Brugger öffnete eine weitere Tür und sie betraten einen großen Raum. Er war dunkel, doch Barnsteiner hörte das leise Klatschen von Wasser gegen Beton. Der Hall ließ vermuten, dass es sich um einen riesigen Raum handelte. Das spärliche Licht kam von irgendwoher an der gegenüberliegenden Wand und Barnsteiners Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Da war irgendetwas Großes vor ihm, doch es war zu dunkel, um es zu erkennen. Eine Yacht, dachte Barnsteiner plötzlich, die Überraschung ist eine eigene Yacht. Das Wasser, die Größe … das würde passen.
„Sind Sie bereit“, fragte Brugger, wartete die Antwort aber nicht ab. „Drei … zwei … eins …“
Mit einem Mal flammten mehrere Scheinwerfer auf, die auf das große Objekt in der Mitte der Halle gerichtet waren. Barnsteiner versuchte zu begreifen, was er da vor sich sah. Benommen ging er ein paar Schritte vor und blieb an der Kante zum Wasser stehen.
Konnte das wahr sein? Er streckte eine Hand aus und berührte den kalten Stahl. Kein Traum also. Dies hier war die Wirklichkeit. Er schüttelte den Kopf. „Das ist doch Wahnsinn!“ So unglaublich es war: er besaß nun ein U-Boot.
1 Weichenstellungen
Beller wartete seit einer halben Stunde darauf hineingebeten zu werden. Er hatte das Magazin der Polizeigewerkschaft bereits zweimal durchgeblättert, wobei er sich vor allem die Fotos angesehen hatte. Überall lachende Menschen in Uniform, die zu irgendwelchen Anlässen für die Kameras posierten. Entnervt schleuderte er die Zeitschrift auf den kleinen Tisch und sah auf seine Armbanduhr. Bis vor drei Monaten hatte er hier nie warten müssen. Wann immer er wollte, war er unter einem Vorwand an der Sekretärin vorbei in das Büro seiner Chefin gegangen. Meist erhielt die Sekretärin dann die Anweisung, niemanden reinzulassen und auch keine Anrufe durchzustellen, damit sie ungestört vögeln konnten. Fast ein Jahr waren sie zusammen gewesen, ohne dass jemand etwas mitbekam. Doch dann verschwanden ein paar Akten aus dem Büro und seine Chefin kontrollierte die Aufzeichnungen der Überwachungskameras. Als sie darauf ihren Freund entdeckte, der ihre Sekretärin auf ihrem Schreibtisch nahm, beendete sie die Affäre sofort. Die Sekretärin wurde versetzt, Beller strafte sie mit Nichtbeachtung. Weitere Konsequenzen blieben aus, da seine Chefin verheiratet war und zwei Kinder hatte.
„Sie können jetzt rein“, sagte der junge Mann, der die Stelle der versetzten Sekretärin übernommen hatte. Ob sie jetzt wohl mit ihm vögelt, überlegte Beller, hielt es aber für wenig wahrscheinlich.
„Kriminaloberkommissar Beller, setzen Sie sich!“, sagte seine Chefin kalt und wies auf den Klappstuhl vor ihrem Schreibtisch. Beller zog eine Augenbraue hoch. So lief das jetzt also.
„Hör mal Bea … können wir das nicht wie erwachsene Menschen angehen?“, machte er einen Versuch.
„Ich gehe das durchaus erwachsen an“, zischte seine Chefin. „Ich bin ja auch nicht der, der überall herumvögelt und es damit jetzt sogar in den Bericht eines Banküberfalls geschafft hat!“
„Hör mal Bea …“
„Es heißt Frau Kriminalrätin oder gerne auch Frau Doktor Kechlinger“, unterbrach sie ihn schroff. „Such dir was aus!“
Beller zuckte mit den Schultern. „Also gut -Frau Doktor Kechlinger - wo liegt das Problem?“
„Das Problem ist, dass du deinen Schwanz nicht im Griff hast!“
Beller unterbrach. „Es heißt Kriminalober…“
„Schnauze!!!“
Beller hob entschuldigend die Hände und lehnte sich zurück.
„Du bist der Psychologe in meinem Team und hast nichts Besseres zu tun, als bei einem Banküberfall mit Geiselnahme eine der Geiselnehmerinnen flach zu legen?“
„Ich habe streng nach Vorschrift gehandelt!“
„Quatsch!“
„Ich bin als Unterhändler in die Bank rein. Die Geiseln saßen zusammengedrängt im Besucherbereich. Vier Geiselnehmer waren in der Halle verteilt und jeder hatte eine Waffe. Die Frau unter ihnen identifizierte ich als das schwächste Glied. Sie war offensichtlich total zugedröhnt und redete wirres Zeug, also habe ich versucht, sie zu beruhigen und eine Beziehung zu ihr aufzubauen.“
„Na, das ist dir ja gelungen“, sagte seine Chefin spöttisch. „Wann wollt ihr heiraten?“
Beller ignorierte sie.
„Ich hab ihr gesagt, dass das alles doch nicht sein muss, dass sie die Geiseln gehen lassen soll. Sie sei so ein hübsches Mädchen, für das noch alle Wege offen stehen, und so weiter. Du kennst das Programm.“
Doktor Kechlinger sah ihn schweigend an.
„Und so habe ich sie dann auch erreicht“, fuhr er fort. „Sie war auf einmal viel zugänglicher, aber dann hält sie mir die Pistole an den Kopf und zwingt mich in das Büro des Bankdirektors. Ob ich sie wirklich hübsch finde, hat sie mich gefragt und ich habe „ja“ gesagt. Und dann fängt sie an ihre Bluse aufzuknöpfen. Dann fragt sie, ob mir ihre Titten gefallen und wedelt mir damit vor der Nase herum. Und noch ehe ich etwas antworten kann, greift sie mir in den Schritt und spürt meine Erregung.“
„Du hattest einen Ständer? Während einer Geiselnahme? Wie krank bist du eigentlich?“
„Hey, ich bin immer noch ein Mann und ihre Titten waren echt hübsch, also …“
Seine Chefin winkte genervt ab.
„Und warum hast du sie in dem Moment nicht gleich überwältigt? Nahegenug dran warst du ja …“
Beller verzog das Gesicht. „Ich war mir nicht sicher. Sie war wirklich total zu und ich wollte nichts riskieren.“
„Also hast du es ihr erst besorgt und sie dann überwältigt.“
Beller nickte. „In dem Moment war es am einfachsten und das Risiko am geringsten.“
Doktor Kechlinger spitzte die Lippen. „Du weißt, dass sie dich wegen Vergewaltigung angezeigt hat?“
Das war neu für Beller. „Wie bitte? SIE hatte die Waffe! Es war genau umgekehrt. Du glaubst doch diesen Müll nicht?“
Diesmal ließ sie ihm das „du“ durchgehen.
„Was ich glaube, ist irrelevant, aber es wird auf jeden Fall eine Untersuchung geben. Ich kann ihre Anzeige nicht einfach ignorieren.“
Beller verstand. „Dann bin ich jetzt also suspendiert?“
Seine Chefin wiegte den Kopf. „Das wäre eine Möglichkeit, aber du weißt, wie wenig Psychologen wir haben. Das wäre Verschwendung. Was bei der Untersuchung herauskommt, weiß ich nicht, aber bis zu deren Abschluss arbeitest du weiter. Aber du musst die Stadt verlassen. Wenn die Presse von dieser Geschichte Wind bekommt – und das wird sie – brennt hier die Hütte. Da möchte ich gerne sagen können, dass wir bereits reagiert haben.“
Oha. Damit hatte Beller nicht gerechnet. Berlin war sein Lebensmittelpunkt. Hier war er geboren und aufgewachsen, hier hatte er studiert und arbeitete jetzt hier. Er konnte sich nicht vorstellen wegzugehen.
„An was dachtest du?“, fragte er unsicher.
„Du bist einer unserer besten Psychologen und außerdem auf Terrorprävention spezialisiert – da gibt es einige Möglichkeiten.“
Beller schaute auf. Das klang gar nicht so schlecht.
„Die Zeit der großen Veranstaltungen steht an und wir wurden schon mehrfach um Unterstützung gebeten. Ich denke, da bist du ganz gut aufgehoben. Ich schicke dich nach Süddeutschland, wo du bei der Planung und Umsetzung von Anti-Terror-Maßnahmen beraten wirst.“
War das wirklich ihr ernst? Das war keine Bestrafung oder Maßregelung, das war ein Geschenk. Schon seit Jahren wollte er nach Bayern und vor allem aufs Oktoberfest und nun bekam er das dienstlich verordnet.
„Du schickst mich wirklich aufs Oktoberfest?“
„Wer hat etwas vom Oktoberfest gesagt“, erwiderte seine Chefin süßlich lächelnd. „Süddeutschland ist nicht nur Bayern! Du gehst nach Baden-Württemberg – nach Friedrichshafen am Bodensee.“
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