„Wer bist du?", fragt mich eine verzerrte, schrille Stimme, während sich das finstere Grinsen zu einem breiten, diabolischen Lachen verändert.
„Ich bin Maiah", wiederhole ich meinen Namen und versuche damit, die Frau im Spiegel zu überzeugen. Doch sie lacht mich nur weiter aus.
„Armes Kind…", haucht die Stimme. „ich werde dir zeigen, WAS du bist." Zwei Arme schießen ruckartig aus dem Spiegel hervor, greifen nach meinen Schultern und bevor ich reagieren kann, ziehen sie mich durch das Glas hindurch. Ich möchte panisch aufschreien, doch ist meine Stimme wie erstickt.
Ich schließe nur kurz die Augen und als ich sie wieder öffne, befinde mich vor einem mit einer Steinplatte verschlossenen Brunnenschacht. Nebel zieht gespenstisch über den Boden und in der Ferne kann ich die Grenze eines Waldes ausmachen. Das Gras unter meinen Schuhen ist feucht. Ich versuche mich zu orientieren. Liegt der Brunnenschacht auf dem Anwesen der Gemeinschaft ? Habe ich ihn schon einmal gesehen? Meine Augen suchen im dichten Nebel nach einer Antwort.
Plötzlich ereilt mich abermals das Gefühl, verfolgt zu werden. Die Präsenz meines Jägers ist nah. Sie strömt aus dem Brunnenschacht zu mir. Obwohl ich es nicht möchte, gehe ich auf ihn zu. Meine Hände fahren über die raue Steinplatte. Was befindet sich darunter? Was lungert in den Tiefen des Brunnens?
Die Steinplatte beginnt zu vibrieren und erschrocken fahre ich zurück. Halt suchend, falle ich über meine eigenen Füße und stolpere ins Gras. Ich bemühe mich vergeblich, auf die Beine zu kommen und sehe starr vor Angst dabei zu, wie sich graue, knochige Finger am Rand der Platte nach oben tasten und mit einem kräftigen Ruck das steinerne Siegel zur Seite schieben.
Eine Gestalt, gekleidet in dunklen, nassen Lumpen, erhebt sich; das Gesicht hinter einem Vorhang aus dichtem, pechschwarzem Haar verborgen. Sie tritt auf das Gras und ich sehe, wie ihre Arme und Beine seltsam verdreht erscheinen, so als wäre jeder Knochen darunter mehrfach gebrochen. In verstörender Weise nähert sie sich mir und obwohl ich alles daransetze, um aufzustehen und schleunigst das Weite zu suchen, versagen meine Muskeln.
Die Gestalt bleibt über mir stehen. Jede Faser meines Körpers ist von reiner Angst erfüllt. Was hat sie mit mir vor?
Langsam beugt sie sich zu mir hinab. Ihre grauen Finger umspannen meine Oberarme und ich spüre, wie ihre Nägel sich in mein Fleisch bohren. Mit blanken Entsetzen starre ich in ihre Augen. Dann erkenne ich die Wahrheit.
Ich blicke in mein eigenes Gesicht. Es sieht mich fragend an. Nur ein ersticktes Flüstern ist zu hören.
„Wer bist du?"
Da schrecke ich auf. Mit rasendem Herzen schaue ich mich verwirrt um. Intuitiv tastet meine linke Hand nach einem Lichtschalter und als ich ihn finde, erstrahlt wenige Sekunden später der angenehme, milchige Schein meiner Nachttischlampe.
Ich liege in meinem Bett. Ich bin in Sicherheit.
„Es war ein Albtraum", sage ich laut und versuche meinem Verstand damit begreiflich zu machen, die unter meiner Haut brodelnde Furcht zu vertreiben.
Schweißperlen rinnen an meiner Stirn hinab und ich merke, wie mein Nachthemd regelrecht an meinem Körper klebt. Ich atme mehrmals tief ein und aus und versuche, zurück zu Ruhe zu finden. Meine Kehle ist staubtrocken und durchzogen von quälendem Durst. Ich stehe auf, öffne die Tür zum Flur und gehe hinüber in das Gemeinschaftsbad. Die Notbeleuchtung und die Hinweisschilder zu den Rettungswegen tauchen das Stockwerk in ein gespenstisches Halbdunkel. Ich lausche, ob ein verdächtiges Geräusch zu hören ist, aber die Stille scheint vollkommen.
An einem Waschbecken schöpfe ich mit den Händen kaltes Wasser, trinke ausgiebig davon und kühle meine geröteten Wangen. Für einen Moment schließe ich die Augen und denke über die schrecklichen Bilder meines Traumes nach.
Die Legende der Roten Magd ist mit meiner eigenen Geschichte und den Lügen, die mir die Aufnahme in die Gemeinschaft ermöglicht haben, eine fürchterliche Symbiose eingegangen. Dabei sind die Erzählungen des Bibliothekars nicht mehr als grausige Überlieferungen der Dorbewohner.
Menschen suchen schon immer nach Antworten und flüchten sich dort, wo es keine vernünftigen Erklärungen gibt, in das Übersinnliche. Denn es ist immer noch besser, als keinen Grund für ein geschehenes Verbrechen zu finden.
Egal, welches Grauen Agatha und Hannes Sperling Elouise Aulitz auch angetan haben mögen und was der Familie Belfort einige Jahre später zu Teil wurde, so haben beide Ereignisse nichts miteinander zu tun. Da bin ich mir sicher.
Genauso bin ich davon überzeugt, nicht nur aus purem Zufall von Constantin erfahren zu haben, dass auf dem Anwesen ein Fluch liegen soll. Er handelt nicht ohne eine Absicht - seine Worte und das Aushändigen der Schlüsselkarte sind mit Hintergedanken verbunden. Möglicherweise stellt das Buch über die Geschichte der Belforts der erste Hinweis dar, um Constantins Machenschaften zu durchschauen.
Aber egal, was er auch plant - nichts wird mich davon abbringen, ihn zu töten. Und wenn ich dafür selbst sterben muss.
Die restliche Nacht verbleibe ich in einem traumlosen Schlaf und schrecke am Morgen hoch, als mein Wecker zum dritten Mal klingelt. Ich beeile mich und komme gerade noch rechtzeitig zum Frühstück. Wieder habe ich das Gefühl, dass Constantin mich mustert und mein Verhalten analysiert.
Kommt er mir auf die Schliche? Habe ich etwas getan, dass ihn dazu veranlasst, meine Vergangenheit in Frage zu stellen? Liegt es an meiner fehlenden Bereitschaft, mich hypnotisieren zu lassen?
Ich muss etwas unternehmen, schießt es mir durch den Kopf, während ich an meinem Kaffee nippe und Constantin sich mit zwei anderen Mitgliedern der Gemeinschaft in ruhigem Tonfall austauscht. Alles, was ich brauche, ist noch etwas Zeit. Zeit, um herauszufinden, was wirklich mit Nicoletta geschehen ist. Ihr leerer Stuhl mir gegenüber ermahnt mich, vorsichtig zu sein.
Den Vormittag bemühe ich mich, meine Konzentration gänzlich auf das Backen zweier Buttercremetorten zu richten, um mich dadurch zumindest für ein kurzes Zeitfenster von den Gedanken an Constantin, Nicolettas Verschwinden und den unheimlichen Geschichten meiner Unterkunft zu lösen. In all dem Wahnsinn, der mich umgibt, bildet die Konditorei inzwischen für mich eine Art Refugium. Die ersten Tage nach meiner Aufnahme in der Gemeinschaft hielt ich es für ein unerträgliches Los, meine Zeit mit Backen gestalten zu müssen. Der naive Teil in mir dachte, ich werde ein paar Tage die Rolle der vor ihrer Vergangenheit Fliehenden mimen müssen, bis ich eine Chance erhalte, um mich an Constantin rächen zu können. Die Ernüchterung kam bald.
Scheinbar aus einer Eingebung heraus vermutete Constantin, ich hege für das Backen ein großes Potential. Und tatsächlich hatte er damit Recht und ich entdeckte eine neue Fähigkeit. Ich hasse mich dafür, dass ein Teil in mir ihm Anerkennung zollt, denn vielmehr sollte ich ihn genau wegen seiner Intuition fürchten.
Als ich mich nach meiner Mittagspause wieder zurück in die Konditorei begeben möchte, finde ich Jonah am Eingang des Kräutergartens. Eigentlich müsste er nach Schulende seine Arbeit in der Spielzeugmanufaktur aufnehmen, doch stattdessen füllt er zwei Gießkannen mit Wasser.
„Ich schaue nach Nicolettas Pflanzen", erklärt er mir. „Constantin ist damit einverstanden. Ich kann einen Teil meiner Arbeitszeit in der Gärtnerei einsetzen."
Ich spüre deutlich, wie sehr Jonah Nicoletta vermisst. Im Gegensatz zu mir scheint er sich jedoch keine Gedanken darüber zu machen, ob ihr Abschiedsbrief tatsächlich der Wahrheit entspricht.
Eine Antwort fällt mir schwer. Für einen Moment überlege ich, ihn in meine Vermutung einzuweihen, doch befürchte ich, dass er mit ihr noch weniger umgehen kann als mit dem Umstand, dass Nicoletta die Gemeinschaft wegen ihres Partners verlassen hat.
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