Beller überlegte angestrengt, was ihm zu diesem Namen einfiel. Nichts.
„Was soll da sein?“
„Dort findet nächste Woche das Seehasenfest statt. Ein Kinderfest mit um die hunderttausend Besuchern. Man sollte sich dort also durchaus Gedanken um die Sicherheit machen.“
Sie will mich nur loswerden, dachte Beller. Ein Kinderfest am Bodensee? Bitte! Sie ist immer noch sauer und schickt mich deshalb in die Provinz, obwohl sie genau weiß, wie ich Berlin liebe. Miststück. Das war nichts weiter als die Rache einer verschmähten Frau. Falsch, im Grunde hatte er sie nicht verschmäht, sondern ihr nur nicht seine volle sexuelle Aufmerksamkeit zukommen lassen. Offensichtlich machte das für sie keinen Unterschied.
„Weitere Möglichkeiten?“
„Wie gesagt: eine vorübergehende Suspendierung wäre auch drin.“
Dr. Kechlinger legte zufrieden die Beine übereinander und beobachtete Bellers Reaktion. Fast konnte man seine Gedanken rattern hören. Immer wieder fixierte er einen willkürlichen Punkt im Raum und setzte zu einer Antwort an, brach aber immer wieder ab und fixierte einen neuen Punkt.
„Also gut“, gab er endlich auf. „Dann packe ich meine Koffer für Friedrichsstadt …“
„Friedrichshafen“, korrigierte ihn seine Chefin. „Ich bestätige noch heute die Anfrage der Kollegen von dort und sage ihnen, dass du am Samstag kommst.“
Beller riss die Augen auf. „Samstag? Ist nicht dein Ernst … Hertha spielt im Stadion …“
„Es ist mein Ernst. Schau dir das blöde Spiel auf Sky an.“
Beller wusste, dass sie den Moment genoss. Seine einzige Freizeitbeschäftigung, die nichts mit Alkohol oder Frauen zu tun hatte, waren seine Aufenthalte im Stadion bei den Heimspielen von Hertha BSC Berlin. Schönen Dank auch.
Beller erhob sich seufzend von seinem Klappstuhl. „Dann ist ja alles geklärt – Frau Dr. Kechlinger …“
Sie nickte. „Das ist es, Kriminaloberkommissar Beller.“
Beller verließ das Büro und ließ die Tür offen.
„Und behalte bitte dieses eine Mal deinen Schwanz in der Hose“, rief sie ihm drohend hinterher. Der Sekretärinnenersatz verschluckte sich an seinem eigenen Lachen und starrte verbissen auf seinen Monitor, als Beller an ihm vorbeilief.
Sven Frey ließ sich erschöpft auf die Treppe vor der Konstanzer Uni sinken und öffnete seinen Rucksack. Die Flasche Meckatzer hatte die eineinhalbstündige Klausur in ihrer Thermohülle wohlgekühlt überstanden. Er ließ den Kronkorken mithilfe seines Feuerzeugs von der Flasche ploppen und leerte in einem Zug die halbe Flasche. Das hatte er sich verdient. Die letzten drei Wochen waren ein anstrengender Prüfungsmarathon gewesen. Seine Tage hatten nur aus Lernen und Schlafen bestanden. Doch das lag nun hinter ihm. Nur noch ein Semester, dann war er mit seinem Jurastudium fertig und seine Noten waren bisher perfekt. Er war einer der zehn besten seines Jahrgangs; vor ihm lag eine wunderbare Karriere als Anwalt. Ausnahmsweise hatte er für die Semesterferien keinen Job gesucht. Wie viele Friedrichshafener hatte er schon als kleiner Junge den Wunsch gehabt, einmal den Seehas spielen zu dürfen. In diesem Jahr hatte er sich darum beworben und war aus fast hundert Bewerbern tatsächlich ausgewählt worden. Sein Engagement in mehreren Vereinen und seine jahrelange Mitgliedschaft im Seehasenfanfarenzug hatten dabei sicher nicht geschadet.
Er freute sich auf seine Rolle als Seehas: die zahlreichen Empfänge, kurze Auftritte in Schulen und Vereinen, seine Fahrt mit dem Schiff, wenn der Seehas offiziell eingeholt wurde und natürlich die feierliche Übergabe des Hasenklees an die Erstklässler und dann noch der Umzug am Sonntag. Dass er dabei die ganze Zeit in einem weiß-schwarzen Hasenkostüm stecken und vermutlich erbärmlich schwitzen würde, war ihm egal. Jedes Jahr gab es nur einen, der den Seehas spielen durfte und diesmal war er dran.
Seine Eltern waren bei der Nachricht schier ausgeflippt, vor allem als er sie bat, während der Zeit wieder bei ihnen einziehen zu dürfen. Zwar war ihm bei dem Gedanken wieder in sein altes Zimmer unter dem Dach zu ziehen nicht ganz wohl, doch es war für seine Zwecke ideal. Sein Elternhaus befand sich in der Peoriastraße, nicht weit entfernt vom Friedhof. Die Lage war ruhig genug, um während des Seehasenfestes schlafen zu können und doch so zentral gelegen, um die meisten der Veranstaltungsorte zu Fuß erreichen zu können. An diesem Punkt seines Lebens lief alles perfekt. Einzig die Trennung von Rebecca passte nicht in das Bild seiner heilen Welt. Sie hatten sich auf einer Erstsemesterparty kennen gelernt. Nach einem stürmischen Anfang hatte sich Rebecca in den letzten Monaten immer mehr zurückgezogen. Meist schob sie das Studium vor, doch Sven vermutete, dass irgendetwas anderes dahintersteckte. Ohne einen Anlass hatte sie dann vor vier Wochen Schluss gemacht. Sie brauche mehr Freiraum, hatte sie gesagt, und ihre wenigen Sachen aus seiner Wohnung geholt. Seitdem hatte er sie nur noch zwei Mal in einer gemeinsamen Vorlesungen gesehen. Die Trennung hatte ihn mehr mitgenommen, als er es für möglich gehalten hätte, umso mehr freute er sich auf das Seehasenfest, das ihn hoffentlich auf andere Gedanken bringen würde - oder wenigstens weniger Zeit für Grübeleien ließ. Und wer sagte denn, dass der Seehas nicht auf Hasenjagd gehen durfte? Sven grinste.
„Schluss mit Trübsal blasen“, sagte er zu sich selbst und trank den letzten Schluck Meckatzer. Es war Zeit nach vorne zu schauen. Er warf den Kronkorken in den Papierkorb und verstaute die Pfandflasche in seinem Rucksack. Heute Abend würde er feiern und morgen ging es nach Friedrichshafen. Nach Hause.
Bernd Barnsteiner fläzte auf einer Liege im Schatten und genoss den Blick auf den Bodensee. Tatsächlich war er nur am Anfang ein paarmal im See baden gegangen. Er hasste den Schlamm am Ufer, der zwischen den Zehen hindurchquoll und das Seegras, das ihn beim Schwimmen am Bauch kitzelte. Er begnügte sich gern mit der wunderbaren Aussicht und dem beheizten Zwölfmeterpool, den er fast das ganze Jahr benutzen konnte.
Er schüttelte den Kopf. Schon zweiundzwanzig Jahre. Rückblickend war die Zeit wie im Flug vergangen. Das letzte Jahr seiner Ausbildung zum Kfz-Mechaniker hatte er damals mit Bravour bewältigt und als die Bewährungszeit vorbei war, waren auch die Besuche bei seinem Bewährungshelfer und dem Psychologen weggefallen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er unter der Woche weiter in seiner kleinen Wohnung gelebt und war nur am Wochenende in die Villa gekommen. Außer seinem Psychiater, der an die Schweigepflicht gebunden war, hatte er niemandem von seinem spektakulären Erbe erzählt. Und das war gut so. Wie sich zeigte, hatte er nicht nur ein U-Boot, sondern ein florierendes kleines Unternehmen geerbt. Eines von dem niemand wusste. Auch nicht die Behörden und das Finanzamt. Brugger und Schmidt – er nannte sie bei ihren Nachnamen und nicht „Kapitän“ und „Maschinist“ – hatten ihm Ummenhofers Geschichte erzählt. Seine Aktivitäten im Dritten Reich, seine Freundschaft zu Adolf Hitler und wie es nach Kriegsende weitergegangen war.
Ummenhofer hatte es geschafft, dass nie jemand von dem U-Boot im Bodensee erfahren hatte. Barnsteiner staunte, dass es eigentlich nur ein Prototyp für eine U-Bootserie des Dritten Reiches war – der U-Boot-Klasse XXI - und dass sein Erbauer ihm den Namen „Nautilus“ gegeben hatte. Heute prangte die fantasielose Bezeichnung „UBB-1“ – mit der Bedeutung „U-Boot-Bodensee-1“ – an seinem Rumpf.
Die ersten Jahre nach dem Krieg, als die alliierten Siegermächte überall nach Hinterlassenschaften der Hitlerzeit suchten, hatte Ummenhofer es nicht gewagt in See zu stechen. Erst als die Suche der Engländer und Franzosen abebbte, wagte er Anfang der Fünfzigerjahre eine erste Ausfahrt. Der Kapitän und der Maschinist waren schon damals zum Schein als Gärtner und Verwalter angestellt und stammten von der ersten Besatzung des Bootes. Doch beide wurden älter und Ummenhofer brauchte Ersatz. Glücklicherweise hatte der Kapitän einen Sohn, der seine Leidenschaft für die Seefahrt teilte und sein Nachfolger wurde. Der kinderlose Maschinist wurde irgendwann durch Schmidt ersetzt, den der junge Brugger auf einem Nautikkurs kennengelernt hatte. Beide hatten sich vom ersten Augenblick an gut verstanden und waren bis heute beste Freunde.
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