»Schön, dass du deinen fast schon undeutschen Humor nicht verloren hast, Mirco. Was gibt’s denn?«
Mirco rieb sich die Augen mit den Händen, bevor er wieder in seine Webcam blickte.
»Die gute Nachricht ist, dass ich die Anti-Tinnitus-Stöpsel inzwischen fertig umgebaut habe. Maßgeschneidert für deine Ohrform, und die Dinger warten nur darauf, dass ich sie so kalibriere, dass du deine telepathischen Fähigkeiten selektiv ein- und ausblenden kannst. Entweder ganz oder bezogen auf bestimmte Personen. Dazu sollten wir uns treffen.«
»Klar, komm vorbei, wenn du Zeit hast.«
»Vielleicht heute Abend? Ich müsste sowieso dein Rechnersystem nach Brain-Reader-Informationen durchsuchen, auch wenn ich bezweifle, dass das viel bringt …«
»Wieso? Was meinst du damit?«
Mirco wirkte plötzlich etwas unangenehm berührt. »Ich hab gerade zum unzähligsten Mal alles durchprobiert, was mir an technischen Möglichkeiten zur Verfügung steht … aber der Cube, den du mir gegeben hast, ist leer. Keinerlei Anzeichen dafür, dass darauf jemals ein einziges Bit Information abgelegt war. Ein absolut jungfräuliches Speichermodul, so wie man es für ein paar Cent im Fachhandel bekommt. Nach einer Woche Rumärgern habe ich zwei sehr begabte Hacker aus meinem Bekanntenkreis kontaktiert, aber die konnten auch nichts finden. Dann gab’s noch mal vierzehn Tage Intensivanalyse mit den abgefahrensten Programmen, die auf dem Markt sind. Dutzende Chatrooms, Spezialblogs, Recherchen in abgeschirmten Netzbereichen … alles vollkommen für’n Arsch.«
»Jetzt hol dir mal nicht gleich den Strick.« Ram grinste, und zu seiner Überraschung bemühte Mirco sich, es ihm gleichzutun.
»Keine Sorge, so weit ist es noch nicht. Natürlich werde ich dir nichts für die Cube-Arbeiten berechnen. Ich bin an dem Ding gescheitert, das Lehrgeld muss ich selber zahlen.«
Ram hatte nicht mit so viel Entgegenkommen gerechnet.
»Das ist anständig von dir, aber ich hätte einen Gegenvorschlag.«
»Nämlich?«
»Du kriegst zehn Prozent von allem, was ich in diesem Jahr beim Pokern gewinne, für alles, was du für mich tust. Steuerfrei. Ich hab in den letzten drei Wochen viel geübt. Wenn ich das mit der Gedankenleserei kombiniere, kann ich bei den Turnieren richtig abräumen.«
Mirco schwieg, doch Ram brauchte keine telepathischen Fähigkeiten, um zu erkennen, dass sein Bekannter immer noch Zweifel hatte.
»Gut, es gibt ein gewisses Restrisiko«, sagte Ram nach einer kleinen Denkpause. »Das könnten wir sozusagen einpreisen, indem ich dir statt zehn Prozent zwanzig Prozent vom Jahresgewinn anbiete. Okay?«
»Zwanzig Prozent von null wäre null«, antwortete Mirco, »aber meinetwegen. Auf jeden Fall sollte ich möglichst bald überprüfen, ob sich die maskierten Brain-Reader-Informationen auf deinem Netzwerksystem decodieren lassen. Ich bin nicht besonders optimistisch, aber vielleicht kann ich die Verschlüsselung knacken. Den Versuch bin ich dir schuldig.«
»Komm vorbei, wenn du Zeit hast. Ich bin den ganzen Abend zu Hause.«
»Irgendwie überrascht mich das jetzt nicht …«
»Okay, dann bis später.«
»Bis später.«
Ram deaktivierte das Webphone. Er trank die Bierflasche leer, während Johnny Cash eingeblendet wurde und die Gelegenheit ergriff, den Nachmittag erneut mit süßer Melancholie zu vergolden.
Innerlich nahm Ram bereits an dem Wettkampf teil, der ihm bevorstand, und ging die Spielstrategien, die er benutzen wollte, immer wieder in Gedanken durch.
Die Woche zwischen der Onlinebuchung und dem großen Turnierkampftag war wie im Flug vergangen.
Ram hatte sich nicht mehr, als es nötig war, mit der Tatsache beschäftigt, dass Mirco es nicht geschafft hatte, die maskierten Brain-Reader-Daten in seiner AR oder im Heimcomputersystem zu decodieren. Es würde also auf absehbare Zeit unmöglich sein, das Programm zu deinstallieren, denn mehr Zaubertricks als die, die er bereits ausprobiert hatte, schien Mirco nicht zu beherrschen. Dass er mit der Konfiguration der Anti-Tinnitus-Ohrhörer auf Anhieb erfolgreich gewesen war, glich das Entschlüsselungsproblem nicht aus, fand Ram.
Doch mit dieser leidigen Angelegenheit konnte er sich immer noch befassen, wenn es Sinn ergab. Also nachdem er mit ein bisschen Unterstützung durch seine telepathischen Fähigkeiten sehr viel Geld gewonnen und, das war zumindest der Plan, jede Menge hübsche Frauen in sein Bett gelockt hatte.
Um Teilziel eins ein wenig näher zu kommen, stand er in der Warteschlange vor dem hell leuchtenden Einlass des Paradise Casinos in der Karl-Marx-Straße, das gerade seine Pforten öffnete. Es war kurz vor acht Uhr morgens, und Ram nahm die umgebauten Anti-Tinnitus-Hörer aus den Ohren, um sie in der Hosentasche zu verstauen. In den nächsten Stunden würde er sie nicht brauchen.
Die Schlange setzte sich langsam in Bewegung, Richtung Anmeldebereich. Unter den Kristalllüstern, deren Licht von einer Unzahl an Wand- und Deckenspiegeln reflektiert und dabei wie in einem Kaleidoskop vervielfacht wurde, fühlte Ram sich in seinem schwarzen Anzug mit dem edlen weißen Hemd und dem blaugrünen Schlips nicht mehr ganz so deplatziert wie noch auf dem Fußweg von der U-Bahn-Station durch den authentisch heruntergekommenen Nordneuköllner Kiez.
Krawattenzwang bestand nicht. Die Onlinepräsentation des Kasinos hatte nur um »angemessene Kleidung« gebeten, aber Ram wollte das Bild eines reichen, reichlich unbedarften Pokeramateurs so überzeugend wie möglich verkörpern. Also war er zu Hause ungefähr eine halbe Stunde damit beschäftigt gewesen, sich das verfluchte blaugrüne Scheißding, das er vor einigen Jahren von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, so um den Hals zu knoten, dass es einigermaßen angemessen aussah.
Ram bemerkte, dass er hier keineswegs der einzige Spieler zu sein schien, der optisch ein bisschen auf Bankangestellter machte. Oder auf Businesslady, denn Texas Hold ‘Em faszinierte nicht nur Männer. Ungefähr fünfzehn oder zwanzig Prozent der Gäste waren weiblich.
Während er wartete, bis er an die Reihe kam, hörte er aus anderen Teilen des Gebäudes das gedämpfte Surren und Klingeln von profanen Geldspielautomaten. Da ihn die tausend Gedanken der Menschen in seiner Umgebung, die er unwillkürlich empfing, irritierten, versuchte er sich auf seine eigenen zu konzentrieren.
Also ging er noch einmal die Liste mit den Vor- und Nachteilen durch, mit denen er zu rechnen hatte, wenn er zum ersten Mal an einem professionellen Pokerturnier teilnahm.
Die Vorteile: Niemand kannte ihn, und die meisten Gegner würden ihn unterschätzen. Wahrscheinlich deutlich unterschätzen, denn er hatte bald das rote Idiotenschildchen am Revers, und er plante, anfangs erheblich unter seinem eigentlichen Niveau zu spielen.
Außerdem gingen die richtigen Pokerprofis ohnehin meist eher zu Cash Games, bei denen man jederzeit ein- und wieder aussteigen konnte, als zu den klassischen Turnieren. Ram würde also vor allem auf begabte Amateure und semiprofessionelle Spieler treffen.
Zu den Vorteilen zählte auch seine böse und unfaire Telepathiebetrugsstrategie.
Die Nachteile: Ram durfte sich nichts vormachen: Selbst nach knapp vier Wochen Dauertraining war er alles andere als ein guter Spieler, auch im Vergleich zu den begabten Amateuren, die mit am Tisch sitzen würden. Von den semiprofessionellen Gegnern ganz zu schweigen.
Sein anfänglicher Enthusiasmus hatte sich inzwischen erheblich verringert und einer realistischeren Betrachtungsweise Platz gemacht. Ohne die Gedankenleserei war er schlecht und chancenlos.
Trotz der Onlinepartien, bei denen er ordentlich abgeschnitten hatte, denn diese Webkasinos – zumindest die, die den Gewinn auf eher symbolische Geldbeträge beschränkten –, galten als Tummelplatz für gelangweilte Hausfrauen und Rentner auf Sinnsuche.
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