Das Schicksal Westeuropas
Westeuropa verlor im Vergleich zur Römerzeit drastisch an Entwicklungsniveau. Kriegerkönige herrschten über dünn besiedelte Gebiete mit Subsistenzlandwirtschaft, und die Region wurde bis ins 10. Jh. immer wieder Ziel von Einfällen, etwa der Wikinger und Magyaren.
Die Sehnsucht nach dem alten Rom führte 800 zur Kaiserkrönung Karls des Großen, aber das von ihm beanspruchte Römische Reich konnte Westeuropa politisch nicht einen. In Abwesenheit starker zentralisierter Staaten wurde die Gesellschaft von Feudalbeziehungen zusammengehalten. Ab dem 11. Jh. ereignete sich in Westeuropa ein Aufschwung von Kultur, Handel und städtischem Leben. Die »mittelalterliche Warmzeit« (950–1250), während der Europa überdurchschnittliche Temperaturen erlebte, verbesserte die Ernten. Große Kathedralen und Burgen wurden gebaut. Als die christlichen Kreuzfahrer sich bis nach Jerusalem vorkämpften, fanden viele Fortschritte in Medizin, Philosophie, Astronomie und Geografie in der arabischen Welt statt.
Man nimmt an, dass die Weltbevölkerung bis zum 13. Jh. auf rund 400 Mio. angewachsen war – doppelt so viel wie zum Höhepunkt der antiken Reiche. Ein umfangreiches Netzwerk verband Europa mit China und den blühenden Handelsreichen Asiens, per Land entlang der Seidenstraße und per See über den Indischen Ozean. Kairo und Venedig gelangten als Zentren dieses Handels zu Reichtum.
Doch das Leben blieb unsicher. Die Mongolen – Nomadenkrieger aus der asiatischen Steppe – griffen wichtige Städte vom Nahen Osten bis nach Südchina an und verübten große Massaker. Tödliche Seuchen waren ebenfalls weitverbreitet.
In der Mitte des 14. Jh. fiel dem Schwarzen Tod, der über die Handelswege verbreitet wurde, wohl ein Viertel der Weltbevölkerung zum Opfer.
Erfindungen und Fortschritt
Der technische Fortschritt war langsam, aber insgesamt bedeutend. Als fortschrittlichstes Land der Welt war China letztendlich die Quelle der meisten Erfindungen, von Papier und Blockdruck bis hin zu magnetischen Kompassen und Schießpulver. Doch auch das vergleichsweise rückständige Europa profitierte von Verbesserungen in Schiffbau und Metallverarbeitung; die Erfindung und Verbreitung des Pflugs und der Windmühle revolutionierte die Landwirtschaft. Am Ende des Mittelalters hatten sich die westeuropäischen Königreiche von auf Treueeiden beruhenden Feudalstaaten zu stabileren, stärker zentralisierten Staaten entwickelt, die wichtige Ressourcen in große Entdeckungs- und Kolonisierungsunternehmen stecken konnten. In Amerika entwickelten sich währenddessen Kulturen wie die Azteken und Inka unabhängig weiter, unberührt von den Entwicklungen in Eurasien und Afrika – bis zur Ankunft der spanischen Konquistadoren im 16. Jh. 
DAS REICH ZU VERGRÖSSERN UND SEINEN RUHM ZU MEHREN
DIE RÜCKEROBERUNG ROMS DURCH BELISAR (536)
IM KONTEXT
FOKUS
Das Byzantinische Reich
FRÜHER
476 n. Chr.Der germanischstämmige Offizier Odoaker setzt den letzten weströmischen Kaiser ab und herrscht in Italien als »patricius«
493Der Ostgotenführer Theoderich stürzt Odoaker und wird König, wobei er nominell der byzantinischen Herrschaft unterliegt
534Byzanz beendet Herrschaft der Vandalen in Nordafrika
SPÄTER
549Die Byzantiner erobern Rom zum dritten und letzten Mal von den Goten zurück
568Die Langobarden fallen in Italien ein und nehmen Land in Besitz, das Justinian für Byzanz zurückerobert hatte
751Die Langobarden nehmen mit Ravenna das letzte wichtige byzantinische Besitztum in Norditalien ein
Am 9. Dezember 536 n. Chr. betrat die Armee des oströmischen Generals Belisar die Stadt Rom durch die Porta Asinaria. Die Ankunft der Byzantiner zwang die damaligen Verteidiger der Stadt, die Ostgoten, zur raschen Flucht durch die nördliche Porta Flaminia. Fast genau 60 Jahre, nachdem das Reich die Kontrolle über Italien verloren hatte, schien der alte Geburtsort des Reichs wieder unter die römische Herrschaft zurückgeholt.
Während das Weströmische Reich 476 nach einem Jahrhundert der Barbareninvasionen schließlich zusammenbrach, bestand der östliche Teil – das Byzantinische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul) – fort. Seine reichen Provinzen, darunter Ägypten, erlaubten die erfolgreiche Verteidigung seines Territoriums. Doch der Verlust der Geburtsstadt des Reichs war ein herber Schlag für das Prestige der byzantinischen Kaiser, den sie nie akzeptierten. 488 sandte Kaiser Zeno eine Armee germanischer Söldner, Ostgoten, um Odoaker zu vertreiben, der den letzten weströmischen Kaiser abgesetzt hatte. Im Gegenzug wurde ihnen gestattet, als Untertanen des byzantinischen Kaisers Italien zu regieren. Im Übrigen hatten die Goten begonnen, sich auf Reichsgebiete auszudehnen, und Zeno hoffte, dass ihre Entsendung nach Italien beide Probleme lösen würde.
40 Jahre lang herrschten die Goten relativ ungestört über Italien, doch das änderte sich, nachdem 527 Justinian (um 482–565) den byzantinischen Kaiserthron bestieg. Er war entschlossen, die römische Würde wiederherzustellen, und das bedeutete die Rückeroberung der verlorenen römischen Provinzen. 533 entsandte er eine Armee unter General Belisar nach Nordafrika, die rasch die Vandalen (ein seit den 430er-Jahren dort herrschendes Germanenvolk) besiegte.
»Es ist unmöglich, in Italien Geld für den Krieg aufzutreiben, denn große Teile des Landes wurden vom Feind zurückerobert. «
Belisar, 545
Kaiser Justinian, ein Mann von Tatendrang, wollte dem Römischen Reich mit einem ehrgeizigen, umfangreichen Reform- und Expansionsprogramm wieder zu früherem Glanz verhelfen
Dieser Erfolg ermutigte Justinian, 535 eine Invasion Italiens zu befehlen. Belisars Armee machte rasche Fortschritte und konnte 536 Rom zurückerobern. Doch die byzantinischen Erfolge stockten, als der Gotenkönig Witichis Rom – erfolglos – belagerte.
Belisar startete einen neuen Angriff, wurde aber zurückgerufen, da Justinian zu fürchten begann, er wolle sich als unabhängiger König Italiens etablieren. Der Krieg in Italien zog sich noch fast 20 Jahre hin. Die Goten eroberten Rom zweimal zurück, vermochten es aber nicht länger zu halten. Die letzte gotische Armee wurde schließlich 552 besiegt.
Die Auswirkungen des Kriegs
Die Byzantiner hatten den Krieg gewonnen, doch es war ein Pyrrhussieg. Italien war verwüstet – die Städte hatten einen großen Teil ihrer Bevölkerung verloren –, und die ländliche Wirtschaft war ruiniert. Statt der traditionellen lateinischsprachigen Herrschaftsschicht erhielten nun Griechisch sprechende Leute aus Konstantinopel alle wichtigen Ämter. Rom wurde als provinzieller Vorposten des Byzantinischen Reichs behandelt, und Hoffnungen, die Stadt könne wieder zum Machtzentrum werden, wurden enttäuscht.
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