„Ok, noch einmal ganz offiziell. Das brauchst du nicht. Ich weiß, dass es dir seit Nelos Verschwinden nicht gut geht und du jeden Tag als eine neue Herausforderung ansiehst. Es ist vielleicht hart, wenn ich das jetzt so ausspreche, aber einfach die Wahrheit."
Ich nicke und nehme einen Schluck Kaffee, nur um nicht gleich eine Antwort geben zu müssen. Wie alle kennt Sophie nur die Spitze des Eisbergs.
„Manchmal…", setzt sie an und ich schaue zu ihr auf. „Manchmal habe ich das Gefühl, Nelo ist in unserer Nähe."
Wenn du wüsstest, wie recht du hast, denke ich mir.
„Es klingt total verrückt, was ich dir gleich erzählen werde. Bitte versteh es nicht falsch. Ich möchte dich auf keinen Fall verunsichern oder damit verletzen."
„Was genau meinst du?", gebe ich irritiert zu.
„Vor einer Weile wurde bei uns in der WG eingebrochen. Es fehlte nichts, weder Bargeld noch Wertgegenstände. Aber der Einbrecher hatte einzig Nelos früheres Zimmer auf den Kopf gestellt. Als würde er dort etwas Bestimmtes suchen. Ich dachte zuerst, ich bilde es mir ein, aber meine innere Stimme fragt mich immer wieder: Ist es wirklich ein Zufall?"
Mit weit aufgerissenen Augen starre ich Sophie an. Was sie mir gerade verraten hat, stellt ein weiteres Indiz dafür dar, dass Penelope zurück ist. Möglicherweise ist meine Schwester in ihre frühere Wohnung zurückgekehrt. Aber wozu? Ihre Sachen sind längst nicht mehr dort. Oder hat sie einen weiteren Hinweis für mich hinterlassen? Auf einmal beginnt es unter meiner Haut heiß zu kribbeln.
„Ich habe so mit mir gerungen, dir davon zu erzählen, weil ich es selbst nicht begreife. Wir haben das Schloss der Wohnungstür auswechseln lassen; mehr konnte uns die Polizei auch nicht raten. Es muss ein dummer Zufall sein."
„Ich danke dir", gebe ich zu, den Gedanken beiseiteschiebend, dass ich sofort Nelos früheres Zimmer unter die Lupe nehmen muss. „Der gleiche Eindruck beschleicht auch mich seit einer Weile."
„Inwiefern?" fragt Sophie vorsichtig nach.
„Kennst du das Gefühl, die Präsenz einer Person zu spüren, obwohl du sie nicht siehst? Und gleich darauf wirst du ihr begegnen? So fühle ich seit der Erinnerungsfeier." Ich bin kurz davor, Sophie alles zu erzählen. Den Schatten in Penelopes Zimmer. Die Frau vor meinem Briefkasten. Ihre Nachricht. Und Penelopes Botschaft in der Spieluhr.
Kann sie mich bei der Suche nach meiner Schwester unterstützen? Sophie war ihr immer eine gute Freundin.
„Ich weiß, was du meinst. Seit dem Einbruch bleibe ich, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, manchmal stehen und schaue mich zur Sicherheit um. Es ist wie eine Eingebung, so als würde mir jemand folgen."
Was, wenn Penelope nicht nur zu mir Kontakt aufnimmt, sondern auch zu ihren engsten Freunden? Hat Emma möglicherweise ebenfalls etwas bemerkt? Ist es naiv von mir zu glauben, dass ich der Einzige bin, dem Penelope Zeichen sendet?
Meine Hände beginnen vor Aufregung zu zittern, während ich noch immer abwäge, was ich tun soll. Wird mir Sophie glauben?
Mein Blick verliert sich in der Glasfront des Cafés und ich schaue hinaus auf die schmale Straße. Vereinzelte Radfahrer und Passanten ziehen an den in Parkbuchten stehenden Autos vorbei.
„Was…", erschrecke ich, als mir ein Mann auffällt, der im Schatten einer Gasse steht. Ich kenne ihn - es ist der Typ mit dem Bart und der Bomberjacke, dem ich erst vor kurzem bei meinen Eltern begegnet bin.
Er ist kaum auszumachen, doch bin ich mir ganz sicher, dass er Sophie und mich von seiner Position aus beobachtet.
„Entschuldige mich kurz", verlasse ich abrupt unseren Tisch und spüre Sophies fragende Augen in meinem Nacken.
„Gregor, was hast du?", höre ich ihre Stimme, während ich das Café verlasse und die Straße überquere.
Mein Blick fokussiert die schmale Gasse und für den Bruchteil eines Augenblicks sehe ich, wie sich in dem Schatten etwas bewegt. Die restlichen Meter stürme ich regelrecht los und erlebe, als ich die Gasse erreiche, wie der Bärtige bereits um die nächste Häuserecke biegt. Ich jage ihm hinterher, doch ist es für mich unmöglich auszumachen, wohin er verschwunden ist. Ratlos schaue ich in alle drei Richtungen, die sich vor mir ausbreiten.
Wie lange mag er uns - oder mich - schon beobachtet haben? Ich hole tief Luft und versuche dabei, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.
Was haben meine Eltern mit ihm zu tun?
Ein anderer Gedanke schürt ein Feuer in mir. Flammen des Zorns.
Lassen mich Theodor und Marietta etwa beschatten?
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