Allerdings um einen gewissen Preis: Die Sonnenbrille musste er bei diesem Turnier weglassen, weil sie die visuelle Wahrnehmung der gegnerischen Pocket Cards behinderte.
Er bemerkte, dass er seine Brille immer noch in der Hand hielt, steckte sie in das Etui und verstaute es in der Jacketttasche. Sollten die anderen am Tisch doch denken, dass er die Gläser nicht gut vertrug oder dass er beschlossen hatte, angesichts seiner begrenzten Fähigkeiten auf den albernen Sichtschutz zu verzichten – es war ihm egal.
Blöd nur, dass sie seine Mimik beobachten und daraus wertvolle Schlussfolgerungen ziehen konnten. Zumindest die Profis waren geübt darin, beim Gegner subtile Bewegungen des Gesichts oder der Pupillen wahrzunehmen und diese Veränderungen richtig einzuordnen, um jegliche Bluffabsichten schon im Frühstadium zu erkennen.
Ram blieb nichts anderes übrig, als alle körperlichen Reaktionen bewusst zu minimieren und ansonsten auf sein Pokerface zu setzen. Da er jede Menge Übung darin hatte, im Alltagsleben neutral bis gleichgültig zu erscheinen, machte er sich keine allzu großen Sorgen, jemand am Tisch könne in ihm lesen wie in einem offenen Buch. Zumindest nicht im weiteren Spielverlauf, also in Phase zwei seines Plans.
Er stellte erfreut fest, dass er inzwischen kaum noch schwitzte und dass auch sein Herz nicht mehr wummerte wie ein Presslufthammer. Ram aktivierte die Statistiktabellen, die er in seinem AR-System gespeichert hatte, mit einem Flüsterbefehl. Die virtuellen Anzeigen überlagerten zwar die Geisterbilder der Pocket Cards, aber er fand bald heraus, wie er zwischen den beiden Ebenen hin- und herwechseln konnte, indem er ein bisschen schielte.
Inzwischen, es war die Pre-Flop-Runde, hatten fünf Mitspieler ihre Einsätze gemacht. Vier Gegner waren ausgestiegen, und Ram wusste, welche Pocket Cards ihnen den Mut genommen hatten, weiterzuspielen.
Seine eigene Hand, ein eher mittelgutes Blatt, war durch diese illegalen Zusatzinformationen viel wertvoller geworden.
Er wusste, dass der Siegelringmann, sein direktes Gegenüber am Tisch, mit zwei Buben von allen Gegnern die besten Karten hatte. Eine Hand, die der Mann auf jeden Fall bis zum Ende der Runde weiterspielen würde, da er sich, statistisch abgesichert, Hoffnungen auf zwei Pärchen, auf einen Bubendrilling oder ein Full House machen konnte, wenn der Dealer die ersten Community Cards ausgab.
Wovon der distinguierte Herr keine Ahnung hatte, wohl jedoch Ram, war der Umstand, dass der Croupier die beiden noch ausstehenden Jungs bereits als Pocket Cards an zwei andere Spieler verteilt hatte. Das verringerte die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Siegelringmann einen Bubendrilling oder ein Full House bilden konnte, auf Null.
Ram wiederum, der zwei Neunen hielt und in der gleichen Ausgangssituation war wie der Typ mit dem Ring, konnte mit Sicherheit sagen, dass keiner seiner Gegner eine Neun auf die Hand bekommen hatte, einschließlich der Spieler, die schon ausgestiegen waren. Das erhöhte Rams Chancen auf eine weitere Neun erheblich, sowohl beim Flop als auch, falls es so weit kommen würde, bei den späteren Community-Card-Runden, dem Turn und dem River.
Der Dealer legte den Flop aus.
Und tatsächlich, eine der drei Karten war eine Neun. Die Kreuz Neun.
Ram besaß also zumindest einen Drilling.
Bisher hatte er zurückhaltend, fast ängstlich agiert. Jetzt sofort auf Angriff umzuschalten wäre ein blöder Fehler. Das würde seinen Gegnern nur signalisieren, dass er ein hervorragendes Blatt hatte, und die Mitspieler wären nicht mehr lange dabei.
Um seine Kontrahenten möglichst lange im Spiel zu halten, musste er etwas unschlüssig erscheinen. Also würde er sich auf Calls beschränken, auf das Mitgehen, ohne selbst die Einsätze zu erhöhen.
Ein Gegner stieg aus, als der Siegelringmann verdoppelte.
Ram ging mit.
Nachdem der Dealer die nächste Community Card in die Tischmitte gelegt hatte, die kein Bube war, wirkten die Handbewegungen des Siegelringmanns bei aller Professionalität ein kleines bisschen fahrig.
Aber anscheinend hatte der distinguierte Herr sich vorgenommen, mit seinem Buben-Pärchen dabeizubleiben, koste es, was es wolle. Tatsächlich erhöhte er den Einsatz ein weiteres Mal, was drei weitere Gegner dazu brachte, zu passen.
Ram vermutete, dass der Siegelringtyp davon ausging, er, Ram, der seltsame Freak mit dem roten Schild und dem Sonnenbrillenproblem, sei ein erbärmlicher Spieler mit offenkundigen Bluffabsichten. So erbärmlich, dass er offenbar nicht mehr aus der Nummer herausfand und noch in dieser Runde seine letzten Jetons verlieren würde.
Wobei sich nicht bezweifeln ließ, dass Rams Chipstapel schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er stand kurz vor der Pleite.
Doch Ram ging mit, bis die letzte Community Card, der River, auf dem Tisch lag. Dass diese Karte zufällig die verbliebene Neun war, die sich noch im Stapel befunden hatte, wäre, wie er fand, nicht mehr nötig gewesen.
Aber beim Showdown machte der Vierling, eine statistische Rarität, seinen Triumph perfekt.
Mehrere Stunden später, er hatte längst jedes Zeitgefühl verloren, saß Ram am Final Table im Kaisersaal. Vor ihm lag ein Stack von fast siebenhundertzwanzigtausend Eurojetons. Er fühlte sich durchströmt von einem wilden Hormoncocktail, der ihn gleichzeitig ruhig, hellwach und hoch konzentriert machte, und beobachtete seinen letzten Gegner. Alle anderen, acht der zehn besten Spieler des Turniers, waren bereits ausgeschieden.
Rams Gegenüber, mit ungefähr siebenhundertachtzigtausend etwas besser ausgestattet als er selbst, trug einen schwarzen Anzug mit sichtbaren Knitterfalten und eine ausgesprochen hässliche gelbe Krawatte. Obwohl eine verspiegelte Sonnenbrille die Augen verdeckte, sah Ram, dass dieser Typ seine Gesichtsmimik bis zur absoluten Regungslosigkeit reduziert hatte.
Der Mann mit der Schildnummer vierundsiebzig war noch jung, Mitte oder Ende dreißig, und im Sitzen überragte er Ram, der selbst nicht sehr klein war, um mehrere Zentimeter. Mit seinem Outfit, seiner stämmigen, kräftigen Figur und den amateurhaften Einfarbtattoos, die von seinen Hemdsärmeln nur zum Teil verdeckt wurden, wirkte er wie ein Kleinkrimineller mit Knasterfahrung.
Aber vielleicht war das meiste davon nur ein Trick. Pokern hatte eine Menge mit psychologischer Kriegsführung zu tun, erst recht, wenn es jemand bis zum Final Table schaffte.
Leider stießen Rams telepathische Fähigkeiten bei diesem Gegner an ihre Grenzen. Er hatte schon vorher bemerkt, dass es ihm schwerfiel, die Pocket Cards, die der Mann besaß, als geisterhaftes Abbild vor sich zu sehen. Er musste sich sehr auf die Übertragung konzentrieren, und die visuellen Signale verschwanden schnell, oder sie wurden von Störwahrnehmungen überlagert.
Was soll’s, dachte Ram. Wenn ich den Hauptpreis bei einem Pokerturnier gewinnen will, kann ich mich durchaus ein bisschen dafür anstrengen.
Da außer Ram und dem Gangstertyp niemand mehr dabei war, gab es keinen anderen Spieler, der die Grundeinsätze bezahlen konnte.
Also beglich der Gangster den Small Blind, der inzwischen auf zwanzigtausend Euro angestiegen war, anschließend legte Ram Chips im Wert von vierzigtausend dazu.
Dann verteilte der Dealer die Pocket Cards.
Ram sah, dass er Pik Zwei und Kreuz Zwei bekommen hatte. Ein niedriges Pärchen. Das waren keine besonders guten Karten, doch bei einer Heads-up-Situation, Mann gegen Mann, konnten sie wertvoll sein.
Und was, zum Teufel, hat der Gangstertyp?
Nichts zu sehen. Nicht einmal ein verschwommener Eindruck der Pocket Cards.
Nur dieser abweisende, fast eingefrorene Gesichtsausdruck.
Fuck.
Irgendwie scheint es der Typ geschafft zu haben, sich auf mich einzustellen. Seine visuelle Wahrnehmung in eine Art Tresor zu sperren. Auch wenn ich bezweifle, dass ihm überhaupt bewusst ist, dass ich seine Blicke absaugen will.
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