1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 Rams aktuelle seelische Verfassung war deutlich besser. Um sich möglichst wohlzufühlen und den Bierverzicht ein bisschen abzufedern, hatte er den Höhlencharakter seiner Wohnung in den letzten zwanzig Tagen durch einige einfache logistische Maßnahmen noch stärker herausgearbeitet.
Das Sofa, ohnehin sein wichtigster Lebensmittelpunkt, war jetzt mit Kissen und Decken aus dem Schlafzimmer gepolstert, und in den Pokerpausen entspannte er sich mit Trancefloortracks von The Chemistry. Elektronische Musik, die von psychedelischen 3-D-Kaskaden auf dem Achtzigzollmonitor an der Zimmerwand begleitet wurde.
Zu seiner Bequemlichkeit hatte er außerdem beschlossen, vorerst auf die tägliche Kocherei zu verzichten und sich seine Mahlzeiten von verschiedenen Onlinelieferdiensten bringen zu lassen. Asiatisch, arabisch, italienisch, je nach Bedarf. Es gab sogar ein irisch-schottisches Gastronomieunternehmen, bei dem Ram einmal Irish Stew bestellte, aber das Traditionsgericht enthielt das zäheste Lammfleisch, das er je gegessen hatte, und er kippte die Hälfte davon, angemessen irisch fluchend, ins Klo.
Doch das war in den letzten drei Wochen die einzige Unannehmlichkeit gewesen. Zumindest wenn Ram den Umstand ignorierte, dass er sich einige Male gezwungen gesehen hatte, das Haus zu verlassen, um seinen Pflichten nachzukommen, vor allem bei FeelReal Erotix und im Fitnessstudio. Mit konventionellen Ohrstöpseln, um den Gedankenmüll von außen wegzufiltern, aber trotzdem ohne allzu großes Vergnügen.
Ram trank die Bierflasche mit vier, fünf großen Schlucken leer, rülpste vernehmlich und stand auf, um das nächste Beamish aus dem Kühlschrank zu holen. Johnny Cash besang gerade das Schicksal eines Mörders, der auf seine Hinrichtung wartet. Mit einer Stimme am Rande des Weinkrampfs.
Ram war sehr zufrieden. Am Montag, nach dem Abend mit Mirco, hatte er einen 3-D-Copyshop im Prenzlauer Berg aufgesucht, um mit dem Laserscanner, der dort stand, seine Gehörgänge und die genaue Form des angrenzenden Ohrmuschelbereichs auszumessen.
Dem Personal war die Überraschung über den ungewöhnlichen Auftrag deutlich anzumerken. Die allermeisten Kunden scannten nicht lebendes Material wie plastische Kunstobjekte, zerbrochene Vasen und andere Erinnerungsstücke, um sie mit dem 3-D-Printer zu duplizieren oder um sie, mit Unterstützung durch eine spezielle Software, in reparierter Form wiederauferstehen zu lassen. Andere stellten elektronische Geräte nach eigenen Softwareplänen im Schichtdruckverfahren her. Ram vermutete, dass er in diesem Laden der erste Kunde war, der jemals einen Scan seines Gehörs in Auftrag gegeben hatte.
Doch anders als das Kopieren von Markenuhren, Kreditkarten oder archäologischen Fundstücken war das lasergesteuerte Abtasten der eigenen Ohren nicht gesetzlich untersagt, also gewährte man ihm den Zugang zur Maschine. Da er den 3-D-Printer nicht in Anspruch nahm und nur die gemessenen Daten auf einem konventionellen Multiportstick speichern wollte, machte ihm die Angestellte des Shops noch einen besonders günstigen Preis. Zumindest kostete der Scan erheblich weniger, als ihm ein Hörgeräteakustiker für die gleiche Leistung in Rechnung gestellt hätte. Solche Preis-Leistungs-Vergleiche waren in den Zeiten der Augmented Reality und der intelligenten Computerassistenten eher eine Sache von Sekunden als von Minuten.
Die Ohrformdaten schickte Ram online an Mirco. Kurz darauf bekam er eine knappe Voicemail zur Bestätigung. »Ist angekommen. Arbeite gerade an deinem Cube-Problem. Dauert noch, ich melde mich, wenn alles fertig ist.«
Danach hatte Ram so gut wie jede freie Minute mit dem Pokertraining in der Hold-‘Em-Variante verbracht. Er besorgte sich mehrere Programme im Netz, die sich gut ergänzten: Theorie, Probabilistik, virtuelle Turniere mit und ohne Mitspielervisualisierung, Deutung nonverbaler Signale, Tricksen und Täuschen. Er beantwortete Tausende von Fragen zum Thema und nahm parallel an mehreren Hundert Spielgeldpartien teil, vom Anfänger- bis zum Profilevel.
In der dritten Woche fing er mit den kostenpflichtigen Echtzeitrunden im Netz an. Anonym, mit dem Einsatz kleinerer Summen und auf solidem Amateurniveau.
Zu seiner Freude stellte er fest, dass er dreimal unter den besten fünfzig Spielern war, und einmal unter den besten zwanzig. Nur bei einer Handvoll Partien hatten ihn die Gegner richtig auflaufen lassen, mit spürbaren finanziellen Verlusten.
Und jetzt, nach knapp drei Wochen, war er gut trainiert und mit sich im Einklang.
Während er einen weiteren großen Schluck aus seiner Bierflasche trank, ging ihm ein unerwarteter Gedanke durch den Kopf: dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit untersagt war, ein offizielles Pokerturnier zu besuchen, wenn man einen aktivierten Cyberport benutzen wollte. Die Vorteile, die einem die Daten der Augmented Reality im Vergleich zu den Mitspielern verschaffen würden, die nicht über solche Hilfsmittel verfügten, mussten erheblich sein.
Ohne AR keine telepathischen Kräfte, und so gut war Ram einfach nicht, dass er einen Haufen Pokerprofis ohne den Einsatz von unfairen Mitteln besiegen konnte.
Er wollte seine ambitionierten Pläne schon aufgeben und das Reichwerden vorerst abhaken. Doch er musste nur ein paar Minuten im Netz recherchieren, um herauszufinden, dass er mit seinem Pessimismus völlig falsch lag.
Tatsächlich waren AR-Systeme bei Pokerturnieren in Deutschland verpönt, aber grundsätzlich zugelassen. In den Veranstaltungsräumen verhinderte eine spezielle Abschirmelektronik den Zugriff auf die Datenströme der anderen Mitspieler, die ihre AR eingeschaltet hatten, sodass es unmöglich war, visuelle Informationen abzusaugen oder Herzschlag und Blutdruck der Gegner zu überwachen. Wenn jemand versuchte, ein professionelles Pokerprogramm zu laden, wurden diese Bemühungen durch komplexe technische Maßnahmen vereitelt. Außerdem genügte ein einziger dieser Versuche, um für alle offiziellen Pokerturniere in Europa auf Lebenszeit gesperrt zu werden.
Also beschränkte sich der Erkenntnisgewinn, den ein aktives AR-System mit sich brachte, auf Daten, die das Netz zur Verfügung stellte. Biografisches zu den jeweiligen Mitspielern, Wahrscheinlichkeitsberechnungen für verschiedene Kartenkombinationen, abhängig von der Spielphase, und Informationen über die unterschiedlichen Strategien.
Ausschließlich Fakten, über die ein versierter Profi genauso verfügte wie ein geübter Amateur – ohne alle technischen Hilfsmittel. Erfahrung und ein bisschen gezielte Recherche zur Vorbereitung genügten.
Das war auch der Grund dafür, warum AR-Spieler bei Turnieren eher geduldet als respektiert wurden.
Man erkannte sie auf den ersten Blick. Ihre mit Nummern versehenen Plastikschilder waren rot statt weiß, eine Signalfarbe, die klar darauf hinwies, dass es sich bei dem Betroffenen um einen unglaublichen Idioten handelte. Eine Niete im Pokern, die versuchte, ihre mangelnden spielerischen Fähigkeiten durch moderne Technik auszugleichen. Mit anderen Worten: ein erklärtes Opfer für die anderen am Tisch.
Um die Demütigung noch zu verstärken, das war zumindest Rams Vermutung, kostete der Besuch eines offiziellen Turniers, wenn jemand nicht auf Computerunterstützung verzichten wollte, das Doppelte der üblichen Summe für Anmeldung und Eigenanteil am Preistopf.
Als er den Netzeintrag zum Thema zu Ende gelesen hatte, war Ram hochzufrieden. Es hatte seine Vorteile, wenn ihn die anderen Spieler eine Zeit lang unterschätzten. Das rote Idiotenschild würde ebenso dafür sorgen wie der Umstand, dass er niemals bei einem früheren Turnier gesehen worden war.
Diesen Eindruck, überlegte Ram, kann ich weiter verstärken. Etwa indem ich in den ersten Runden ungeschickt agiere und meine Bankroll, den persönlichen Chipstapel, immer wieder übermäßig abbaue.
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