Wir trinken zusammen einen Kaffee und niemand merkt, wie es mich unter meiner Haut dazu drängt, aufzuspringen und in Penelopes Zimmer nach einem Hinweis über ihren Aufenthalt zu suchen.
Als ich mich verabschiede, drückt Theodor mir die Hand und Marietta umarmt mich kurz. „Da fällt mir ein", versuche ich von einer plötzlichen Idee gelenkt zu wirken „ich bin auf der Suche nach einer CD. Vielleicht ist sie noch oben bei meinen alten Sachen?"
„Schau doch einfach nach", schlägt mir Marietta vor. „Hast du deinen Schlüssel dabei?"
Symbolisch ziehe ich ihn aus meiner Jacke hervor.
„Gute Idee." Ich nehme die Treppe nach oben, während mein Vater in den Garten verschwindet und meine Mutter zurück ins Wohnzimmer kehrt.
Lasst mich einfach in Ruhe suchen, stimme ich ihrem Verhalten zu. Die Tür zu oberen Etage schließe ich hinter mir und steuere augenblicklich Nelos Zimmer an.
Im milden Tageslicht wirkt der Raum anders, als in der Nacht der Erinnerungsfeier. Das freundliche, in Pastelltönen gehaltene Zimmer einer jungen Erwachsenen begrüßt mich. Auf einmal fällt mir die Vorstellung schwer, dass sich hier ein Schatten heimlich umherbewegt hat. Ein Schatten, der meine verschwundene Schwester sein könnte. Werde ich also einen Hinweis finden, den sie mir möglicherweise hinterlassen hat?
Da ich nicht weiß, nach was ich suche, mustere ich jeden Winkel des Zimmers. Überprüfe jedes Regal, jede Box. Öffne jede Schublade. Fahre mit den Fingern in die Spalten zwischen den Möbeln und den Wänden. Schaue unter das Bett. In den Kissenbezug. Hebe die Matratze an. Ziehe das Spannbetttuch ab. Aber ich finde nichts.
In meinen Gedanken versuche ich heraufzubeschwören, wohin sich der Schatten in dem Zimmer bewegte. Doch die Erinnerung liegt im Nebel und verschwimmt gänzlich hinter der Panik, die mich im Garten ergriffen hatte.
Ich bin gespannt, wie viel Zeit mir noch bleibt, bis meine Eltern nach mir schauen und erleben, wie ich Penelopes Zimmer buchstäblich auseinandernehme.
„Es nützt nichts", gestehe ich mir selbst ein. Ich suche die Nadel im Heuhaufen. Es fühlt sich wie früher an, als sich Nelo vor mir versteckte. Ihre Hinweise waren subtil und alles andere als leicht zu finden.
„Aber sie waren da", rücke ich mir meinen Kopf selbst zurecht. Ich darf nicht einfach aufgeben. Nachdem ich das von mir fabrizierte Chaos wieder beseitigt habe, setze ich mich auf Penelopes Bett und schaue noch einmal die letzte Aufnahme meiner Schwester an. Genau an dieser Stelle ist das Foto entstanden.
Wusstest du da bereits, welches Schicksal auf dich wartet?
Durch das Fenster zum Garten fällt helles Sonnenlicht in das Zimmer und ich schaue zur Seite, um nicht völlig geblendet zu sein.
Da bemerke ich es. Eine Gänsehaut wandert an meinen Armen hinab und ich fühle, wie ein Adrenalinschub meinen Körper durchfährt. Kann es wirklich sein? Meine Eltern haben an Penelopes Zimmer nichts verändert. Sie hüten es wie einen heiligen Schrein.
Ich schaue auf das Display meines Smartphones und vergleiche die Aufnahme mit der Gegenwart. Auf dem Beistelltisch neben dem Bett steht ein Kästchen, das auf dem Photo nicht zu sehen ist.
Fieberhaft versuche ich mir in Erinnerung zu rufen, ob ich es schon jemals gesehen habe. Ob es für Nelo eine bestimmte Bedeutung hatte. Könnte es tatsächlich ein Hinweis sein?
Vorsichtig nehme ich das Kästchen an mich und betrachte es. Fahre mit den Fingern über die im dunklen Holz eingravierten Linien; ein Netz aus Ranken, die sich an einem silbernen Verschluss am Rand des Deckels sammeln. Er gleicht einer blühende Rose.
Ich hebe einen kleinen Haken an und der Verschluss fährt mit einem leisen Klicken nach oben. Sofort nimmt mich das Innere des Kästchens regelrecht gefangen. Auf einem Boden aus rotem Samt beginnt eine Balletttänzerin ihre Pirouetten zu drehen. Die zarten Töne von Beethovens „Für Elise" begleiten die in ein weißes Kleid gehüllte Tänzerin, während sie - eingefroren in ihrer anmutigen Körperhaltung - ihren Tanz immerzu fortführt.
Das Kästchen ist eine Spieluhr. Ich bin mir ganz sicher, dass sie nicht aus der Jugendzeit meiner Schwester stammt. Jemand muss sie hier absichtlich hinterlassen haben.
Wenn Penelope mir damit einen Hinweis geben möchte, so muss ich nun seine Bedeutung entschlüsseln. Oder liegt der Hinweis im Inneren des Kästchens verborgen? Ich taste den Samt überzogenen Boden ab und suche nach einer weiteren Klappe, doch an keiner Stelle lässt sich etwas anheben oder lösen, um an ein Versteck zu gelangen.
Die Melodie verstummt und wie von Geisterhand erstarrt auch die Tänzerin. Eine eisige Stille erfasst das Zimmer und auf einmal erscheint mir selbst der Laut meines Atems wie die quälende Resonanz eines Bohrschlaghammers.
Von einem Mechanismus gesteuert, fährt die Balletttänzerin zur Seite. Dort, wo sie ihre Pirouetten zu drehen begonnen hatte, ist nun ein kleiner Spalt zu sehen. Und aus diesem ragt das kurze Ende eines Stückchen Papiers hervor. Ich versuche es mit den Fingern zu fassen zu kriegen und nach einer kleinen Ewigkeit, in der ich zusehends ungeduldiger werde und meine Nervosität drastisch ansteigt, gelingt es mir endlich, das Papier hervorzuziehen.
Ich stelle das Kästchen auf den Beistelltisch und entfalte den Zettel. Noch bevor ich lese, welche Botschaft darauf festgehalten ist, erkenne ich Penelopes Handschrift. Die Nachricht - der Hinweis - ist von ihr! Ich habe mir nicht eingebildet, sie zu sehen. Ihr Parfüm zu riechen. Ihre Bitte erhalten zu haben, sie zu finden.
Ich setze mich auf das Bett und nehme Wort für Wort regelrecht in mich auf.
Dort, wo die Zeit stillsteht,
Wo kein Tag und keine Nacht vergeht.
Dort, wo Helden fliegen,
wo die Verlorenen gegen Piraten siegen.
Wo die Kindheit für immer währt,
Dort, der Suchende die Antwort erfährt.
„Ein neues Rätsel", flüstere ich. Und in ihm ein Versprechen. Wenn ich es löse, werde ich die Antwort finden. Die Antwort, wo meine Schwester ist. Und was mit ihr geschah.
Ich stehe am Ende eines Ganges. Das Licht roter Lampen fängt sich auf dem kalten Stahl der Wände. Mir fehlt die Erinnerung, wie ich hierhergekommen bin, aber meine Intuition rät mir, den Ausgang zu finden. Meine Schritte hallen über den metallenen Boden. Lockt das Geräusch jemanden an? Werde ich verfolgt? Ich schaue zurück, kann aber nur die von rotem Licht unterbrochene Dunkelheit ausmachen. Und doch spüre ich die Anwesenheit eines anderen. Er ist nah und verringert Sekunde um Sekunde seine Distanz zu mir.
Im blutroten Schein vor mir zeichnet sich eine Tür ab. Ich mobilisiere meine gesamten Kräfte und stürme ihr entgegen. Plötzlich kann ich den Atem des Jägers hören. Er ist nur wenige Schritte von mir entfernt. Bleibe ich stehen und drehe ich mich noch einmal um, wird er mich fangen. Meine Hand greift nach der Türklinke und mit aller Kraft presse ich sie nach unten. Die Angst, die Tür wird sich nicht öffnen, erfüllt mich für wenige Sekunden, aber da stoße ich sie auf und trete in einen mit dunklen Fliesen ausgelegten Raum ein. Die Schwarzlichtröhre über mir taucht das Zimmer in eine surreale Wirklichkeit und in ihr finde ich den Mut, meinem Verfolger ins Gesicht zu schauen. Ich wende mich ihm zu. Aber es ist niemand zu sehen. Wo die Tür vor wenigen Sekunden noch war, blicke ich in einen riesigen Spiegel.
Als würde ich mich zu ersten Mal betrachten, nimmt mein Spiegelbild mich völlig gefangen.
„Mein Name ist Maiah Winter", sage ich und meine Worte werfen ihr Echo in alle Richtungen. Ich mustere mein Gesicht und fahre über die Narbe auf meiner rechten Wange. Auf einmal sieht mein Spiegelbild zu mir auf und grinst mich hämisch an.
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