Als es dunkel wurde verliessen sie das Gebäude. Die ganze Nacht wanderten sie durch einen Wald, langsam hat sie sich an die Angst gewöhnt und folgte ihrer Mutter durch den dunklen Wald, bis sie einfach nicht mehr konnte. Ihre Mutter gab noch nicht auf, sie nahm sie auf ihre Schultern und hastete weiter. Die Äste schlugen ihr immer wieder ins Gesicht, bis auch Mutti nicht mehr konnte. Mit Ästen versuchte sie ein kleines Dach zu bauen, im Moos des Waldes schlief sie fest, bis es hell wurde.
Noch drei Tage lang eilten sie durch den Wald, bis sie eine Stadt erreichten. Erst später erfuhr sie, dass sie von Bremgarten nach Zug geflüchtet sind. In der Stadt Zug mussten sie sich bei der Polizei melden. Sie waren nicht die einzigen. Hunderte von Flüchtlingen warteten im überfüllten Polizeigebäude. Die Polizei war offensichtlich überfordert und deshalb sehr gereizt. Nach einer Nacht in dem sie auf dem harten Fussboden schlafen mussten, wurden sie im Gefängnistransporter nach Altdorf gebrach. Auch dort ein ähnliches Bild, die überfüllte Turnhalle diente als Notunterkunft. Die Bevölkerung trat uns feindlich gegenüber. Nach einigen Jahren Konflikt mit den Zürchern ist jeder verdächtig, der Zürichdeutsch spricht.
«Vermutlich sind es Kriminelle, welche zu uns flüchten müssen», hörte sie einmal zwei Frauen miteinander tuscheln.
Nach drei Wochen in Altdorf war der Entscheid gefallen, sie durfte bleiben und wurden Andeer zugeteilt. So kam sie nach Andeer, erst drei Jahre später tauchte ihr Vater in Andeer auf. Er war die ganze Zeit im Gefängnis, bis ihm die Flucht gelang. Sein Verbrechen war, er hatte einem Altschweizer, welcher in Zürich einen Anschlag verübt hatte und dabei durch die Polizei angeschossen wurde, die Kugel aus dem Bein entfernt und anschliessend drei Tage lang versteckt. Als die Polizei sie entdeckte, wurde ihr Vater sofort verhaftet.
In der Schule in Andeer hatte sie es nicht leicht, ihr Zürcherdialekt machte sie zur Aussenseiterin. Besonders schlimm waren die Pausen, dann kamen die grösseren Kinder und belästigten Livia, sie hatte Angst. Es war Pascal, welcher damals seine Klassenkameraden zur Vernunft brachte, zuerst hielt er sie zurück, dann redete er mit ihnen und zum Schluss hatte er einen verprügelt. Von diesem Tag an wurde sie in Ruhe gelassen, sie lernte auch den Dialekt schnell und war bald anerkannt. Die Leistungen in der Schule waren sehr gut und so studierte sie bald in Chur und später in Luzern. Nach Andeer ist sie erst vor einem Jahr zurückgekehrt und hat die Praxis ihres Vaters übernommen. Noch nie hatte sie Gelegenheit, Pascal für seinen damaligen Einsatz zu danken. Es hatte sich nie ergeben. Pascal ist selten in Andeer und sie hatte die ganze Geschichte verdrängt, erst als er gestern angerufen hatte, ist ihr die Geschichte wieder eingefallen.
Langsam wird es für sie immer schwerer, die Erinnerungen verblassen, die Kälte spürt sie nicht mehr, sie hat nur noch einen Wunsch, sie möchte Pascal noch danken . Doch dieser Wunsch wird immer schwächer. Sie schläft ein, ein gefährlicher Schlaf, sie weiss es, aber alles ist ihr jetzt egal, sie ist so müde und will nur noch schlafen.
«Hier muss es sein», ruft Pascal, der Sensor zeigt eindeutig an, dies ist die Stelle.
Einige Meter abseits deponieren sie die Rucksäcke, ziehen ihre dicken Jacken aus, dann beginnen sie zu schaufeln, wenn einer der Männer erschöpft ist und eine Pause brauchte springt Lisa für kurze Zeit ein. Schaufel um Schaufel wird den Hang hinuntergeworfen, das Loch wird immer tiefer.
«Sie muss hier sein», immer wieder kontrollieren sie den Sensor, «es muss hier sein!»
Sie graben weiter, das anfängliche panische Schaufeln wird nun ruhig und wirkungsvoll vorangetrieben.
«Da ist etwas», die Stimme von Toni überschlägt sich beinahe, «es ist ihr Schuh, wir haben sie! Schnell, aber vorsichtig.»
Sie orientieren sich nach der Fussstellung, daraus schliessen sie, wie sie im Schnee liegen muss und beginnen nun so zu graben, dass sie möglichst schnell zum Kopf vorstossen können. Das Schaufeln geht jetzt wenige schnell, man muss aufpassen, dass man sie mit der Schaufel nicht verletzt.
«Sie ist bewusstlos, atmet aber noch», stellt Lisa fest, «macht schnell!»
«Was glaubst du, was wir tun? Immer diese schlauen Sprüche, das hier ist kein Film.»
«Entschuldigung, ich meinte nur.»
Danach wird wortlos weiter gearbeitet, die Nerven sind zum zerreissen gespannt, noch hat man es nicht geschafft, dass sie noch lebt heisst nichts, es gibt nur etwas Hoffnung, gleichzeitig wird der Druck noch grösser, es muss schnell gehen. Lisa hat bereits die Tragbahre zusammengesetzt und beide Skier als Kufen befestigt. Alles ist vorbereitet, endlich ist Livia soweit frei geschaufelt, dass sie aus dem Schnee herausgezogen werden kann.
«Ihr fahrt sie mit dem Schlitten so schnell wie möglich runter, ich komme zu Fuss nach», gibt Toni den Befehl, «tausche deinen Rucksack mit ihrem, sicher hat sie Medikamente mit dabei. Gib mir ihr Handy, ich muss doch Franz informieren, der macht sich sicher Sorgen.»
Während er die Nummer von Franz wählt, beobachtet er, wie Lisa und Pascal vorsichtig aber schnell den Hang hinunter fahren, wenn sie so vorankommen sind sie in zehn Minuten im Hospiz.
Livia wird in die Gaststube gebracht. Diesmal braucht es keine Prozedur wie beim alten Mann, sie ist nicht unterkühlt. Allerdings hat sie noch etwas Mühe zu begreifen, was los ist, sie hat wohl einen leichten Schlag erhalten und ist geistig noch nicht voll da.
Doch dann schlägt sie plötzlich die Augen auf, «Du bist es Pascal! - Ich dachte schon ich sei im Himmel.»
Zuerst will Pascal ihr Vorwürfe machen, doch dann gibt er ihr einen Kuss auf die Stirne. Sie lächelt glücklich, ist aber noch zu schwach. Doch bis am Morgen wird sie wieder fit sein.
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