Er zitterte.
Was, zum Teufel, war da eben passiert?
Litt er unter Halluzinationen? Rams letzte Begegnung mit halluzinogenen Rauschmitteln, unbefriedigend wie all seine Drogenerlebnisse, lag jedoch über zehn Jahre zurück.
Oder absolut jeder Mensch, dem er an diesem Frühlingstag begegnet war, verhielt sich ihm gegenüber aus reichlich unersichtlichen Gründen unangemessen.
Die eine Theorie ist genauso absurd wie die andere …
Als er gerade das AR-System befragen wollte, ob im Raum Berlin möglicherweise etwas Merkwürdiges geschehen war – ein Laborunfall, ein Biowaffenanschlag, eine außerirdische Invasion, was auch immer –, stellte Ram verblüfft fest, dass sich die Infografik am unteren Rand seines Gesichtsfelds verändert hatte.
Rechts neben den üblichen Icons, Links und Textanzeigen leuchtete ein roter Punkt.
Versehen mit dem Schriftzug »Brain Reader 1.0«.
Hatte er – die Gedanken seiner Mitmenschen gelesen?
Den Produktnamen dieser App wörtlich zu nehmen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Schließlich wurde man, wenn man bei McDonald’s ein Royal-Menü bestellte, auch nicht königlich bewirtet.
Es ging um Werbung, und Werbung hatte nun einmal die lästige Angewohnheit, heftig zu übertreiben, um die Blöden zu ködern.
War er tatsächlich ein Telepath?
Ausgeschlossen, dachte Ram. Ich hab doch nicht mal das Audiomodul im Ohr. Die AR versteht, was ich sage, aber ohne Stöpsel kann ich alles, was sie überträgt, nur sehen. Nicht hören.
Trotzdem. Die Lippenbewegungen. Die Lippenbewegungen waren ein Indiz.
Genauer: deren Abwesenheit. Als die Kassiererin sich in ihrem Klagemonolog verloren hatte, fehlten die Mundbewegungen. Eine Beobachtung, die so absurd war, dass Ram sie bis zu diesem Augenblick ausgeblendet hatte.
Wie war es bei den anderen? Ram hatte nichts Entsprechendes bemerkt. Aber das lag womöglich daran, dass er erst durch ihre seltsamen Sprüche auf sie aufmerksam gemacht worden war und dass diese Leute schon zu Ende gedacht hatten, als sie in sein Blickfeld geraten waren.
Die Übelkeit, das Zittern und die Schwindelgefühle wurden stärker. Ram umklammerte die Parkbank, auf der er saß, mit den Händen, obwohl er wusste, dass ihm das nicht helfen würde.
Er musste sich irgendwo festhalten.
Als er wieder halbwegs klar denken konnte, war der erste dieser halbwegs klaren Gedanken eine Frage.
Verdammte Scheiße, was mach ich denn jetzt?
Es mochte in ein paar speziellen Situationen interessant sein, die Gedanken der Mitmenschen zu kennen, aber unaufhörlich davon bombardiert zu werden, würde ihn zuverlässig in den Wahnsinn treiben. Früher oder später.
Außerdem kollidierte das mentale Geschwätz der Leute frontal mit seiner Lebensmaxime, die Welt nicht allzu dicht an sich heranzulassen. Menschen, deren Redefluss sich kaum stoppen ließ, waren Ram zutiefst zuwider, und in Zukunft sollten ihn alle Leute, denen er mehr oder weniger zufällig begegnete, endlos zutexten? Unkontrolliert zulabern mit ihren Sorgen und Nöten, mit den Zutaten für Omas Kirschkuchen und dem, was sie von Rams Straßenkleidung hielten …
Unerträglich. Falls sich seine irrwitzige Telepathietheorie tatsächlich bewahrheitete.
Als seine Überlegungen bis zu diesem Punkt gediehen waren, bemerkte Ram, dass gerade ein älterer, etwas zauseliger Mann auf einen Laternenpfahl zusteuerte, der wenige Meter links von der Parkbank stand, auf der er saß.
Während der Mann mit offensichtlicher Routine anfing, den orangefarbenen Mülleimer, der an dem Laternenmast hing, nach Flaschen und anderen Wertstoffen zu durchwühlen, hörte Ram ein leises Murmeln. Mit der Zeit wurde das Geräusch irgendwie dichter und kräftiger, bis er jedes Wort verstand – so weit es der Inhalt erlaubte.
»Muss unbedingt Kalle Kohle für den Tabak geben, das hat er sich verdient … Kalle ist der Beste, wirklich, der Beste von allen. Und ein Schnaps, ich trink heute noch’n Schnaps auf Kalle, das hat er sich auch verdient. Auf jeden Fall … Der Typ auf der Bank da in dem Trainingsanzug sieht aus wie’n Zivilbulle … wird doch wohl noch erlaubt sein, ‘n paar alte Flaschen aus’m Müll zu holen … oder hamse das jetzt auch verboten, die verdammten Schweine … Werd mal Kalle fragen, der kennt sich mit solchen Sachen aus … Hey, Bulle, ich hab den bösen Blick, kuck zu mir her, dann biste für immer verflucht … das haste dir auf jeden Fall verdient …«
Jetzt machte der Zausel eine kleine Pause.
Es war eindeutig: Er hatte seine Lippen nicht bewegt. Als Ram über die Selbstlosigkeit eines gewissen Kalle und über seine eigene Tätigkeit als Polizeibeamter in Zivil in Kenntnis gesetzt worden war, hatte er kein Selbstgespräch verfolgt, sondern ein telepathisch übertragenes Signal.
Ram musste diesen Ort verlassen. Er stand auf und nahm die mittlerweile leicht zermatschten Erdbeeren von der Bank. Dann verschwand er, ohne den alten Mann noch einmal anzusehen, und bemühte sich dabei, seine Schrittgeschwindigkeit zu mäßigen. Der Flaschenpenner sollte nicht denken, er habe ihn mit seinem bösen Blick in die Flucht geschlagen.
Obwohl das auch schon egal war.
Ram beschloss, auf den geplanten Erwerb eines Rumpsteaks beim Türken um die Ecke zu verzichten. Lachhafte Preise hin oder her.
Er brauchte jetzt eine menschenfreie Umgebung. Zum Beispiel seine Wohnung.
Außerdem benötigte er vier bis fünf Flaschen Beamish Stout aus der Traditionsbrauerei Beamish and Crawford, die sich erfreulicherweise ebenfalls in seinem Apartment befanden.
Und nach dem Konsum der geistigen Getränke zur Nervenberuhigung musste er die Brain-Reader-App deinstallieren und den Cube zur Sicherheit vernichten. Nur für den Fall, dass er irgendwann auf dumme Gedanken kommen würde.
Also nach Hause.
Dieser Samstagmorgen war ohne jeden Zweifel noch grauenhafter verlaufen als der gestrige Freitag.
Doch Bier und anderthalb Kilo Erdbeeren hatten das Potenzial, ihm den Rest des Tages etwas zu versüßen.
Ram lag auf seinem Ledersofa. Er hatte es sich in seiner Wohnhöhle gemütlich gemacht und beschlossen, dem Gefühl von Entsetzen und Fassungslosigkeit, durch das sein freier Samstag überschattet worden war, mit dem gezielten Einsatz von melancholischen Heimatmelodien entgegenzutreten.
Deshalb hatte er sein Rechnersystem angewiesen, eine ganz spezielle Zusammenstellung von Songs abzuspielen, die für solche Situationen sehr geeignet war und von Ram den Titel »Irish Desires« verpasst bekommen hatte. Ein Sampler, der ausschließlich aus Klassikern bestand. Dubliners, Chieftains, Celtic Riot.
Drei Flaschen Beamish Stout, eine vierte war gerade in Arbeit, hatten ein Übriges getan, und das lähmende Gefühl war tatsächlich einer leisen, halbtrunkenen Melancholie gewichen.
Im Moment lief »Mystery Game« von Clannad.
Die Erdbeeren hatte Ram in der Küche gewaschen, geputzt und ein bisschen gezuckert. Sie waren schon etwas zermatscht, aber er wollte zunächst etwas erledigen, das ihm auf den Nägeln brannte, und sich erst im Anschluss mit den Früchtchen belohnen.
Es führte kein Weg daran vorbei, die verfluchte App von Progressive Cybernetics zu deinstallieren, also würde er diese lästige Arbeit eben als Erstes erledigen.
Ram verringerte die Lautstärke seines Soundsystems und aktivierte die AR. Dann befahl er ihr, sich mit dem Heimcomputer zu verbinden, um den Deinstallationsprozess auf dem Achtzigzollmonitor an der Zimmerwand verfolgen zu können.
Er stellte fest, dass der rote Punkt mit der Brain-Reader-Anzeige immer noch am unteren Rand seines Gesichtsfelds leuchtete, und übertrug das dreidimensionale Bild über den Cyberport an den Hauptrechner.
So war es bequemer. Die wiederholten virtuellen Einblendungen in die optische Wahrnehmung, die die Augmented-Reality-Technologie zwangsläufig mit sich brachte, strengten nach einer gewissen Zeit die Augen ebenso an wie das Gehirn, und Ram hatte, wie er fand, an diesem Tag schon genug Anstrengendes erlebt.
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