Ich erinnere mich, wie sehr Penelope diese Geschichte geliebt hatte. Sie erzählt von einer Insel, dem Nimmerland, auf dem der Held Peter Pan mit seiner Bande - den verlorenen Jungs - lebt und auf der ihre Kindheit ewig währt. Das Nimmerland ist ein Ort, an dem sowohl Piraten wie auch Elfen, Meerjungfrauen und andere märchenhafte Wesen existieren. Dort kämpft Peter gegen Captain Hook; einen Piraten, der sich vor Krokodilen fürchtet, seit er seine rechte Hand im Duell mit Peter Pan an eines der Reptilien verlor. Der Haken, welcher er fortan am Stumpf seines Arms trägt, wird ihn auf immer daran erinnern - nicht zuletzt, weil dieser ihm seinen Namen verleiht.
Penelope wünschte sich, Peter Pan würde des Nachts bei ihr erscheinen und sie mit ins Nimmerland nehmen - so, wie er in dem Roman Wendy Darling und ihre beiden Brüdern John und Michael erscheint.
„Im Nimmerland muss man nur etwas glauben, damit es passiert", schwärmte sie mir vor, wenn sie mir abends aus dem Buch vorlas.
„Falls Peter wirklich existiert und er dich darum bittet, ihm zu folgen, musst du mich mitnehmen", versuchte ich Penelope ein Versprechen abzugewinnen.
„Mach dir keine Sorgen. Ich lass dich nicht alleine", versicherte sie mir. „Außerdem wirst du mich ohnehin überall finden. Egal, wo ich auch bin", ergänzte sie, um mich daran zu erinnern, wie gut ich ihre Hinweise bei unserem Spiel inzwischen deuten konnte.
„Ich wünschte, es wäre wirklich so", gebe ich zu und fahre mir mit der rechten Hand über meine glasigen Augen. Seltsam, dass mich diese Gedanken melancholisch stimmen, nun da ich mich daran erinnere, wie Nelo und ich abends in ihrem Zimmer saßen und sie mir vorlas.
Schmerzlich wird mir wieder umso deutlicher bewusst, dass Penelope immer für mich da war. Und deshalb muss ich sie finden. Es ist das Einzige, was ich für sie tun kann.
Brrrrrrrrrr durchbricht ein wildes Brummen die Stille zwischen mir und dem Laptop.
Ich zucke zusammen und schaue irritiert um mich, bis mein Blick die Kommode hinter mir streift, auf der ich mein Smartphone abgelegt habe. In vibrierendem Zittern dreht es sich langsam gegen den Uhrzeigersinn über die Holzoberfläche.
Auf dem Display erscheint eine unbekannte Nummer und nach einem kurzen Moment des Zögerns nehme ich das Gespräch entgegen.
„Hallo Gregor, hier ist Sophie."
Sofort jagt ein Brennen durch meine Adern. Ich habe es nicht geschafft, mich für mein fürchterliches Verhalten bei ihr zu entschuldigen. Vermutlich meldet sich Sophie nun, um mir ordentlich die Leviten zu lesen. Ich kann es ihr nicht verübeln. Natürlich würde ich gerne erfahren, durch wen sie meine Nummer erhalten hat, aber ich hüte mich davor, noch mehr Öl ins Feuer zu schütten.
„Hey", bringe ich schließlich hervor. Ertrag' die Vorwürfe und entschuldige dich bei ihr, verlangt meine innere Stimme.
„Ich wollte hören, wie es dir geht. Du bist neulich… na ja, einfach verschwunden. Und das lässt mir keine Ruhe."
Sie wirkt nicht verärgert. Eher besorgt. Oder täusche ich mich?
„Sophie, es tut mir…"
„Nein, Gregor, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es war ein verrückter Abend. Für uns beide. Wir waren durch die Abschiedsfeier aufgewühlt und hatten einiges intus."
Sophie überrascht mich völlig. Ich hätte keinen Cent darauf verwettet, dass sie sich derart versöhnlich zeigt und mich nicht teeren und federn möchte.
„Wie ich mich benommen habe - das ist eigentlich nicht meine Art. Ich weiß nicht, welche Sicherung mir da durchgebrannt ist. So ein Verhalten hast du jedenfalls nicht verdient. Im Gegenteil. Dass du nach der Erinnerungsfeier bei mir warst, hat das Ganze viel leichter gemacht."
„Schon okay. Du sollst einfach wissen, ich mache mir wirklich Gedanken um dich", gibt Sophie unverblümt zu. „Wenn du magst, könnten wir uns auf einen Kaffee treffen. Ich habe das Gefühl, du brauchst jemanden, der dich ab und an… na ja etwas aufbaut? "
Ich erinnere mich an Leos Überlegung, Sophie könnte mich auf andere Gedanken bringen. Nun muss ich es meinerseits nicht einmal forcieren, sie wieder zu sehen, denn offensichtlich hat sie mein Benehmen nicht abgeschreckt.
„Ok, wahrscheinlich ist es dämlich von mir zu glauben, dass ich gerade diejenige sein könnte, die dich…"
„Ein Kaffee wäre super. Sollen wir uns gleich treffen?", unterbreche ich sie wie aus der Pistole geschossen. Fast glaube ich zu hören, wie Sophie über meine Antwort zu lächeln beginnt.
„Sehr gerne."
Wir verabreden uns in einem Café, das in der Nähe ihrer Wohnung liegt. Eigentlich hätte ich das Entschlüsseln von Penelopes Botschaft vorantreiben wollen, doch halte ich Sophies Anruf für ein Zeichen, einen begangenen Fehler endlich ins Reine bringen zu können. Aus den Ergebnissen meiner Recherche mache ich mir schnell ein paar Notizen und schreibe in Großbuchstaben die Worte PETER PAN und NIMMERLAND auf ein Blatt Papier.
Während ich in meine Lederjacke schlüpfe, überlege ich, wie ich Sophies Reaktion deuten soll und ob sie sich wohlmöglich in mich verschossen hat. Der Gedanke begleitet mich durch die Stadt und ich erinnere mich an eine WG-Party, zu der mich Penelope kurz nach ihrem Einzug einlud. Sie wollte, dass ich ihre Mitbewohner kennen lerne und mir voller Stolz ihr neues Zuhause zeigen. Am Abend der Feier war die Wohnung jedoch völlig überfüllt mit Gästen. Kommilitonen und Freunde standen auf dem Flur, in der Küche und auf jedem Quadratmeter des großen Gemeinschaftszimmers. Nelo entschuldigte sich für die Planänderung, mir an einem anderen Tag unter vier Augen eine Führung anzubieten. Dafür stellte sie mir ihre Mitbewohnerin Sophie vor. Wir unterhielten uns eine Weile, bis sich drei von Sophies Gästen einmischten und sie zu der gestalteten, kleinen Tanzfläche in Richtung des Balkons entführten. Sophie war mir von Anfang an sympathisch, aber tatsächlich hatte ich an sie keine weiteren Gedanken verschwendet - auch, als ich Penelope später besuchte. Und Nelo hatte keinerlei Andeutungen gemacht, Sophie würde mir gegenüber Interesse zeigen.
Als ich das Café erreiche, wartet Sophie bereits am Eingang. Sie trägt ein in den Bund ihrer abgewaschenen Jeans gestopftes, weißes Shirt, mit dem von Blumen umrahmten Schriftzug Imagine, eine lange, graue Strickjacke und hellbraune Schnürboots. Ihre dunkelblonden Haare fallen glatt nach hinten.
„Gregor, wie schön", kommentiert sie, als sie mich entdeckt und kurz umarmt.
Wir setzen uns an einen Tisch, bestellen zwei Milchkaffee und versuchen uns zunächst in etwas belangloser Konversation über die angenehmen Temperaturen der letzten beiden Tage und Sophies Überlegung, mit zwei Freundinnen für ein verlängertes Wochenende an die Ostsee zu fahren. Ich versuche ihr aufmerksam zuzuhören und unterstreiche dies mit einem kurzen Nicken oder ab und an mit Worten wie Echt, Ehrlich, Ja, Ok.
Obwohl ich es nicht möchte, blitzen in meiner Erinnerung immer wieder Bilder unserer gemeinsamen Nacht auf. Wie wir eng umschlungen tanzen, uns betrinken, in ihrem Zimmer landen und wie ich sie, während wir miteinander schlafen, vor Zorn über Sebastian würge. Nervös kratze ich mir den linken Unterarm oder rühre mit einem Löffel im Milchschaum meiner Tasse herum. Ahnt Sophie, was in mir vorgeht? Eigentlich sollte ich erleichtert sein, dass sie nicht wütend auf mich ist oder sich in irgendeiner Weise an mir rächen möchte. Und doch fühle ich mich ihr gegenüber immer noch schuldig.
„Gregor?", reißt sie mich aus meinen Gedanken. Nun bin ich doch abgedriftet.
„Entschuldige", äußere ich und versuche ein Lächeln.
„Du hängst noch dem Ende der Erinnerungsfeier für Nelo nach, habe ich Recht?"
„Um ehrlich zu sein, ja. Ich schäme mich für mein Verhalten."
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