„Danke. Ich werde weiter darüber nachdenken", ringe ich mich zu einer Antwort durch. Constantin scheint meine Unentschlossenheit zumindest vorübergehend zu akzeptieren. Er verabschiedet sich und ich bleibe alleine in dem großen Saal zurück.
Meine Zeit hier ist begrenzt, wird mir schlagartig bewusst. Wie lange werde ich mein Konstrukt aus Lügen und Halbwahrheiten noch aufrechterhalten können?
Ich muss mein Vorhaben endlich zu Ende bringen.
Den Mitgliedern der Gemeinschaft ist es gestattet, in ihrer Freizeit das Anwesen zur verlassen. Constantin wünscht, dass wir uns regelmäßig in der angrenzenden Ortschaft zeigen. Sie soll uns als einen gleichwertigen Teil erleben und nicht als die Leid geplagten Außenseiter abstempeln.
Ich nutze meinen Verdienst aus der Konditorei und gehe dort ab und an einen Kaffee trinken, lasse mir beim Frisör die Haare schneiden oder stöbere in der erstaunlich großen Bibliothek nach neuen Romanen. Es sollen kleine Schritte in eine Zukunft außerhalb der Einrichtung sein. Für mich stellen sie jedoch Fragmente meines früheren Lebens dar. Ein Leben, das völlig gewöhnlich und frei von dem Wahnsinn war, in den ich geraten bin.
Während ich immerzu an Nicoletta denke, lässt mich meine letzte Therapiesitzung nicht los. Constantin hat mir etwas über die Geschichte des Grundstücks verraten, auf dem er das Anwesen für die Gemeinschaft herrichten ließ. Der frühere Eigentümer, die Familie Belfort, ist auf rätselhafte Weise verstorben und von den älteren Einwohnern dieses Ortes wurde das Grundstück als verdorben bezeichnet. Der unwirkliche Verdacht, eine finstere Macht lungert in meinem Zuhause, verfolgt mich. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, frage ich mich, ob Constantin mir nur zufällig vor Nicolettas Verschwinden von den unheimlichen Mysterien des Anwesens berichtet hat.
Ich durchstreife das Obergeschoss der Bibliothek, die mit ihren aus dunklem Holz gefertigten, hohen Bücherregalen selbst wie ein Ort wirkt, an dem unzählige Geheimnisse hausen und darauf warten, gelüftet zu werden. Der Bibliothekar - ein Mann weit über dem Alter einer gewöhnlichen Pension - sinniert an seinem Tresen im Erdgeschoss über einer Liste und krault sich dabei seinen dichten, grauen Bart. Niemand außer uns beiden scheint hier zu sein, doch bieten die schmalen Gänge zwischen den Regalen ideale Verstecke für weitere Gäste. Aus einer Reihe von Fenstern, die in der Decke eingelassen sind, fallen dünne Lichtstrahlen in das Obergeschoss und helfen mir gemeinsam mit der spärlichen Wandbeleuchtung mich zu orientieren.
Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich eigentlich suche, halte aber an einer Reihe von Büchern inne, die in dem Bereich steht, der sich mit regionaler Literatur beschäftigt.
Mein Blick überfliegt die Rücken der einzelnen Titel. Es scheinen Romane von Autoren der Umgebung sowie Geschichten zu sein, die in dieser Gegend spielen. Da mich das Gefühl beschleicht, alleine nicht weiter zu kommen, kehre ich zurück ins Erdgeschoss.
„Entschuldigung", wende ich mich an den Bibliothekar. Mit einer sachten Handbewegung, so als befinde er sich unter Wasser, legt er die Liste beiseite und sieht zu mir auf. Seine graublauen Augen mustern mich und die dichten, grauen Brauen darüber ziehen sich kritisch in Richtung seiner Nase zusammen.
„Ich bin auf der Suche nach Aufzeichnungen über die Geschichte eines Grundstücks", versuche ich mein Anliegen zu formulieren.
„Um was genau geht es Ihnen?", hakt der Mann mit tiefer Stimme nach. Sie klingt so, als stelle er mich damit auf die Probe.
„Constantin Saarfeld hat darauf seine Rehabilitations-einrichtung gegründet. Bevor er es erworben hat, muss es im Eigentum der Familie Belfort gestanden haben."
Der alte Mann reagiert auf meine Schilderungen mit Schweigen. Ich beginne mich zusehends unwohl zu fühlen und eine Eingebung drängt mich dazu, die Bibliothek zu verlassen und nicht wieder herzukommen.
Plötzlich steht er auf. „Folgen Sie mir, bitte. Ich vermute zu wissen, nach was Sie suchen." Der Bibliothekar umrundet den Tresen, greift nach einem Gehstock und deutet auf den hinteren Bereich des Erdgeschosses, der im Halbdunkel vor uns liegt. Erst jetzt bemerke ich, dass er seinen linken Fuß taub hinter sich herzieht.
„Da Sie den Namen der früheren Eigentümer kennen", schlussfolgert er auf halbem Weg „nehme ich an, dass Sie um deren Schicksal wissen?"
„Ich habe von dem rätselhaften Tod der gesamten Familie gehört", gebe ich kleinlaut zu. Obwohl der Alte durch seine Behinderung gebrechlich wirkt, strahlt er eine gebieterische Präsenz aus. Mein Verstand rät mir, ihn nicht zu erzürnen.
Wir erreichen einen schmalen Gang, dessen rechte Wand das letzte Regal der Bibliothek bildet. Der alte Mann knipst eine Lampe an und der gelbliche Schein fällt auf eine spärliche Reihe Bücher, die hier hinten zwischen Dunkelheit und Staub darauf warten, in Vergessenheit zu geraten.
„Kaum jemand interessiert sich für die Geschichte unseres Orts. Die Bewohner wollen die Erinnerung an das dunkle Verbrechen begraben und die Medien - auf der Suche nach aktuellen Sensationen - haben ihr Interesse daran schon vor etlichen Jahren verloren", verrät der Bibliothekar, während er einen dicken Wälzer hervorzieht und ihn mir überreicht.
Auf dem Deckel ist die Photographie einer stattlichen Fabrik zu sehen und darunter der Titel Belfort - ein Imperium und dessen Untergang . Der Name des Autors fehlt jedoch.
„Wer hat dieses Buch geschrieben?", möchte ich wissen und fürchte bereits in dem Moment, als ich die Frage gestellt habe, ich könnte damit den Alten provozieren.
„Ein Freund der Familie Belfort. Er möchte unbekannt bleiben", erwidert der Bibliothekar und humpelt bereits wieder zurück zum Empfang. Mehr Informationen scheint er mir nicht geben zu wollen.
„Die Dorfbewohner", setze ich - das Buch fest umklammert und ihm folgend - an „erzählen, dass Grundstück, auf dem die Belforts lebten und Constantin Saarfeld seine Einrichtung gegründet hat, sei verdorben ."
Ruckartig bleibt der Bibliothekar stehen und ich habe alle Mühe damit, nicht in ihn hinein zu laufen. Langsam dreht er sich zu mir um und wieder mustern mich seine Augen mit ihrem stechenden Blick.
„Lange bevor die Belforts das Land erworben hatten", führt er aus und seine Stimme ist auf einmal von einer seltsamen Traurigkeit erfüllt „lebte dort eine gewisse Agatha Sperling. Ich gehe davon aus, dass Sie von ihr noch nichts gehört haben?"
Ich schüttele den Kopf und versuche die angespannte Haltung, die mein Körper angenommen hat, unbemerkt zu lockern. Warum bin ich auf einmal so ängstlich?
„Von ihrer Geschichte weiß heute fast niemand mehr etwas. Dabei hat es mit ihr begonnen."
„ Es?", frage ich vorsichtig.
„Der Grund, weshalb das Grundstück nach den abergläubischen Zungen dieses Orts als verdorben betitelt wird."
Wir kehren zurück zur Theke. Tief durchatmend, verstaut der Alte seinen Gehstock und lässt sich zurück auf seinen Stuhl sinken.
„Agatha hatte schon früh ihren Mann verloren und galt als eine verbitterte, wenn nicht sogar grausame Witwe. Einzig ihrem Sohn Hannes brachte sie noch Herzenswärme entgegen. Die Familie Sperling verfügte über ein gewaltiges Vermögen und Agatha beschäftigte mehrere Bedienstete, die sich um das Haus kümmerten. Eine von ihren Angestellten war die Magd Elouise Aulitz. Sie hatte besonders unter der Boshaftigkeit ihrer Herrin zu leiden, vermutlich, weil sie als heitere, wenn auch schüchterne Persönlichkeit galt, deren Handeln stets darauf gerichtet war, die Zufriedenheit ihrer Herrin zu garantieren. Ein Ziel, das vermutlich niemand jemals hätte erreichen können. Agatha spekulierte, dass sich Hannes in Elouise verliebt hatte. Die beiden versuchten, ihre Beziehung vor Agatha zu verbergen und so konnte Hannes zu keiner Zeit Partei für seine Geliebte ergreifen, ohne sich zu verraten. Erst als Elouise schwanger wurde, gestanden sie Agatha ihre Liebe - mit erschreckenden Konsequenzen. Zeigte sich Agatha zunächst einsichtig, das Glück ihres Sohnes und seiner Auserwählten zu tolerieren, schmiedete sie insgeheim einen teuflischen Plan, in dem ihre ganze Grausamkeit gipfeln sollte."
Читать дальше