„Was … was war das?“
„Das war ein Mawashi-Geri, um es genau zu sagen, das war ein Mawashi-Geri Jodan, ein Halbkreistritt in den oberen Körperbereich.“
„Hä?“ Leni verstand nichts.
„Ich sagte doch eben: Jede Technik hat ihren Namen. Wenn man den Sport gerne macht, identifiziert man sich mit ihm, seiner Geschichte, mit allem eben. Ich kenne Kampfsportler, die leben in ihren vier Wänden sogar auf asiatische Art. Mit Räucherstäbchen, Teezeremonie und allem, was dazugehört.“
„Und du?“
„Ich nicht.“ Overbeck hob die Puppe wieder auf und stellte sie an ihren Platz. Dann richtete er seine Haare, denn bei dem schnellen Fußtritt hatte sich das Band, das den Zopf zusammenhielt, verschoben.
„Ich lebe den Sport, nicht die Tradition. Das reicht.“
„Vielleicht … vielleicht kannst du mir ja mal einige dieser Techniken beibringen?“
Overbeck musste Leni die Antwort schuldig bleiben, denn die Tür öffnete sich und Krauss trat erneut ins Zimmer.
„Machen Sie sich bereit, meine Herrschaften. Es gibt Arbeit. Herr Overbeck, für Sie ist das eine gute Gelegenheit, einen Teil unseres wunderschönen Hunsrücks kennenzulernen. Wir haben eine Leichensache. In Hermeskeil. Ein Mann. Erschlagen. Der Kollege, der mich anrief, schien schockiert. Eine Identifizierung sei noch nicht möglich gewesen. Der Kopf und das Gesicht des Toten seien bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Der Tote wurde am Rande der Stadt aufgefunden. Funken Sie die Kollegen unterwegs an, sie werden ihnen den Weg beschreiben.“
„Die Spurensicherung?“, fragte Leni, während sie ihre Pistole ins Halfter unter der Achsel schob.
„Peters ist verständigt. Er ist mit seinem Team schon auf dem Weg.“
„Gut, wir fahren über Forstenau“ sagte Leni. „Habe dort noch was zu erledigen.“
„Forstenau? Weit von hier?“ Overbeck sah Leni fragend an.
„Nicht so weit wie Hermeskeil. Zwanzig Minuten Fahrzeit. Wir nehmen meinen Wagen mit. Du kannst mit Peters zurückfahren.“
„Deinen Wagen? Was soll das? Mit Peters zurückfahren? Wir fahren zum Tatort.“
„Ich weiß“, sagte Leni trocken. „Aber ich möchte mir heute Abend eine unnötige Fahrt nach Trier zurück ersparen. Ach ja“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln um die Lippen „Ich wohne in Forstenau. Hatte ich das nicht erwähnt?“
„Ich glaube, wir sind da. Dort scheint es zu sein.“
Leni zeigte nach vorne durch die Windschutzscheibe und Overbeck nickte.
„Kein Menschenauflauf, Gott sei Dank. Hat sich wahrscheinlich noch nicht bis in die Stadt herumgesprochen, dass hier etwas passiert ist.“
Das Haus lag einen guten Kilometer hinter der Stadt Hermeskeil, idyllisch gelegen, wie Overbeck für sich feststellte. Ein massives, zweistöckiges Gebäude mit einem angrenzenden Schuppen, der bis zur Decke mit Brennholz angefüllt war.
„Welcher Sterbliche erhält hier eine Baugenehmigung?“, fragte Overbeck, doch er erhielt keine Antwort.
„Die Kollegen.“ Leni zeigte auf die rechte Seite des Anwesens. In der Nähe des Schuppens standen ein blauweißer Dienstwagen und davor ein Notarztwagen. Auch das Fahrzeug der Spurensicherung stand dort. Heinz Peters war nicht zu sehen.
Overbeck parkte sein Fahrzeug neben dem der Kollegen. Sie stiegen aus und hörten Stimmen, die von der Rückseite des Hauses kamen. Eine davon erkannte Leni. Es war Heinz Peters, der, auf welchen Wegen auch immer, vor ihnen angekommen war.
Als Peters die beiden ankommen sah, erhob er sich aus seiner gebeugten Haltung und dehnte mit in die Hüfte gestemmten Händen seine Wirbelsäule. „Hallo Leni“, stöhnte er und sah fragend auf Overbeck.
„Das ist Overbeck, mein neuer Kollege und … Chef. Was genau ist passiert?“
Peters nickte Overbeck zu und deutete entschuldigend auf seine behandschuhte Hand. „Angenehm. Peters. Unter Kollegen Heinz.“ Er sah Overbeck fragend an. Der nahm das Angebot lächelnd zur Kenntnis. „Overbeck“, sagte er kurz und bahnte sich den Weg durch zwei uniformierte Kollegen nach vorne.
„Overbeck?“ Peters sah Leni fragend an.
Sie zuckte die Achseln. „Overbeck. Scheint sein Vor- und Familienname zu sein.“
„Und nun?“
„Kannst ihn ruhig duzen. Er hat es dir angeboten.“
„Weil er Overbeck sagte?“
„Genau.“
„Aber er muss doch einen Vornamen haben. Jeder Mensch hat einen Vornamen.“
„Vermutlich. Aber ich kenne ihn nicht. Noch nicht. Wenn ich ihn herausfinde, werde ich ihn dich wissen lassen. Komm jetzt. Sag mir, was passiert ist.“
„Es ist ein Mann. Ich schätze ihn auf 40 bis 50 Jahre. Schwer zu sagen. Er liegt gleich dort, hinter dem Haus. Aber ich warne dich. Kein schöner Anblick. Sein Gesicht…“ Peters sah Leni von der Seite an. „Sein Gesicht … es existiert nicht mehr.“
Obwohl Leni dank Peters` Aussagen vorbereitet war, erschrak sie doch, als sie neben Overbeck trat, der bereits neben der Leiche kniete. Als er Leni bemerkte, stand er auf und nickte vor sich hin.
„Sieht aus wie ein Schlag mit einem Eisenrohr oder einem harten Stück Holz“, stellte er trocken fest und erhob sich. „Der Täter muss mehrmals zugeschlagen haben.“
Der Tote lag auf dem Rücken. Er war bekleidet mit einer blauen Jeanshose und einem schwarzen Sommer-Pullover mit einem schmalen Bundkragen. Sein Kopf lag in einer riesigen Lache aus Blut, Gehirnmasse und zersplitterten Knochenteilen. Ein Gesicht fehlte. Wo früher Nase, Mund und Augen dem Lebenden Ausdruck verliehen, klaffte nun eine riesige mit Knochen und Hautteilen durchsetzte Vertiefung. Lediglich die Ansätze der Stirn und des unteren Kieferteils waren mit einiger Vorstellungskraft zu erkennen.
Overbeck zog sich ein paar Einweg-Gummihandschuhe an und ließ sich erneut vor dem Toten in die Hocke nieder. Leni sah ihm zu, wie er den Kopf in alle Richtungen bewegte, als denke er über etwas Bestimmtes nach.
„Ist da was Besonderes?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht, versuche es gerade herauszufinden.“
Das ist nun mal Sinn der polizeilichen Leichenschau. Nach etwas zu suchen, das vielleicht nicht vorhanden ist, aber vorhanden sein könnte. Und wenn es dann erst später oder gar nicht festgestellt würde …, dachte er. Es wäre nicht das erste Mal, dass man durch Vortäuschung einer brutalen Tat von der eigentlichen Todesursache ablenken wollte, so die ursprüngliche Tat zu verschleiern suchte.
Nichts gegen die Ärzte, die anschließend noch einmal eine Leichenschau durchführen müssen, nach ihren Kriterien. Aber Overbeck hatte schon zahlreiche Leichensachen bearbeiten müssen, er kannte sich aus. Und er hatte in den Jahren seiner Zeit bei der Mordkommission eine Menge Ärzte am Tatort angetroffen. Nicht alle arbeiteten so, wie er sich das vorstellte. Er wusste, warum er so gewissenhaft vorging.
Overbeck drehte den Kopf des Toten nach allen Seiten, so, wie es die Vorschrift bei einer polizeilichen Leichenschau verlangte.
Kein Genickbruch, konstatierte er für sich selbst. Er tastete den Hals ab, hob den Kragen des Pullovers von der Haut ab und besah sich den Hals des Toten. Keine Würgemale.
Dann sah er zu Peters auf. „Kann ich?“
Peters nickte. Er wusste, worauf Overbeck aus war.
„Okay, dann mache ich es schnell hier. Ich weiß nicht, ob wir noch Zeit haben werden, die Leichenhalle heute Abend aufzusuchen.“
Overbeck zog Pullover und Hemd des Toten nach oben, streifte dessen Hose und Unterhose nach unten und begann, den gesamten Körper nachirgendwelchen Unregelmäßigkeiten zu untersuchen.
„Keine weiteren Verletzungen erkennbar“, sagte er schließlich, ohne aufzusehen. „Die Schläge ins Gesicht dürften die Todesursache darstellen. Der Doktor wird mir Recht geben, schätze ich.
„Wer macht denn so etwas?“ würgte Leni heraus.
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