Nichts und wieder nichts.
Die erste Bietrunde begann, und Rams Stirn glänzte vor Schweiß.
Es würde ein absolutes Fiasko werden.
Jetzt bloß keine Panik. Vielleicht ist nur der Cyberport abgestürzt, oder die AR. So was passiert zwar fast nie, aber wenn es mal vorkommt, dann im allerungünstigsten Moment …
Ram konnte die AR-Standardanzeigen am oberen und unteren Rand seines Gesichtsfelds erkennen, aber das hieß nicht, dass das System auch funktionierte.
Obwohl er die Worte »Operator an AR. Selbsttest und Test des Cyberports durchführen, anschließend Funktionsfähigkeit der Brain-Reader-Software überprüfen und die Ergebnisse visuell anzeigen« aus Diskretionsgründen nur flüstern konnte, schien ihn der Minicomputer zu verstehen.
Wenige Sekunden später projizierten die Laserkontaktlinsen das Resultat der Analyse über die Netzhaut in Rams Sichtfeld. Dabei überlagerten die schriftlichen Informationen die optischen Signale der Tischrunde, ohne sie völlig zu verdecken.
»Der Cyberport arbeitet einwandfrei, und das Gleiche gilt für die AR. Alle Module und Programme, die Sie freigeschaltet haben, funktionieren ohne Störungen, auch die Software Brain Reader 1.0.«
Rams Puls hatte inzwischen das Tempo merklich erhöht, und er nahm den Ablauf des ersten Pokerspiels eher schemenhaft wahr. Er beschränkte sich darauf, eine Zeit lang mitzugehen, um dann auszusteigen und allzu große Verluste zu vermeiden, genau so, wie es die meisten Anfänger machten. Dabei vergaß er, seine Gegner zu beobachten und Wahrscheinlichkeitsberechnungen anzustellen.
Phase eins seines Plans, der Wunsch, zunächst so zu wirken wie ein unbegabter Amateur, ließ sich also verwirklichen.
Allerdings um einen hohen Preis.
Unwichtig, dachte er. Ich muss das Telepathieproblem lösen.
Wenn ihm das nicht gelang, konnte er Phase zwei seines grandiosen Plans vergessen, den Wechsel vom Amateur zum ausgebufften Turnierprofi dank illegaler Zusatzinformationen. Ob er nun die Standardstatistiktabellen nutzte oder nicht. Schließlich standen diese Daten auch den Gegnern, die sie irgendwann einmal auswendig gelernt hatten, zur Verfügung. Und das galt vermutlich für jeden am Tisch – vielleicht mit Ausnahme der beiden Retrojungs, die keine Sonnenbrillen trugen und zu Spielbeginn ein bisschen unsicher gewirkt hatten.
Aus dem Murmeln war inzwischen eine Art Rauschen geworden, und selbst der schwule Croupier schien sich nicht weiter mit seinen Beziehungskonflikten auseinanderzusetzen.
Vielleicht unterdrückte die Abschirmelektronik im Saal, die einen Missbrauch von AR-Systemen verhindern sollte, zufällig einen Teil der telepathischen Signale, die Ram normalerweise empfing. Die leiseren und subtileren, also genau das, was er gerade dringend brauchte.
Egal … Wenn ich nicht bald anfange zu rechnen, machen sie mich noch viel schneller fertig. Und ich sollte zumindest abschätzen, was meine Gegner auf der Hand haben, indem ich ihr Spielverhalten und ihre Einsätze beobachte.
Obwohl alles in ihm danach schrie, den Tisch, an dem er saß, fluchtartig zu verlassen, aktivierte Ram die Hold-‘Em-Standardwahrscheinlichkeitstabellen mit einem geflüsterten Sprachbefehl. Im Moment war er zu nervös, um sich erfolgreich an alle Daten zu erinnern, und er hatte immerhin die doppelten Gebühren bezahlen müssen, um eine AR-Erlaubnis zu bekommen. Also konnte er dieses System zumindest als Gedächtnisstütze nutzen.
Er würde es seinen Feinden möglichst schwer machen.
Zu Beginn der vierten Runde, die Blinds waren inzwischen auf unangenehme dreihundert/sechshundert angestiegen, hatte Rams Bankroll sich auf ein klägliches Drittel der ursprünglichen Summe verringert.
Er stand auf der Abschussliste.
Die einzige offene Frage war, ob er als Erster Bankrott gehen und den Tisch verlassen würde, oder ob ihm einer der beiden Retroyoungster zuvorkam.
Erwartungsgemäß hatten die drei distinguierten Herren in den teuren Anzügen langsam, aber stetig Jeton-Stapel in beträchtlicher Höhe auf ihren Plätzen angehäuft.
Eindeutig nicht mein Tag …
Ach, Bullshit – Poker ist einfach nicht mein Spiel.
Ram warf einen kurzen Blick auf die Pocket Cards, die er gerade in der Hand hatte.
Zwei Neunen, Herz und Karo, ein mittelgutes Blatt.
Unwichtig.
Bisher war es ihm gelungen, die Schweißtropfen auf seiner Stirn halbwegs zu ignorieren, doch einer dieser Tropfen setzte gerade alles daran, den Spieltisch zu bewässern, nach einem kleinen Umweg über die Augenbrauen und den Rand der Sonnenbrille.
Zweifellos das aktuelle Highlight seiner zunehmend desolaten Situation.
Ram holte ein Taschentuch aus der Hose und nahm die Brille von der Nase, um seine Stirn abzutupfen.
Wie das jetzt auf die anderen wirkt, kann mir scheißegal sein …
Aber es war ihm nicht egal.
Und als er die Tropfen abgewischt hatte, gelang es ihm nicht, dem Impuls zu widerstehen, das regungslose Gesicht des Mannes anzustarren, der ihm gegenübersaß. Ein vornehmer älterer Profi mit der Schildnummer einundzwanzig.
Ram trug jetzt keine Sonnenbrille mehr, er war also völlig schutzlos. Bevor er seine Augen wieder von dem Mann abwandte, dachte er an einen Jäger, der seine Beute fest im Blick hat und weiß, dass alles nur eine Frage von Zeit und Geduld ist.
Die nächsten Sekunden als Überraschung zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung gewesen.
In Rams Blickfeld, in einer Entfernung, die dem Abstand der virtuellen AR-Einblendungen entsprach, tauchte eine Art Geisterbild auf. Ein Bild, das so subtil aussah, dass er vermutete, dass es zuvor durch die polarisierten Gläser seiner Sonnenbrille überdeckt worden war, spezielles Glasherstellungsverfahren hin oder her.
Er hatte das klare Abbild von zwei Pokerkarten vor Augen. Pik Bube und Karo Bube. Ein gutes Startblatt.
Karten, gehalten von zwei Händen. Die rechte zierte ein schwerer goldener Siegelring.
Ram blinzelte. Das Bild wurde etwas blasser, aber es verschwand nicht.
Sein Gegenüber, der Mann, den er eben noch so penetrant angestarrt hatte, trug einen solchen Goldring am Finger. Von Ram aus gesehen auf der linken Seite.
In der Eigenperspektive würde sein Gegenüber also genau so auf die Hände blicken, in denen er die Pocket Cards hielt, wie Ram es eben im Geisterbild gesehen hatte.
Ist das wirklich passiert, oder war es nur ein verdammter Wunschtraum? Irgendeine Art von Halluzination? Ich stehe unter massivem Stress, da kann man sich schon mal was einbilden …
Um diese Frage zu klären, konzentrierte Ram sich auf den Gegner mit der Schildnummer elf, der links neben dem Siegelringmann saß. Es war einer der beiden Retrotypen, die das Spiel nicht gut beherrschten.
Es dauerte einen Moment, doch dann sah Ram das deutliche Abbild einer Herz Drei und einer Herz Acht. Eine mittelmäßige Hand.
Sein Verzweiflungsgefühl verschwand, und mit der Hoffnung kam auch der Optimismus zurück.
Probehalber konzentrierte er sich reihum auf einen Gegner nach dem anderen. Die Geisterbildmethode funktionierte jedes Mal.
Wenn er sich Mühe gab, gelang es ihm sogar, die Pocket Cards von mehreren Mitspielern gleichzeitig wahrzunehmen, wobei die Übergänge zwischen den verschiedenen Einblendungen etwas unscharf waren.
Ihm würde alle Zeit der Welt zur Verfügung stehen, um die telepathischen Zusatzinformationen mithilfe seiner modifizierten AR-Statistiktabellen in realistische Gewinnwahrscheinlichkeiten zu verwandeln.
Seltsamerweise konnte er die inneren Monologe seiner Gegner immer noch nicht telepathisch empfangen. Die kurzfristige Übertragung der Gedanken, die dem Dealer durch den Kopf gegangen waren, schien eine Ausnahme gewesen zu sein.
Vielleicht lag das tatsächlich an den Folgen der elektromagnetischen Abschirmeinrichtung im Saal. Doch was auch immer die Ursache für die Störung war, Ram wusste jetzt, was seine Mitspieler auf der Hand hatten. Damit besaß er einen erheblichen strategischen Vorteil.
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