1 ...8 9 10 12 13 14 ...23 Eine Sonnenbrille musste er ohnehin tragen. Die Veränderungen seiner Pupillen, verräterische Signale, die sich kaum durch das Bewusstsein kontrollieren ließen, sollten seinen Gegnern verborgen bleiben.
Da nur Profis und gute Amateure solche Brillen trugen, ein Personenkreis, zu dem Ram, wie sein rotes Schildchen suggerieren würde, definitiv nicht gehörte, war der Sichtschutz wahrscheinlich für seine Kontrahenten nur ein weiteres Zeichen dafür, dass sie es mit einem unerfahrenen Wannabe zu tun hatten.
Vielleicht bin ich der erste Turnierspieler überhaupt, der eine Profisonnenbrille mit einem AR-Idiotenschild kombiniert, dachte er und lächelte dabei.
Das müsste mich zum Superidioten machen.
Auf Ohrhörer mit Musikberieselung, wie sie viele Profis trugen, um störende Außenweltsignale zu minimieren, wollte er verzichten – andernfalls würde er keine Chance haben, die Gedanken seiner Mitmenschen zu belauschen. Am Geld sollte die Sache nicht scheitern, doppelte Teilnahmegebühr hin oder her. Ram besaß Rücklagen von über fünftausend Euro, und er wollte die gesamte Summe in Pokerturniere investieren.
Es war für einen guten Zweck. Den Zweck, mit einem dreisten Trick stinkreich zu werden.
Johnny Cash sang gerade eine Version von »Bridge Over Troubled Water«, und er wirkte dabei, als könne er seine Tränen nun beim besten Willen nicht mehr zurückhalten, so sehr er sich auch darum bemühte.
Ram hatte jetzt nur noch wenige Aufgaben zu erledigen. Den Zeitpunkt des nächsten Pokerturniers in Berlin herauszufinden, die Anmeldegebühr und den Eigenanteil an der Gewinnausschüttung zu überweisen und sich in Geduld zu üben.
Er erteilte seinem Rechner einen Sprachbefehl, was das System automatisch veranlasste, Johnny Cash verstummen zu lassen.
»Operator an Computer. Suche nach dem nächsten offiziell zertifizierten Texas-Hold-‘Em-Turnier, das in Berlin veranstaltet wird, und zeige mir die Onlineinformationen auf dem Monitor an.«
Die freundlich neutrale Rechnerstimme bestätigte den Befehl mit »Verstanden«.
Wenige Sekunden später sah Ram auf seinem Achtzigzollwandbildschirm die Videoanimation eines wuchtigen neoklassizistischen Gebäudes mit einem roten Teppich vor dem Eingang.
»Das nächste Turnier gehört zur Special Europe Series und findet am neunten Juni um fünfzehn Uhr im Paradise Casino in Neukölln statt. Pot Limit, mit maximal einhundert Spielern«, erläuterte die Computerstimme. »Das Kasino liegt in der Karl-Marx-Stra…«
Ram unterbrach sein Rechnersystem. »Stopp. Das ist doch schon in einer Woche, da kann man sich bestimmt nicht mehr anmelden.«
»Soll ich diese Aussage als Frage verstehen, ob Sie sich jetzt noch anmel…«
»Ja-ha.«
»Die Frist endet heute Nacht um null Uhr. Aber das verfügbare Kartenkontingent ist begrenzt.«
Die Animation zeigte eine Kamerafahrt, die durch die Drehtür des Kasinos, beidseitig flankiert von Portiers in altmodischen Uniformen, in das Gebäude führte. Dabei sah man, wie der verspiegelte, von Kristalllüstern erleuchtete Eingangsbereich in den strahlenden Innenraum überging. Prächtig, aber auch ein bisschen billig.
»Begrenzt? Wie begrenzt?«
»Es ist nur noch ein Ticket erhältlich.«
»Wow …« Ram hatte plötzlich Gänsehaut an den Armen und am Hals. »Wie viel ist im Price Pool, und wie wird er aufgeteilt?«
Auch bei Pokerrunden im deutschen Sprachraum war es seit Jahrzehnten üblich, im Fachvokabular großenteils die amerikanischen Originalbegriffe zu verwenden. Für Ram als Iren gab es da naturgemäß keine Probleme – nur musste er immer wieder unwillkürlich grinsen, wenn die einschlägigen Onlinelernprogramme englische Wörter gnadenlos den Beugungsregeln der deutschen Grammatik unterwarfen: »Am besten raist du in dieser Situation. Raisen könnte als Bluff funktionieren. Auf keinen Fall solltest du dich aufs Callen beschränken, wenn du bei deiner aggressiv tighten Spielstrategie bleiben willst …«
Die Computerstimme holte Ram in die Gegenwart zurück.
»Der Price Pool beträgt garantierte vierzigtausend Euro und verteilt sich auf die zehn besten Spieler. Der Erste bekommt vierzig Prozent der Gesamtsumme, das entspricht sechzehntausend Euro. Der Zweite bekommt siebzehn Prozent, das entspricht sechstausendachthundert Euro. Der Dritte bekommt zwölf Prozent der Gesamtsu…«
»Stopp, das genügt. Wie hoch sind Buy-in und Tournament Fee, wenn ich mein AR-System aktiviert lassen möchte?«
»Der Buy-in für den Price Pool liegt üblicherweise bei vierhundert Euro. Außerdem verlangt der Veranstalter im Regelfall eine Tournament Fee von vierzig Euro. Mit AR-Erlaubnis verdoppelt sich die Gesamtgebühr auf achthundertachtzig Euro. Falls ich mir einen Tipp erlauben darf: An Ihrer Stelle würde ich mich auf die günstigere Standardvariante beschränken.«
»Wenn ich deine Ratschläge brauche, frage ich dich«, sagte Ram, ohne sich mit Höflichkeiten aufzuhalten. »Verstanden?«
»Verstanden.«
Das war das Schöne an der künstlichen Intelligenz. Sie hielt das Maul, sobald man es ihr befahl. Das galt vielleicht nicht für die Brain-Reader-App, aber zumindest für alle erprobten Technologien in Rams näherer Umgebung.
»Reserviere mir das Ticket in der AR-Variante und blende die Kontaktdaten für das Onlinebanking ein.«
»Verstanden, wird erledigt.«
Als das Computersystem die Transaktion abgeschlossen hatte, war Rams Gänsehaut verschwunden. Stattdessen liefen ein paar Hitzeschauer über seinen Körper, von Bauch und Rücken bis zum Gesicht.
Bis vor wenigen Minuten hatte er gedacht, er würde viele Wochen auf seine große Gelegenheit warten müssen, und nun dauerte es gerade einmal sieben Tage bis zum nächsten großen Turnier in Berlin. Eine Woche, in der er weitertrainieren konnte. Die Anmeldefrist war in dreieinhalb Stunden zu Ende, und Ram hatte mit viel Glück das letzte verfügbare Ticket ergattert.
Außerdem ging es um ein Pot-Limit-Spiel, bei dem der Höchsteinsatz immer dem aktuellen Gesamtbetrag entsprach, der gerade im Pot lag. Solche Wettbewerbe konnten so spannend sein wie die deutlich stärker verbreiteten No-Limit-Turniere, aber sie waren bei Weitem nicht so ruinös. Amateure wie Ram hatten also die Chance, lange am Tisch zu sitzen und mitzuspielen. Auch ohne telepathische Kräfte.
Fast so, als stünde ein seltsamer Plan dahinter – ein Plan, den ich mir nicht ausgedacht habe.
Zu den Hitzeempfindungen gesellte sich ein leichtes Frösteln, doch das eine glich das andere keineswegs aus, sodass Ram jetzt gleichzeitig schwitzte und fror.
Immerhin hatte Mirco vor drei Wochen gesagt, dass Telepathie ohne Großrechner und komplizierte medizinische Apparate gegen ein paar grundlegende physikalische Gesetze verstoßen würde.
Was, wenn etwas mit der Welt, in der er lebte, nicht stimmte?
Besser, ich denke nicht länger darüber nach. Solche Gedanken können nicht gesund sein.
In diesem Moment veränderte sich der Bildinhalt des Achtzigzollmonitors. Er zeigte eine Fläche, die abwechselnd rot und blau aufblinkte und von einem halbwegs dezenten Klingelton begleitet wurde.
»Mirco Weißknecht versucht Sie über eine Hochsicherheitsleitung zu erreichen«, sagte die Computerstimme. »Nehmen Sie das Gespräch an?«
»Ja, leg es auf den Bildschirm.«
Mit einem Freund zu reden, dachte Ram, ist bestimmt eine gute Abwechslung. Außerdem hab ich gerade sowieso nichts Besseres zu tun …
Mircos Gesicht erschien auf dem Monitor.
Er sah abgekämpft aus und hatte dicke schwarze Ringe unter den Augen.
»Hi, Mirco. Du wirkst so, als wärst du seit ein paar Tagen nicht ins Bett gekommen.«
»Da du zu den wenigen Menschen gehörst, die so was normalerweise nicht auf Anhieb bemerken, drängt sich mir die Frage auf, ob du jetzt schon online Gedanken lesen kannst. Das fände ich ganz schön gruselig …«
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