Man’s Hand, abhängig vom Spielverlauf, noch ein Full House wird. Aber woher kam der gottverdammte Name?
Zu seinem Glück waren Computer geduldig, und er hatte eine großzügige maximale Antwortzeit eingestellt.
Ram versuchte sich zu konzentrieren, aber es nutzte nichts.
Erst als seine Gedanken nach ein paar Minuten abschweiften und sich in erotischen Fantasien verloren, fiel ihm alles wieder ein.
Deadwood.
Natürlich, Deadwood. Deadwood, South Dakota. Da liegt der Typ begraben.
Ram räusperte sich. »Der Begriff ›Dead Man’s Hand‹ bezieht sich auf das Leben und Sterben eines amerikanischen Revolvermannes aus dem 19. Jahrhundert. White Bill Hickok. Acht Schießereien, acht Tote, wenn ich mich richtig erinnere. Hickok war ein passionierter Gambler, und irgendwann hat ihn ein Mann hinterrücks beim Spielen erschossen. Es heißt, dass Hickok mit einer Dame, zwei Assen und zwei Achten in der Hand gestorben ist, in Deadwood, South Dakota. Seitdem wird die Asse-Achten-Kombination ›Dead Man’s Hand‹ genannt.«
»Korrekt. Damit haben Sie die letzte von zweihundertfünfzig Trainingstesteinheiten erfolgreich beendet, die nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt worden sind. Sie konnten alle Fragen korrekt beantworten. Herzlichen Glückwunsch, Ram.«
Ram hielt es für überflüssig, sich bei einer Rechnersoftware für einprogrammierte Glückwünsche zu bedanken.
Stattdessen sagte er: »Computer, beende Advanced Gambling und spiele die Tracklist Nummer siebenundachtzig ab, Best of Johnny Cash. Volume auf zwei.« Im Angedenken an White Bill Hickok und alle Spinner seiner Art , fügte er in Gedanken hinzu.
Es war Zeit für das erste Bier seit einer halben Ewigkeit. Ram stand auf, ging in die Küche und kam mit einer kühlen Flasche Beamish Stout zurück.
Sein Leben bestand aus vielen mehr oder weniger festen Gewohnheiten. Diese, das Bier aus seiner Heimat, gehörte zu den festesten, aber er hatte beschlossen, bis zum Ende seines Pokertrainings abstinent zu bleiben, um mit voller Konzentration an seinem Plan arbeiten zu können. Dem Plan, innerhalb weniger Wochen aus einem absoluten Laien einen versierten Pokerspieler zu machen.
Das, was ihn von einem hervorragenden Gambler unterschied, mussten dann seine telepathischen Fähigkeiten ausgleichen.
Er setzte sich wieder auf die Couch und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Dabei entfuhr ihm ein wohliges »Mmh …«, so wie den Schauspielern in unzähligen Bierwerbefilmchen.
Johnny Cash sang gerade »Solitary Man«, mit einer Stimme vom Rande des Grabes.
Читать дальше