»Das stimmt doch alles gar nicht«, reklamierte die streitbare Sheliza erneut, »denn in Sure 24 Vers 30 wird den Männern ebenso befohlen, ihren Blick vor jeder Frau zu senken, um keusch zu bleiben. Der große Prophet hat also beide Geschlechter auf exakt dieselbe Weise ermahnt und nicht einseitig den Frauen die Bürde der Verhüllung auferlegt. Und Sure 33 Vers 53 bezieht sich ausschließlich auf den persönlichen Haushalt des Propheten Mohammed, denn er beginnt mit den Worten, betretet nicht die Häuser des Propheten . Außerdem gilt die Anweisung gar nicht seinen Frauen, sondern den männlichen Besuchern, denn er befiehlt ihnen, sich nur durch einem Hijab die Gattinnen anzusprechen. Und ein Hijab ist doch ein Vorhang und bestimmt kein Gesichtsschleier. Mohammed verlangt im Vers 53 ausdrücklich, dass die männlichen Besucher ihre Augen vor seinen Frauen zu verhüllen haben und nicht umgekehrt.«
Mohammed al-Barani stand wie betäubt einen Moment lang sprachlos da und stierte seine Widersacherin aus weit geöffneten, wieder zornig funkelnden Augen an. In seinem Kopf schwirrte jedoch die Gedanken wie Nebelfetzen. Sie summten wie die Bienen im Stock, ließen ihn keinen Ausweg erkennen. Doch dann erkannte der Lehrer die neugierigen Blicke all der anderen Schülerinnen seiner Klasse, wie sie ihn teilweise fragend, meist jedoch amüsiert oder gar spöttisch betrachteten. Sie sahen in ihm wohl bereits den Wurm am Haken der Angel dieser verdammten Vierzehnjährigen. Das machte ihn vollends wütend.
»Du vergisst den Rest der Sure 24, Vers 31, Sheliza, wo der Prophet uns erklärt: Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Augen niederschlagen, und ihre Keuschheit bewahren, den Schmuck, den sie tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht sichtbar ist, ihren Schal sich über den Ausschnitt ziehen und den Schmuck, den sie tragen, niemandem offen zeigen.«
Sein Redeschwall war wie die Befreiung aus dem Dunkel, wie das Sprengen von Ketten. Doch die verhasste Sheliza ergänzt nun den Rest des Verses, lächelte dazu spöttisch: »…außer ihrem Mann, ihrem Vater, ihrem Schwiegervater, ihren Söhnen, ihren Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen Bediensteten, die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die noch nichts von weiblichen Geschlechtsteilen wissen.«
Einige der Mädchen kicherten wiederum los, sehr zum Missfallen des Lehrers, der sie darum mit strafenden Blicken bedachte, was die Klasse rasch verstummen ließ.
»Doch was hat der Prophet mit Ausschnitt gemeint, den man bedecken soll? Und was mit den weiblichen Geschlechtsteilen…?«, fuhr die Vierzehnjährige unerbittlich fort. Doch noch bevor Sheliza weitere Erklärungen abgeben konnte, schnitt ihr der Lehrer das Wort ab.
»Wage es ja nicht, noch weitere solch sündige Worte von dir zu geben, Unglückliche«, schrie er sie an, »verschone uns mit deinen frevlerischen Gedanken über die heiligen Worten Allahs. Sonst stürzen sie dich für alle Zeiten ins Unglück.«
Erschrocken hatte Sheliza innegehalten, starrte ihren Lehrer verblüfft und mit flackerndem Blick an, hatte al-Barani noch nie so aufgebracht und zornig erlebt. Die Vierzehnjährige begann sogar leicht zu zittern, konnte ihre Finger nicht mehr ruhig halten.
»Schweig jetzt, Mädchen, und ihr alle geht nun nach Hause. Es ist längst Mittagszeit. Dir jedoch, Sheliza, verbiete ich jede weitere Unterhaltung mit deinen Freundinnen auf dem Schulweg. Kehre schweigend in das Haus deines Vaters zurück und kündige ihm meinen Besuch für heute Nachmittag an. Ich komme gleich nach Schulschluss zu ihm, so gegen fünf Uhr. Denn ich muss ihn über dein respektloses Verhalten in der Klasse aufklären.«
Der Kopf der Vierzehnjährigen senkte sich zwischen ihre Schultern, schien darin Schutz zu suchen. Nicht vor Angst vor ihrem Vater, der sich stets die Zeit genommen hatte, um mit ihr zu diskutieren, der ihr immer das Gefühl gab, dass auch ihre Meinung für ihn wertvoll war und dass sie für ihre Rechte und ihre Überzeugungen eintreten und kämpfen sollte. Auch ihre Mutter war stets sanft zu ihr gewesen, hatte großes Verständnis für ihre Zweifel und ihr Unbehagen gegenüber ihrem Glauben aufgebracht, gerade in den letzten Monaten, als ihr Busen zu wachsen begonnen hatte und auch ihr Schamhaar dunkler und kräftiger sprießte und Sheliza ihr endlich entsprechende Fragen zu stellen begann.
Doch Mohammed al-Barani war ihr Lehrer und damit die wichtigste Person für ihr künftiges Leben, jedenfalls was ihre weitere Ausbildung betraf. Er besaß die Macht, sie mit seiner Unterschrift an die nächsthöhere Schule einzuweisen. Er konnte sie ihr aber auch verweigern. Sheliza war eine ausgesprochen gute Schülerin, wollte später auf jeden Fall an einer guten Universität studieren, vielleicht Medizin oder doch eher Rechtswissenschaften, sie wusste es noch nicht. Aleppo oder Homs waren ihr Ziel, nur möglichst weit weg von dieser furchtbar rückständigen Gemeinde in der Provinz Deir ez-Zor, wo manchmal noch Steine aus dunklen Gassen geflogen kamen, wenn eine Besucherin aus der Hauptstadt oder aus dem Westen ohne Kopftuch über den Marktplatz ging.
Keine ihrer Kameradinnen sprach sie auf dem Nachhauseweg an. Sie alle mieden ihre Nähe, verließen in kleinen, lebhaften Gruppen den Schulhof, blickten nur manchmal verstohlen zu ihr hinüber. Aber auch Sheliza versuchte nicht, sich jemandem anzuschließen, auch wenn sie sich in diesen Minuten sehr einsam fühlte, als hätte man sie in ein dunkles Verließ gestoßen, als hätte man sie aus dieser Welt entfernt.
Ihre Schritte wurden länger und immer rascher, getrieben von der Ungewissheit, was der Besuch des Lehrers in wenigen Stunden für ihr weiteres Leben bedeuten konnte. Sie hatte den Zorn in seinem Gesicht gesehen, die riesige Wut in seinem Bauch gespürt. Nein, Mohammed al-Barani würde ihren Vater heute Nachmittag wohl nicht als Lehrer besuchen, sondern als Imam seiner sunnitischen Gemeinde. Und er würde ihren Vater in die Pflicht nehmen. Darüber wurde sich Sheliza immer klarer.
Die letzten fünfzig Meter rannte die Vierzehnjährige auf das offene Tor zum Hof ihrer Eltern zu, passierte den steinernen Bogen, erkannte im selben Moment Onkel Jussuf, wie er mit einer Karre Mist aus dem Stall trat und im Licht der gleißenden Sonne zu ihr hinüber blinzelte und verharrte. Und so blieb auch sie stehen und spürte erst in diesem Moment, dass sie am ganzen Körper schlotterte, dass sie keuchend um Atem rang, dass ihre Unterlippe zuckte und vibrierte, ob vor Aufregung oder vor Anstrengung. Und sie sah immer noch atemlos zu, wie Onkel Jussuf aufmerksam zu ihr hinüber spähte, dann den Karren absetzte und nun auf sie zu eilte.
»Was ist denn passiert, Mädchen?«, fragte ihr Großonkel besorgt und blickte sie aus ernsten Augen forschend an, »war was in der Schule? Oder auf dem Heimweg? Warum bist du so gerannt? Sprich doch, Mädchen.«
Sheliza schluchzte auf, spürte die sorgenvolle Wärme aus der Stimme ihres alten Onkels, fühlte die Geborgenheit der Mauern des elterlichen Anwesens, sah die schwarze Katze, die wie so oft auf der Türschwelle zum Wohnhaus lang ausgestreckt lag und schlief, auch die fünf Ziegen unter dem Vordach, die an ihrer Futterkrippe Strohhalme zupften und kauten und nun neugierig geworden zu ihnen hinüber spähten, ohne dass sie Anstalten gemacht hätten, den kühlenden Schatten zu verlassen.
»Es ist nichts, Onkel Jussuf«, stammelte das Mädchen endlich los, »bloß ein Streit. Mit meinem Lehrer.«
»Ein Streit mit Mohammed al-Barani?«, die Stimme ihres Onkel klang überrascht und beruhigt zugleich, beinahe schon amüsiert, »worüber hast du denn mit dem alten Mohammed gestritten, Mädchen?«
»Unser Lehrer verlangt, dass wir ab morgen ganz verhüllt zur Schule kommen. Nicht nur mit Kopftuch, sondern auch mit Schleier. Sonst will er uns nicht länger unterrichten. Kannst du dir das vorstellen, Onkel Jussuf? Er verlangt, dass wir den Niqab anziehen und von nun an unsere Gesichter vor aller Welt verbergen.«
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