Ram musste also mit telepathischer Unterstützung besser spielen als die ungleich erfahrenere Konkurrenz.
In Ermangelung seiner Schutzohrhörer war er gezwungen, sämtliche Affektgedanken, die seinen Gegnern durch den Kopf gingen, ebenso ungefiltert zu vernehmen wie alles andere, womit sich die Leute in seiner näheren Umgebung gerade auseinandersetzten. Ob dabei nun das aktuelle Spielgeschehen im Mittelpunkt stand oder der Ehekrach vom letzten Abend.
Ohne Konzentration und eine nicht ganz unerhebliche psychische Robustheit würde Ram auf jeden Fall verlieren.
Als er mit seinen Überlegungen an diesem Punkt angekommen war, stand er vor einer hübschen jungen Dame, bei der er sich für das Turnier registrieren lassen musste. Ein Mensch, kein Serviceroboter.
»Guten Tag.« Die Frau lächelte professionell. »Ihren Ausweis, bitte.«
Ram zog seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie in der Sakkotasche und bekam ihn nach kurzer Prüfung zurück.
»Willkommen, Herr Collins.« Die Empfangsdame überreichte ihm ein Plastikschildchen mit Befestigungsclip und eine altmodische Kladde, an der eine Liste und ein Kugelschreiber befestigt waren. »Bitte unterzeichnen Sie hier.«
Ram setzte seine Unterschrift in die Spalte neben seinem Namen. Das Schild, das er sich ans Jackett steckte, nachdem er der Frau das Klemmbrett zurückgegeben hatte, informierte über seine Teilnehmernummer, sechsunddreißig, und es war tiefrot.
Ein leises Panikgefühl überkam ihn. Das Idiotenschild würde jedem, der es sah, sofort ins Auge stechen, den Spielern und den Angestellten des Kasinos. Was, wenn sie alle verächtlich über ihn dachten und er jeden dieser Gedanken ungefiltert mithörte? Wie sollte er sich auf telepathische Signale konzentrieren, die sich auf die Karten seiner Gegner bezogen, wenn ihn die Leute ständig beleidigten?
Das ist reine Paranoia. Reiß dich zusammen!
Kurz, nachdem die Rezeptionsdame zu ihm gesagt hatte: »Das Turnier findet an zehn Tischen in drei Sälen statt. Sie spielen im Kurfürstensaal. Die Tische und die Sitzplätze werden um fünfzehn Uhr dreißig ausgelost. Viel Vergnügen, Herr Collins«, empfing Ram ihre Gedanken.
Das, was er vernahm, bestätigte seine Befürchtungen. Ein Fish … mal sehen, wie lange es dauert, bis sie dich herausangeln und ausnehmen …
»Fish« war das Insiderschimpfwort für einen blutigen Anfänger, der von den Gegnern schon in einer der ersten Runden geschlachtet wird.
Offenbar sah selbst die Anmeldetante Rams baldigen Ruin voraus.
»Hier sind Ihre Jetons im Wert von fünfzehntausend«, sagte die Dame, während sie ihm ein versiegeltes blaues Stoffsäckchen aushändigte. Spielgeld, dessen Nennwert nichts mit der Preisausschüttung für die Gewinner zu tun hatte.
»Ich bin verpflichtet, Sie darauf hinzuweisen, dass alle verbliebenen Chips immer sichtbar auf dem Tisch liegen müssen, solange Sie im Spiel sind«, fügte die Rezeptionsfrau hinzu. »Verstöße gegen diese Regel werden mit Disqualifizierung und dem unbefristeten Ausschluss von allen Pokerturnieren in der EU geahndet. Das Gleiche gilt für Spieler, die versuchen, ihr Augmented-Reality-System anders einzusetzen, als es die Kasinorichtlinien vorsehen.«
Ram stopfte den Stoffbeutel in eine Jacketttasche. Er drehte sich gruß- und danklos um und verließ den Anmeldebereich so schnell, dass er die Gedanken der Rezeptionsfrau, die sich zweifellos auf ihn bezogen, nicht mehr hören konnte. Dann ging er zur nächsten nicht verspiegelten Wand, wo er stehen blieb, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen.
Hier fühlte er sich deutlich sicherer, doch er bemerkte, dass alle anderen Teilnehmer in seiner näheren Umgebung weiße Nummernschilder trugen.
Okay, dann bin ich eben der einzige Rotidiot. Selbst wenn ich mich gleich unsterblich blamiere und in dreißig Minuten alles verliere, was ich habe, geht’s trotzdem nur um achthundertachtzig Euro … Und um ein Gespräch mit Mirco, das dann unangenehm werden dürfte. Zwanzig Prozent von null ist null.
Doch da seine Selbstberuhigungsmaßnahmen nicht greifen wollten, pochte Rams Herz immer noch in einem gesundheitsgefährdenden Tempo, und die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten, begannen ihm in die Augen zu rinnen.
Spätestens jetzt würde jeder erfahrene Spieler, der ihn beobachtete, nicht mehr vermuten, dass Ram an der Herausforderung, die ein Livepokerturnier darstellte, scheitern musste.
Er würde es wissen .
Die Brille. Natürlich, die verdammte Brille …
Er wischte sich unauffällig mit einem Papiertaschentuch übers Gesicht. Dann zog er ein Etui aus der Sakkotasche, holte eine Sonnenbrille heraus und setzte sie auf.
Seine Sicht blieb so gut wie unbeeinträchtigt, weil die sündhaft teuren Porsche-Special-Sunglasses, die er in einem Webshop gefunden hatte, dank eines speziellen Polarisationsverfahrens nur von außen dunkel erschienen. Aus der Innenperspektive war es, als blicke man durch gewöhnliches Fensterplexiglas, und selbst die schwachen Laserprojektionen eines AR-Systems in die dritte Dimension ließen sich ohne Probleme erkennen.
Rams Puls hatte sich spürbar verlangsamt, aber er war immer noch deutlich schneller als in jeder gewöhnlichen Alltagssituation.
Zeit für einen weiteren Selbstberuhigungsversuch.
Ich sollte an den Traum in der letzten Nacht denken. Den Traum mit der Riesenschildkröte. Ich konnte auf ihr reiten, und sie ist ganz langsam ins Unbekannte gekrochen, mit mir auf dem Rücken. Das war doch hundertprozentig ein gutes Omen … wenn es so was gibt.
Dass ihn irgendwann im Verlauf dieses Traumes der unangenehme Gedanke beschlichen hatte, die Schildkröte bringe ihn keineswegs an sein Wunschziel, sondern an ihres , was auch immer das sein mochte, sodass er nach kurzer Zeit nicht einmal mehr sagen konnte, ob es ihm überhaupt gelingen würde, von dem Riesenreptil abzusteigen, wenn ihm dessen Laufrichtung nicht passte, versuchte Ram sich zu verschweigen.
Mit gewissem Erfolg, denn allmählich ging das geradezu absurde Ausmaß seiner Angst- und Panikempfindungen zurück, und nach ein paar Minuten fühlte er sich wieder einigermaßen normal.
Zeit für einen Elektronikcheck.
Ram sagte halblaut: »Operator an Cyberport, lade die AR«, und die Einblendungen des Kontaktlinsenlasersystems erschienen im oberen und unteren Randbereich seines Sichtfelds. Wie er es erwartet hatte, störte ihn die Sonnenbrille bei den Lichtverhältnissen im Kasino kein bisschen.
Neben der obligatorischen Gedankenleserei wollte er sich darauf beschränken, seine AR dafür zu nutzen, um im Spiel gelegentlich Wahrscheinlichkeitstabellen einzublenden, die er zu Hause am Computer in mühevoller Kleinarbeit berechnet hatte. Als Telepath verfügte er über deutlich mehr Informationen als seine Mitspieler, denn er wusste, welche Karten sie in der Hand hielten. Diese zusätzlichen Daten mussten in die Statistiken einfließen, aus denen sich ableiten ließ, wie wahrscheinlich es war, dass unter den Community Cards, die der Dealer auslegte und mit denen jeder Spieler sein Blatt ergänzte, sich eine Kreuzkarte, eine Zehn oder ein Ass befand, das die eigene Hand im günstigsten Fall optimal ergänzte.
Die speziellen Berechnungen hatte Ram zwar weitgehend auswendig gelernt, um sie immer wieder den probabilistischen Tabellen gegenüberzustellen, die seinen Gegnern zur Verfügung standen, aber er ging davon aus, dass es hilfreich wäre, im Hintergrund eine Art Sicherheitsnetz zu haben. Für den Fall, dass er zu nervös sein würde, um sich an alles zu erinnern.
Außerdem wollte er in der ersten Turnierphase den unerfahrenen Idioten geben. Gelegentliches halblautes Gemurmel, das sich offenkundig an einen Cyberport richtete, konnte da nicht schaden.
Jeder Spieler, der auch nur einigermaßen gut war, rechnete mit, und beim Pokern wurden solche Kalkulationen, anders als beim Blackjack, von den Kasinos akzeptiert. Nur dass die allermeisten Turnierteilnehmer dabei keine elektronische Hilfe benötigten. Eine Minderheit behalf sich mit Notizblock und Kugelschreiber, doch die meisten Spieler hatten die Wahrscheinlichkeitsalgorithmen im Kopf.
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