»Operator an Computer. Öffne das Deinstallationsmenü der Brain-Reader-1.0-Applikation.«
Doch auf dem Wandbildschirm tat sich nicht das Geringste, und die dauerfreundliche Frauenstimme, die alle Systemprozesse begleitete, gab Ram eine unfreundliche Antwort.
»Der Zugriff auf das Deinstallationsprogramm wird verweigert.«
Ram fluchte. Dann setzte er sich aufrecht hin. Gemütliches Liegen war der Situation, in der er sich befand, nicht angemessen, und auch die halb volle Bierflasche, die auf dem Wohnzimmertisch stand, musste warten.
Bestimmt würde sich das blöde Softwareproblem im Handumdrehen lösen lassen. Üblicherweise war jedes installierbare Programm, das keine Schädlinge enthielt, auch deinstallierbar.
»Operator an Computer. Rufe alle verfügbaren Konfigurationseinstellungen von Brain Reader 1.0 auf und zeige sie auf dem Monitor an.«
»Es sind keine Konfigurationseinstellungen zu dieser Software verfügbar.«
»Dann beschränke dich darauf, den Brain Reader zu deaktivieren. Dauerhaft.«
»Der Zugriff auf die Deaktivierungsfunktion wird verweigert.«
»Verfickte Schei…, nein, ich wollte sagen: Welche Komponenten von Brain Reader 1.0 lassen sich abrufen und modifizieren?«
»Keine, es sei denn der User verfügt über die nötigen Zugriffsrechte.«
»Und wer, zur Hölle … ich meine: Wer erteilt dieses Zugriffsrecht?«
»Die Herstellerfirma Progressive Cybernetics.«
»Die sich wo befindet?«
»Keine Informationen verfügbar.«
Anscheinend ließen sich Rams Schwierigkeiten nicht nur nicht im Handumdrehen lösen, sondern überhaupt nicht.
Er griff nach der halb vollen Flasche Beamish und leerte sie in einem Zug.
Nachdem er sich einige Male aus der Trickkiste für die Bewältigung hartnäckiger Softwareprobleme bedient hatte, ohne jeden Erfolg, stellte Ram fest, dass er alleine nicht weiterkam.
Er brauchte Support. Schließlich war er kein IT-Spezialist.
Aber er kannte einen. Mirco, ein paar Jahre jünger als Ram. Ein Systemadministrator, der ausweislich seiner Koteletten, der kreischbunt tätowierten Ohren, die rundum durch diverse Goldringe perforiert waren, und einer Vorliebe für Retropostpunkklamotten offenbar gerne ein cooler urbaner Tripster gewesen wäre, aber eher wirkte wie ein uncooler urbaner Nerd. Dieser Eindruck hatte sich Ram jedenfalls beim ersten Treffen aufgedrängt, unter anderem durch Mircos deutlich gerundeten Bauch und den stark behaarten Grundzustand seiner gepiercten Ohren.
Eher ein guter Bekannter als ein Freund, aber das galt für die allermeisten Menschen, mit denen Ram sich in unregelmäßigen Abständen austauschte.
Er steckte ein AR-Audio-Zusatzmodul ins rechte Ohr, aktivierte die Webphoneapp und rief Mircos Nummer auf, nachdem er einen speziellen Zugangscode eingegeben hatte. Sein Bekannter tat alles, was ihm möglich war, um nicht überwacht zu werden, und dazu gehörte auch eine abhörsichere Webphoneleitung, die es etwas aufwendiger machte, ihn zu erreichen.
Dann sah Ram ein müdes Gesicht mit Dreitagebart.
»Hi, Mirco.« Er versuchte, möglichst unbeschwert zu lächeln, obwohl er sich mies fühlte.
»Hi, Ram. Lange nichts von dir gehört.«
Der Umstand, dass Mirco sich im nonverbalen Bereich auf ein schlichtes Kopfnicken beschränkt hatte, ließ Rams Lächeln schnell wieder verschwinden.
»Könntest du mich bei der Lösung eines Computerproblems unterstützen?«
Da Mircos Miene sich nicht wesentlich aufhellte, setzte er hinzu: »Ich weiß, du hast mir schon oft geholfen, aber ich komme heute einfach nicht weiter …«
»Und immer wenn’s brennt, erinnerst du dich an mich«, erwiderte Mirco, der immer noch nicht lächelte. »Du bist dir wahrscheinlich nicht darüber klar, dass ich normalerweise hundert Euro pro Stunde berechne, wenn ich einen Kunden besuche. Von dir hab ich noch nie was genommen.«
»Und dafür bin ich dir sehr dankbar. Wenn du heute zu mir kommst, kannst du dir gerne ein Heft aus meiner Comicsammlung aussuchen. Außerdem ist das Rechnerproblem wirklich spannend. Das müsste dich auch interessieren …«
»Freie Wahl bei deinen Comics?«
»Freie Wahl.«
Ram und Mirco hatten sich vor ein paar Jahren bei einer ComCon kennengelernt, einer Comic Convention.
»Wenn ich mit dem Auftrag fertig bin, an dem ich gerade arbeite, fahre ich zu dir. Ungefähr um vier Uhr. Okay?«
»Okay. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du …«
In diesem Moment unterbrach Mirco die Webphoneverbindung. Er hatte weder das Ende von Rams Dankesbekundungen abgewartet noch sich von ihm verabschiedet.
Das Gespräch war bei Weitem nicht so freundlich verlaufen, wie Ram es erwartet hatte. Doch da die vier Frühbiere inzwischen zur vollen Wirkung gekommen waren, hielt er sich nicht mit Selbstzweifeln auf. Mirco würde ihn am Nachmittag besuchen, das zumindest hatte er erreicht.
Außerdem konnte er ihm statt des vereinbarten Comics zwei Hefte mitgeben. Durch ein kleines Geschenk, davon war er überzeugt, ließen sich alle atmosphärischen Störungen beseitigen.
Um kurz vor vier schrillte die Haustürklingel. Ram, der ein bisschen auf der Couch gedöst hatte, schrak aus einem wirren Traum hoch, in dem er von zahlreichen fremden Menschen verfolgt worden war.
Kurz darauf stand Mirco in der Wohnungstür und drückte ihm die Hand. Dieses Mal verbunden mit einem leichten Lächeln. Dennoch musste Ram sich Mühe geben, Mircos deutlich hörbaren Begrüßungsgedanken – Hoffentlich geht’s schnell, heute ist ein scheißanstrengender Tag – zu ignorieren.
»Magst du ein Bier?«
Mirco, der ganz in Schwarz gekleidet war, wenn man von seinen knallroten Sneakern absah, schüttelte den Kopf. »Ich trinke normalerweise keinen Alkohol. Schon vergessen? Speed oder Digital Coke wirst du wahrscheinlich nicht haben, oder? Ich bin etwas erschöpft …«
»Ich nehme keine Drogen, deshalb sind auch keine da. Aber eine analoge Flasche Cola kannst du kriegen. Setz dich schon mal auf das Sofa. Notfalls musst du es ein bisschen leerräumen.«
Während Mirco ins Wohnzimmer ging, holte Ram eine Literflasche Coca Cola aus dem Kühlschrank und nahm ein Glas aus dem Spülsieb, das einigermaßen sauber zu sein schien. Dann setzte er sich zu Mirco und stellte das Getränk auf den Tisch.
Er war erleichtert, als er den Gedanken Das ist besser als gar nichts zum Dopen, vielleicht macht mich das Gesöff wenigstens halbwegs wach hörte.
Eine halbe Flasche Cola und drei halb unterdrückte Rülpser später fragte Mirco: »Worum geht’s denn bei deinem Computerproblem?«
»Das ist eine merkwürdige Geschichte. Ich hab eine App installiert, durch die man Gedanken lesen kann, und jetzt lässt sich das Programm nicht mehr deaktivieren. Ums Verrecken nicht.«
»Was?«
Mircos ungläubiger Blick sprach Bände, aber damit hatte Ram ebenso gerechnet wie mit dem Gedanken Ist der Typ verrückt geworden? , den er in den nächsten Sekunden empfing.
Deshalb erzählte er seinem Bekannten die ganze Geschichte, angefangen mit dem Schatzfund im Mülleimer. Mirco hörte ihm aufmerksam zu und unterbrach ihn nur einige Male für die eine oder andere Nachfrage.
Als Ram seinen Bericht beendet hatte, schwiegen beide. Dann sagte Mirco: »Dir ist schon klar, dass sich das irre anhört?«
»Natürlich. So durchgeknallt, dass ich diese Story normal finden würde, bin ich nicht.«
»Du behauptest also, du könntest bei jedem Menschen, der in Hörweite ist, die Gedanken lesen.«
»Richtig.« Ram ahnte, was nun kommen würde.
»Dann sag mir, was ich gerade denke.«
»Du denkst, dass ich jeden Bezug zur Realität verloren habe, und du willst am liebsten aufstehen und abhauen.«
Mirco wirkte überrascht, aber nur kurz.
Dann wurde er, zu Rams Erstaunen, wütend.
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