„Nelo, du bist am Leben!", sage ich laut und kämpfe gegen die Tränen an, die in meinen Augen zu brennen beginnen. Die Angst - die bittere Gewissheit -, Penelope wurde zum Opfer eines Gewaltverbrechens, war nur ein Trugschluss. Ich fühle, wie mich eine neue Hoffnung erfüllt.
Meine Schwester möchte, dass ich sie suche. Dass ich sie finde. Wie bei dem Spiel aus unserer Kindheit. Knüpfe ich an diesen Gedanken an, hat Penelope mir Hinweise hinterlassen. Kann ich sie deuten, führen sie mich zu ihr.
Bis dahin werde ich niemandem von ihrer Nachricht erzählen. Weder meinen Eltern, noch der Polizei oder Dr. Brunner. Selbst bei Leo bin ich mir nicht mehr sicher, ob er mich nicht doch für verrückt halten würde. Sie alle könnten behaupten, ich hätte den Brief gefälscht, damit die Suche nach meiner Schwester fortgeführt wird, so als stelle dies die einzige Möglichkeit dar, die mir hierfür noch bleibt.
Aber es muss einen Grund geben, warum sich Penelope an mich wendet und nicht an unsere Eltern oder an die Polizei.
Ich schiebe das Blatt Papier zurück in seinen Umschlag und verstaue ihn - so als verstecke ich wertvollen Familienschmuck - in einem Regal hinter einer Reihe von Büchern. Dann beginne ich zu überlegen, welche Anhaltspunkte mir vorliegen, um mit der Suche nach meiner Schwester von vorne anzufangen. Die Regeln unseres früheren Spiels - sie sind der Schlüssel.
Falls Penelope am Abend der Erinnerungsfeier in ihrem Zimmer war, so hat sie möglicherweise dort einen Hinweis für mich hinterlassen. Es ist zumindest eine erste Spur.
Ich nehme mein Smartphone und betrachte erneut das letzte Photo meiner Schwester. Sie sitzt auf dem Bett und lächelt mir zu. Penelope übernachtete bei meinen Eltern und mir wird bewusst, dass ich hierüber noch nie nachgedacht habe. Warum fuhr sie nicht nach Hause? Immerhin war ihre WG nicht allzu weit entfernt.
Theodor und Marietta kennen die Antwort. Sie wissen, ob an jenem Abend etwas vorgefallen ist.
Der fehlende Schlaf macht sich schlagartig bemerkbar und ich bereite mir einen doppelten Espresso zu, um die aufkeimende Müdigkeit in ihre Schranken zu weißen. Mir bleibt keine Zeit, um mich auszuruhen. Nicht jetzt.
Nach einer Katzenwäsche hechte ich zur Straßenbahn und nehme die nächste Linie in Richtung des Hauses meiner Eltern. Obwohl die Fahrt nur etwas mehr als eine viertel Stunde dauert, kommt mir jede einzelne Minute davon wie eine Ewigkeit vor.
Den restlichen Fußweg lege ich im Stechschritt zurück. Mit der Hand in der Jackentasche umklammere ich den Haustürschlüssel, der mir auch Zugang zur oberen Etage meines Elternhauses gewährt. Egal, wie sie auf meinen Besuch reagieren werden, so kann ich mich zumindest ohne das Einverständnis meiner Eltern in Penelopes Zimmer umschauen.
In der Einfahrt parkt ein schwarzer Van mit getönten Scheiben. Als ich das Fahrzeug passiere, erwarte ich beinahe, dass die Schiebetüren aufgerissen werden und ein Sondereinsatzkommando mit Kampfausrüstung an mir vorbeistürmt und das Haus umstellt.
Ich ziehe den Schlüssel hervor, öffne die Tür und entscheide mich dazu, meine Eltern zu begrüßen; auch um zu erfahren, wer sie gerade besucht. Und was hier vorgeht.
Als mich Theodor und Marietta bemerken, sehe ich ihnen deutlich an, wie unrecht ihnen mein plötzliches Erscheinen ist. Mehr noch, sie wirken, als hätte ich sie bei etwas Verbotenem ertappt. Sie stehen im Flur und ihnen gegenüber lehnt ein Mann, den ich nicht kenne, im Türrahmen zum Wohnzimmer. Er trägt eine schwarze Bomberjacke und hat seine dunklen, von einzelnen grauen Strähnen durchzogenen Haare zu einem Dutt zusammengebunden, wobei die millimeterkurz rasierten Seitenpartien in einen kräftigen, über das Kinn hinauswachsenden Bart übergehen. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig. Den Augen meiner Eltern folgend, schaut der Fremde mit kritischem Blick zu mir herüber. Während er auf einem Zahnstocher herum beißt, scheint er sich zu fragen, wann entweder ich oder meine Eltern endlich die Stimme erheben.
„Gregor", sagt mein Vater schließlich. „Wir wussten nicht, dass du uns heute besuchen möchtest."
Meine Mutter reibt nervös die Handgelenke aneinander. Ich sehe ihr an, wie stark der Wunsch in ihr tobt, aus der Situation zu fliehen.
„Ich dachte, wir sollten vielleicht…miteinander reden", gebe ich vor.
„In Ordnung", antwortet Theodor und wendet sich dem bärtigen Fremden zu. „Herr Michaelson, wir hören voneinander."
Der Besucher nickt und läuft, die Hände in den Taschen seiner Bomberjacke vergraben, an mir vorbei. Ich spüre deutlich, wie sein Blick mich noch immer durchbohrt, so als frage er sich, was ich hier zu suchen habe.
„Auf Wiedersehen", antwortet er in ruhigem Tonfall und zieht die Haustür hinter sich mit einem kräftigen Ruck zu.
„Wer war das?", platzt es aus mir heraus und ich bin mir sicher, dass meine Eltern die Frage als neue Provokation auffassen werden.
„Herr Michaelson ist ein früherer Student deines Vaters", erklärt Marietta etwas zu hastig, als dass ich ihre Notlüge nicht bemerken würde.
Der Mann gleicht so gar nicht Theodors Studenten, die ich in all den Jahren erlebt habe. Die meisten hätten die behandelnden Ärzte aus einer Werbung für Zahnpasta sein können. Meine Eltern versuchen etwas vor mir zu verbergen und dieser Typ hat offensichtlich damit zu tun. Sicherlich ärgern sie sich innerlich gerade maßlos darüber, wie ich sie bei ihrem heimlichen Treffen erwischt habe.
„Lasst uns im Wohnzimmer Platz nehmen", schlägt mein Vater vor. Er möchte die angespannte Situation entschärfen und ich willige ein.
„Es tut mir leid, wie ich mich bei der Erinnerungsfeier verhalten habe", gebe ich vor. Theodor schaut auf den Glastisch vor sich, aber Marietta sieht mich überrascht, ja beinahe schon versöhnlich an. Vermutlich hat sie mit meiner Entschuldigung nicht gerechnet. Obwohl ich kein Wort davon ernst meine, scheinen meine Eltern sie nicht in Frage zu stellen.
„Einverstanden", erwidert Theodor. „Wir müssen akzeptieren, dass du noch nicht so weit bist, um nach vorne schauen zu können. Aber wir schätzen deine Bestrebungen, an deinem Problem professionell zu arbeiten. Ich bin sicher, die Therapie wird dir helfen."
„Vielleicht gelingt es dir auch, in Sebastian keinen Feind zu sehen. Deine Schwester hat ihn schließlich geliebt", ergänzt Marietta und macht Theodors Ausführungen nur noch schlimmer. Mir wird bewusst, wie unterkühlt das Verhältnis zwischen uns ist. Im Grunde signalisieren sie einmal mehr ihre Erwartung an mich, endlich mit dem Geschehenen abzuschließen. So wie es ihnen längst gelungen ist.
Gerne würde ich von ihnen erfahren, warum Penelope kurz vor ihrem Verschwinden hier übernachtet hat. Aber der Moment scheint mir nicht richtig. Ich muss Theodor und Marietta von meiner Rolle - dem reumütigen, Einsicht zeigenden Sohn - überzeugen und sie nicht abermals gegen mich aufbringen. Erfülle ich, wenn auch nur oberflächlich, ihre Erwartungen, gewinne ich ihr Vertrauen und sie werden mir meine Fragen beantworten.
„Ich denke, Sebastian war an diesem Abend für mich nur ein Ventil", gehe ich auf Mutters Äußerung ein. Sie nickt mir erleichtert zu. Bereut sie wohlmöglich, mich und nicht Sebastian der Feier verwiesen zu haben? Glaubt sie, damit noch einen tieferen Keil zwischen uns getrieben zu haben?
„Deine Rede hat mir gut gefallen", wende ich mich Theodor zu. „Du hast die richtigen Worte gefunden."
Mein Vater schluckt den Köder. Er schildert mir seine Bemühungen, ihr Empfinden greifbar zu machen. Es ist der Startschuss für eine Stunde Smalltalk. Ich erzähle ihnen von meiner Arbeit in der Standpauke und wie sie mir hilft, meinen Tag zu strukturieren. Konstruiere den Plan, mein Studium fortzusetzen. Frage nach Theodors Vorträgen an Universitäten und Krankenhäusern und bei Pharma-unternehmen. Frage, ob Marietta und ihre Freundinnen eine neue Wohltätigkeitsveranstaltung organisieren. Frage, ob sie den Wintergarten umgestaltet haben. Frage, frage, frage. Die Stimmung entspannt sich und sie nehmen mein Interesse an ihrem Leben als ein wohlwollendes Zeichen des Friedens auf.
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