Doch Begeisterung wäre unter den aktuellen Umständen absurd gewesen, fand Ram.
Er sah, dass die anderen Teilnehmer ihre Nummernkarten auf den Brustbereich pressten, wo sie an der Kleidung haften blieben.
Ram tat es ihnen nach. Dann erhob er sich aus seinem Sessel und setzte sich auf den Platz, der der Achterposition entsprach. Bis auf Cem, den Dealer, hatten alle Männer der Secret-Gambling-Gang den Raum inzwischen verlassen.
Ram türmte seine Chips zu mehreren Stapeln auf, schloss die Augen und gab sich Gedanken hin, die zutiefst trübsinnig waren.
Dann hörte er, wie Cem ein Kartenpäckchen öffnete, wie er es professionell durchmischte und die Gästerunde mit ein paar Worten willkommen hieß.
Die Spieler auf den ersten beiden Positionen beglichen die Blinds. Schließlich verteilte Cem die Pocket Cards.
Ram öffnete die Augen wieder, weil ihm klar war, dass Ignoranz seine unkomfortable Lage nicht verbessern würde.
Er nahm die beiden verdeckten Karten auf.
Pik Fünf und Karo Acht.
Ein Scheißblatt.
Das dürfte ein sinnloser Abend werden.
Die Mitspieler blickten schweigend in die Karten, die sie auf der Hand hatten. Sonnenbrillen verdeckten alle Gesichter in der Runde.
Vor Rams innerem Auge erschien ein verführerischer Riesenkrug Beamish Stout, was seine Konzentration auf die Außenwelt weiter verringerte.
Sei’s drum, sagte er sich. Zu Hause stehen noch zwei Kästen von dem Zeug. Ich muss nur irgendwie diesen Scheißabend durchstehen und mir nicht allzu viel daraus machen, dass ich total versage.
In diesem Moment hörte er leise, aber vernehmlich die Worte »Wenn das so weitergeht, wird das ein richtig geiler Abend …«
Sie kamen aus der Richtung des Tripsters, der als erster Gast die Wohnung betreten hatte und jetzt zwei Plätze links von Ram saß, auf der Zehnerposition direkt neben dem Dealer. Er war der letzte der Runde, der seine Pocket Cards bekommen hatte.
Merkwürdig, dachte Ram. Will der Typ hier den offenkundigsten Bluff in der gesamten Pokergeschichte durchziehen? Glaubt doch kein Mensch, dass er tatsächlich ein gutes Startblatt besitzt, nur weil er das vor sich hinmurmelt. Und wieso reagiert niemand darauf? Zumindest so was wie ein verächtliches Grinsen müsste doch bei dem einen oder anderen drin sein –
Ram sah den Tripster von der Seite an, wobei er sich um Unauffälligkeit bemühte.
Der junge Mann hatte unter dem Sonnenbrillenbereich das branchenübliche Pokerface aufgesetzt. Es passte nicht besonders gut zu seiner freimütigen Äußerung.
Dann vernahm Ram etwas, das ihn völlig aus der Fassung brachte.
»Der Langhaarige ist extrem nervös … Ich verwette meinen Arsch darauf, dass er kein einziges Spiel gewinnen wird.«
Was, zum Teufel, war das? Wollen die mich systematisch mit Psychoterror fertigmachen? Der einzige Langhaarige an diesem Tisch bin ich …
Die Stimme des Mannes, der soeben seinen Anus auf Rams Totalversagen gesetzt hatte, war von der rechten Seite des Tisches gekommen.
Dort saß ein unauffälliger Typ in den Fünfzigern mit Halbglatze und Businessstreifenhemd.
Als Ram dem Gegner direkt ins Gesicht blickte, hörte er die Stimme zum zweiten Mal.
»Ach was, ich verwette meinen Arsch und meine Frau darauf, dass der Langhaarige alle Spiele verliert.«
Doch der Mund des Mannes war völlig regungslos geblieben, als er gesprochen hatte.
Es gab nur zwei Erklärungen.
Entweder Ram war in dieser massiven Stresssituation verrückt geworden.
Das ist eher unwahrscheinlich, dachte er. Es wäre das erste Mal in meinem Leben, dass ich wahnsinnig werde. Mein daueralkoholisierter Scheißvater hat es nicht geschafft, mich verrückt zu machen, also warum sollte es bei einer Pokerrunde in einer Spielhölle passieren –
Oder seine telepathischen Fähigkeiten meldeten sich gerade zurück.
Wie auch immer das möglich war. Schließlich hatte Rams Brain-Reader-Software sich automatisch zusammen mit der AR und dem Cyberport abgeschaltet.
Sein Computersystem war jetzt genauso inaktiv wie ein mobiler Rechner, aus dem man den Akku herausgenommen hatte.
Wie um alles in der Welt kann es sein, dass ich die Gedanken von fremden Menschen ohne jede technische Unterstützung empfange?
Keine gottverdammte Ahnung – aber wenn das wirklich so ist, sollte ich mich nicht allzu lange mit dieser Frage beschäftigen. Sonst drehe ich am Ende durch …
Am besten, ich überprüfe meine Theorie erst mal.
Inzwischen hatten alle Spieler, die vor ihm an der Reihe waren, ihre Einsätze gemacht, oder sie hatten gepasst.
Ram stieg aus. Ob er nun telepathische Kräfte besaß oder nicht: Mit diesen Pocket Cards konnte er keinen Blumentopf gewinnen.
Er versuchte, die Gedanken seiner Mitspieler noch einmal zu belauschen, aber das funktionierte nicht.
Irgendwann hörte er den einen oder anderen schwer verständlichen Wortfetzen, aber das mochte Einbildung sein.
Wenn ich tatsächlich telepathische Fähigkeiten habe, müsste ich doch die Startblätter der anderen Spieler aus deren Perspektive sehen. So wie neulich in Neukölln …
Konzentrieren. KONZENTRIEREN.
Das ist leichter gedacht als getan – am besten, ich denke erst mal an gar nichts.
Je mehr Ram sich bemühte, auf jede bewusste Überlegung zu verzichten, desto stärker vermehrten sich die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen.
FUCK.
Irgendwann ignorierte er das, was in seinem Gehirn passierte, und richtete seine Aufmerksamkeit nach innen, auf den Atem.
Ich schnaufe gerade ganz schön heftig … ach, egal.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Und dann geschah ein Wunder.
Über die neun Menschen, die mit Cem und ihm am Tisch saßen, schob sich ein zweites Bild.
Ram konnte es zunächst kaum erkennen, dann wurde es etwas deutlicher. Wie eine Art Schleier, der sich über die Realität legte.
Er schielte ein bisschen, um die Doppelwahrnehmungen miteinander zu verbinden.
Und erkannte plötzlich die Bildseiten der Pocket Cards, die seine Kontrahenten, die noch im Spiel waren, in den Händen hielten.
Der Richtig-geiler-Abend-Tripster hatte Herz Ass und Herz König bekommen. Ein Spitzenstartblatt.
Startnummer eins hielt zwei Dreier und hoffte auf einen Drilling, trotz einer schlechten Sitzposition. Zwei blieb im Spiel, obwohl er nicht mehr auf der Hand hatte als Kreuz Bube und Pik Dame. Keine besonders tollen Karten. Wahrscheinlich ein Anfänger.
Nummer vier und fünf waren draußen. Sechs, die Frau am Tisch, hatte Karo Drei und Karo Fünf. Sie hoffte auf einen Flush, vielleicht auf einen Straight Flush.
Cem, der Dealer, legte jetzt die ersten drei Community Cards in die Mitte des Tisches.
Ram bemerkte, dass er die visuell-telepathischen Signale seiner Kontrahenten besser empfangen konnte, als es zuletzt im Paradise Casino der Fall gewesen war, sogar mit Sonnenbrille auf der Nase, und lächelte still in sich hinein.
Ein warmes, wohliges Triumphgefühl breitete sich in ihm aus.
Diese Runde hatte er verloren, doch den Abend würde er mit ein bisschen Glück gewinnen.
Ich bin der König von Berlin.
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