Und seine Gedanken kann ich auch nicht lesen.
Ram wusste nicht, ob es am elektromagnetischen Schutzschirm lag, dass er seit mehreren Stunden kein einziges verbales telepathisches Signal aufgefangen hatte. Jetzt waren auch noch die Kartenabbilder verschwunden.
Um nicht so ratlos und verstört zu wirken, wie er sich gerade fühlte, holte er seine Sonnenbrille aus dem Sakko und setzte sie auf die Nase. Ein Sichtschutz würde nicht schaden, zumal die polarisierten Gläser die Geisterbilder ohnehin nur dann überdecken konnten, wenn es solche Geisterbilder gab.
Ram glaubte, dass er gerade eine minimale körperliche Reaktion bei seinem Gegenüber beobachtet hatte.
Wahrscheinlich ein Ausdruck von Zufriedenheit …
Der Gangster setzte vierzigtausend Eurochips.
Was mach ich denn jetzt?
Gefälligst den gesunden Menschenverstand bemühen, was sonst?
Okay … der Typ scheint zu denken, dass seine Karten besser als meine sind. Vermutlich, weil ich gerade so verzweifelt ausgesehen und dann die Brille aufgesetzt habe. Das hält er bestimmt für eine Schutzreaktion.
Wenn ich im Spiel bleibe, rechnet er damit, dass ich einen Bluff durchziehen will, weil mein Blatt absolut scheiße ist. Wahrscheinlich sind seine Pocket Cards nicht total schlecht, aber ich bezweifle, dass er mehr hat als eine belanglose Karte und allenfalls ein Ass …
… weil man mit einem Ass beim Heads-up in zweiundfünfzig Prozent aller Fälle das Spiel gewinnt, und diese Chancenverteilung reicht ihm. Straights oder Flushs sind extrem selten.
Wenn ich recht habe, wenn ich jetzt keinen Fehler mache und ihn zu früh zum Aussteigen bringe, müsste ich seine Hand mit meinem niedrigen Pärchen problemlos schlagen.
Ram verhielt sich etwas unsicher, als er mitging, und bescheinigte sich dabei semiprofessionelles Schauspielerniveau.
Der Dealer legte den Flop aus.
Nichts Besonderes, und zu Rams Erleichterung auch kein Ass, das seinem Gegner erheblich weitergeholfen hätte. Falls seine Vermutung stimmte.
Cool.
Der Gangstertyp raiste bis zum Pot Limit.
Ram ging mit.
Auch als der Dealer die Riverkarte auf den Tisch legt, blieb der Gangster im Spiel. Sein Jetonstapel war inzwischen dramatisch geschrumpft.
Zu beobachten, wie dem letzten Gegner die vormals so stoisch anmutenden Gesichtszüge entgleisten, nachdem sein Ass von einem Zweierpaar geschlagen worden war, gehörte für Ram zu den schönsten Ereignissen seines Lebens.
Schöner als das Gefühl, die erste Runde eines Head-ups am Final Table gewonnen zu haben.
Obwohl die Gedankenübertragung immer noch unterbrochen war, dominierte Ram das Match seit diesem ersten Triumph nach Belieben. Da er wusste, dass dem Gangster angesichts des Umstands, dass er soeben auf einen Schlag fast zwei Drittel seines Stacks verloren hatte, wenig anderes übrig bleiben würde, als extrem tight zu spielen, also nur auf die guten Hände zu setzen, konnte er seine eigene Strategie an diese Vorgehensweise anpassen.
Der Gangster wiederum musste davon ausgehen, dass Ram seine enorme materielle Überlegenheit nutzen würde, mit erheblicher Aggressivität zu spielen und auch mittelmäßig gute Blätter durch ständiges Erhöhen zu einem Bankrottrisiko für den Gegner zu machen. Diese Erwartungen unterlief Ram souverän, indem er sie manchmal, aber keineswegs immer ins glatte Gegenteil verkehrte.
Sein Spiel wurde unlesbar, und dadurch gelang es ihm auch, den einen oder anderen dreisten Bluff durchzubringen.
Nach einer halben Stunde beobachtete Ram bei seinem Opfer unverkennbare Anzeichen von Zermürbung. Der Gangster blickte wiederholt vom Tisch zur Decke und wieder zurück, er befeuchtete einige Male die Lippen mit der Zunge – und wenn sein Gegner sich ab und zu an einem Bluff versuchte, merkte Ram es jedes Mal daran, dass er ein kleines bisschen zögerte, bevor er seine Einsätze machte.
Auch wenn die Brain-Reader-Software funktioniert hätte, wäre Rams Kontrahent nicht besser durchschaubar gewesen bei diesem Spiel am Final Table.
Als der Gangster schließlich seine Karten weglegte, aufstand und wortlos den Saal verließ, tat er Ram fast leid.
Aber nur fast.
Denn das Machtgefühl, das ihn durchströmte, als er begriff, dass er den Hauptpreis gewonnen hatte, überlagerte alles andere.
Einen Siegerpokal bekam Ram nicht überreicht. Stattdessen übergab ihm der Kasinomanager, ein Typ im Nadelstreifenanzug mit gegelten Haaren, eine aufwendig gestaltete Urkunde und eine Bescheinigung, aus der hervorging, dass man ihm den Hauptpreis in Höhe von sechzehntausend Euro bereits auf sein Bankkonto überwiesen hatte.
Die zahllosen Multieffekt-OLEDs, mit denen die Kristalllüster an der Decke bestückt waren, wurden in dem Moment, in dem Ram die Urkunde in den Händen hielt, in eine Art Festspielmodus versetzt, und sie begannen, bewegte Muster in verschiedenen Farben zu bilden. Das Gefunkel erinnerte ihn an die Lichterketten zur Weihnachtszeit, mit denen manche Leute ihre Häuser behängten. Beeindruckend, dachte er, aber auch ein bisschen billig. So wie das ganze Kasino.
Der Manager setzte ein hartnäckiges Lächeln auf, schüttelte Ram gefühlte fünf Minuten lang die Hand und ließ das spektakuläre Ereignis von zwei Angestellten mit Ultradefinitionkameras festhalten. Allerdings erst, nachdem er Ram leise gefragt hatte, ob es ihm etwas ausmachen würde, das rote Nummernschild von seinem Jackett zu entfernen – und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran zu, dass er ihm in dieser Frage keinerlei Ermessensspielraum zu geben gedachte.
Also hatte Ram das Idiotenplastikschildchen abgemacht und in eine Tasche seines Sakkos gestopft. Die aktivierte AR war zweifellos ein Erfolg gewesen, auch wenn nicht alles problemlos funktioniert hatte, und Ram wollte das Schild als Erinnerungsstück aufheben.
Als der Trubel vorbei war, verließ er den Kaisersaal durch die Flügeltür. Auf dem Weg zum Ausgang des Kasinos stellte er befriedigt fest, dass ihm viele Männer respektvoll zunickten, als er an ihnen vorbeiging. Mehrere Frauen lächelten freundlich, und auch die Gedanken der Menschen in seiner Nähe, die er jetzt wieder klar empfangen konnte, streichelten sein Ego.
Draußen blinzelte Ram in die Junisonne, die hoch am Himmel stand, und fühlte sich verwirrt.
Es mussten etliche Stunden vergangen sein. Stunden, die er wie im Rausch erlebt hatte. Und die Realität wirkte im Moment noch weniger real als das, was eben am Spieltisch geschehen war.
So mag es einem Drogenfreak gehen, dachte Ram, wenn der Kick allmählich nachlässt und der gewöhnlichen Alltagswahrnehmung Platz macht.
Dass ihn gerade ein warmer Wind umwehte und ein paar Vögel zwitscherten, empfand er als angenehm. Immerhin.
Außerdem war er soeben als Hauptgewinner bei einem Livepokerturnier ausgezeichnet worden, nachdem er eine Vielzahl an Kontrahenten besiegt hatte, die deutlich besser spielten als er selbst. Und es sprach nicht das Geringste gegen die Annahme, dass das nicht sein letzter Sieg gewesen war.
Also läuft doch alles nach Plan.
Cool.
Ram knotete die Krawatte auf und steckte sie in eine Außentasche seines Sakkos. Er wollte gerade die klassizistische Steintreppe hinuntergehen, die das Kasinogebäude mit der Straße verband, als er hörte, wie ihn jemand von hinten ansprach.
»Glückwunsch, Turniersieger!«
Er drehte sich um.
Da stand der Gangstertyp, den er zuletzt auf den zweiten Platz verwiesen hatte, und streckte ihm die Rechte entgegen. Begleitet von einem Lächeln, einem Vorgang, den er, wie Ram fand, noch ein bisschen üben musste, um Sympathien zu wecken.
Er drückte dem Gangster die Hand und erwartete einen übermännlichen Knochenbrechergriff, doch der Mann schien sich zu bemühen, Rams Körper im unversehrten Zustand zu belassen.
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