Im Grunde war das Ganze also ein Familienunternehmen. Auch Notar Kuschel war dabei. Er baute die Kontakte auf und vermittelte Kunden und auch bei ihm übernahm der Sohn, als er 2002 verstarb.
In der Regel machten sie eine Fahrt pro Monat. Die Strecke war immer die Gleiche: von Überlingen in gerader Linie über den Bodensee in die Schweiz und wieder zurück. Am Anfang hatten sie in der Schweiz einen Tag festgesessen, um die alten Akkus aufzuladen, die über die Jahre an Kapazität verloren hatten, doch dann hatten sie sie gegen Stromspeicher der neuesten Generation ausgetauscht und konnten nun mehrfach hin und her fahren ohne aufzuladen.
In der Regel überführten sie Koffer mit unbekanntem Inhalt, hin und wieder auch Personen. Es wurde nicht nach Namen gefragt und auch keine Ladungsliste verlangt. Einfach nur abliefern und fertig. Ein perfekter Service.
Nach ein paar Jahren hatte Barnsteiner alle Beteiligten zusammengerufen, um das Geschäftsfeld grundsätzlich zu regeln. Er hatte kein Problem damit, Kriminellen zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen oder liebevoll angesammeltes Schwarzgeld vor dem deutschen Finanzamt zu verbergen – schließlich war er ja selbst ein Krimineller. Doch er hatte seine Grenzen. Obwohl er ein vorbestrafter Verbrecher war, liebte er sein Land. Er war überzeugt, dass es ihm nirgendwo auf der Welt besser gehen konnte als in Deutschland. Menschen, die sein Land angriffen, waren für ihn der letzte Abschaum. Und: er hasste Drogen. Er hatte miterlebt wie ein Schulfreund am Heroin zugrunde gegangen war und sich am Ende mit einer Überdosis aus dem Leben geschossen hatte. Terrorismus und Drogen – für Barnsteiner nicht zu akzeptieren. Brugger und Schmidt waren sofort einverstanden, einzig Notar Kuschel (der Jüngere) hatte Einwände gehabt: das würde eine große Zahl sehr solventer Kunden ausschließen, doch am Ende hatte Barnsteiner sich durchgesetzt.
Seitdem lief alles wie am Schnürchen. Barnsteiner fuhr sogar manchmal selber mit. Das Gefühl völlig unkontrolliert in ein anderes Land einzureisen, berauschte ihn. Nur einmal war es zu einem Zwischenfall gekommen. Es war seine Idee gewesen drei Kilometer vor dem Schweizer Ufer bereits aufzutauchen, da er die Einfahrt in die Bootshalle sehen wollte. Das kleine Fischerboot, das weit vor Morgengrauen an dieser Stelle vor sich hin dümpelte, hatte keiner von ihnen bemerkt. Das Boot kenterte, als sie auftauchten und der alte Fischer ging über Bord. Sie schafften es, ihn aus dem Wasser zu ziehen und stellten überrascht fest, dass er total betrunken war. Sie legten ihn zurück in sein Boot und flößten ihm noch mehr Schnaps ein. Wenn er sich überhaupt an etwas erinnern konnte, dann würde dem versoffenen alten Fischer garantiert niemand glauben.
Barnsteiner stand auf und zog seine Liege ein Stück zurück, da ihm die Sonne auf die Füße brannte. Er sah auf die Uhr: kurz nach vier. Na endlich. Er ließ drei Eiswürfel in ein Glas fallen und füllte mit Captain Morgan und Cola auf. Sein Lieblingsdrink. Schon nach dem ersten Schluck spürte er wie der Alkohol ihn entspannte. Ein neuer Auftrag stand an und er war zum ersten Mal seit vielen Jahren nervös. Es lag an der Art des Auftrags: keine normale Transportfahrt in die Schweiz – sein U-Boot sollte aktiv an einer Aktion teilnehmen. Vor fast zwei Jahren hatte Notar Kuschel die Anfrage des Kunden erhalten, seitdem lief die Planung. Erst hatte Barnsteiner den Auftrag abgelehnt, doch Brugger und Schmidt hatten so lange auf ihn eingeredet bis er eingewilligt hatte.
„Verdammt“, schimpfte er und nahm einen weiteren großen Schluck.
Das Risiko war diesmal um ein Vielfaches höher, genauso wie die Bezahlung. Doch der Grund für die Begeisterung des Kapitäns und des Maschinisten war ein anderer: sie sollten zum ersten Mal einen Torpedo einsetzen.
2 Vorbereitungen
„Eine Bahnfahrt, die ist lustig, eine Bahnfahrt, die ist schön …“, sang es in Bellers Gehirn spöttisch. Ging es in dem Lied nicht um eine Seefahrt? Egal. Seit fast sechs Stunden ertrug er das monotone Rattern des Zuges. Früher hatte es von Berlin aus Direktflüge nach Friedrichshafen gegeben, doch die zuständige Airline hatte vor kurzem Pleite gemacht. Also Zugfahren. Trotz Klimaanlage war sein Hemd durchgeschwitzt und er klebte mit den Unterarmen an der Lehne fest. Als er die attraktive Zugbegleiterin nach einem Bier fragte, entschuldigte sie sich: der Speisewagen sei wegen der Hitze ausgefallen. Beller glaubte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, musste aber nach dem Umsteigen in Ulm eingestehen, dass er sich geirrt hatte. Mit einem Interregioexpress ging es weiter Richtung Süden, bis in einem Kaff namens Aulendorf eine dialektgeschwängerte Ansage monoton verkündete, dass der Rest der Strecke wegen Bauarbeiten gesperrt sei. Die Stimme wünschte eine gute Weiterreise mit dem Schienenersatzverkehr.
Zwei Busse standen bereit und Beller wählte den etwas Leereren. Kaum hatte er in der hintersten Reihe Platz genommen, stürmte eine kreischende Schar Kinder in den Bus, angeführt von ihrer wild gestikulierenden Lehrerin.
„Ist bei Ihnen noch frei?“, fragte sie schnaufend. „Ich sitze gern ganz hinten, damit ich die ganze Meute im Blick habe.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ sie sich auf den Sitz fallen und holte eine Flasche Wasser aus ihrem Rucksack.
„Geschäftsreise?“, fragte sie und zeigte auf Bellers Trolli.
„Hmmm“, antwortete er und zog sein Bein zurück, als sich ihre Knie berührten.
„Singen Sie ein Lied mit uns?“, fragte ein rothaariger Zwerg zwei Reihen weiter vorne seine Lehrerin.
„Aber natürlich. Kommt macht alle mit: Auf der schwäbschen Eisenbahne isch a mohl a Bähnle gfahra …“
Beller stopfte sich seine Kopfhörer in die Ohren und stellte die Lautstärke auf Anschlag. Er beobachtete die Kinder, die an den Lippen ihrer Lehrerin klebten, um den Text abzuschauen. Beller interessierte ihr Mund nicht. Er fand die Brüste der jungen Frau viel interessanter: ohne den ordnenden Einfluss eines BHs hüpften sie fröhlich im Takt mit. Vielleicht sollte er sie ansprechen? Doch er fand keine Gelegenheit. War ein Lied zu Ende, wurde sofort das nächste angestimmt. Irgendwann schien aber auch ihr Repertoire erschöpft und sie begann von vorne: „Auf der schwäbschen Eisenbahne isch a mohl a Bähnle gfahra …“
„Jetzt waren Sie aber tapfer“, lächelte ihn die Lehrerin an, als sie den Friedrichshafener Stadtbahnhof erreichten. Sie winkte Beller kurz zu und sortierte ihre Klasse für einen geordneten Ausstieg aus dem Bus. Als die Kinder sich draußen paarweise an den Händen hielten, kam sie noch einmal zurück.
„Sind Sie länger hier?“
Beller nahm die Kopfhörer ab und nickte. „Eine gute Woche, denke ich. Nach dem Seepferdchenfest haue ich wieder ab.“
„Es heißt „Seehasenfest“ – nicht „Seepferdchenfest““, korrigierte sie, während sie etwas auf einen Zettel kritzelte. „Hier meine Nummer. Falls Ihnen mal langweilig wird.“
Beller nahm den Zettel und steckte ihn in die Tasche.
„Ich bin Biggi“, sagte die Lehrerin und streckte ihm die Hand hin.
Beller nickte und ergriff ihre Hand. „Freut mich – Biggi. Ich bin Beller.“
„Einfach nur Beller?“
„Einfach nur Beller!“
„Okay, Beller“, sagte Biggi und ging zum Ausgang. „Ich hoffe, wir sehen uns.“
Beller hatte eine Viertelstunde lang die Busfahrpläne studiert, bevor entnervt in ein Taxi stieg.
„In die Ehlerstraße fünfzehn, bitte.“
Der dunkelhäutige Taxifahrer schaute ihn im Rückspiegel an. „Zur Kripo?“
Beller nickte. „Und zwar auf dem direkten Weg.“
Nur zehn Minuten später bezahlte Beller sieben Euro achtzig und ließ sich eine Quittung geben. Der Fahrer hatte wohl tatsächlich den schnellsten Weg gewählt – der Hinweis auf die Kripo holte aus vielen Menschen das Beste heraus.
Читать дальше