Auf Fragen reagiert er nicht, offensichtlich versteht er kein Deutsch, dies ist für einen Holländer eher ungewöhnlich. Lisa versucht es auf Englisch und Pascal versucht es mit französisch, es ist einfach nichts zu machen, er versteht die Fragen nicht, oder will er sie nicht beantworten? Was hat er für Gründe, er hat jetzt keine Angst mehr, trotzdem will er sein Geheimnis behalten.
Nach dem Essen verabreicht man ihm noch einmal eine Spritze, dann schläft er wieder ein. Pascal macht sich an die Arbeit, zusammen mit Toni klebt er Tapeten an die Wände eines Zimmers. Er ist nicht bei der Sache, immer wieder muss ihn Toni darauf aufmerksam machen, er solle doch die Tapete gerade halten. Was hat den Fremden bewogen in die Altschweiz zu flüchten? Was meint er Ponza? Warum hat er eine solche Angst? Im restlichen Europa geht es den Leuten recht gut, da müsste eigentlich keiner flüchten. Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man die Nachrichten im Netz und im Fernsehen glauben darf.
Nach dem Anruf von Pascal läuft Livia gedankenverloren im Zimmer auf und ab. Wie lange ist es eigentlich her, dass sie Pascal das letzte Mal gesehen hat? Wenn sie sich richtig erinnert, war das beim letzten Dorffest von Andeer. Sie rechnet nach, das müssen also mehr als drei Jahre sein, eine lange Zeit. Augenblicklich steigen die Erinnerungen an die Schulzeit in ihr hoch.
Damals war sie in Pascal verliebt. Noch heute weiss sie nicht, ob er es je bemerkt hatte. Sie war noch sehr schüchtern und hätte sich nie getraut, ihn mit einer Geste zu ermuntern. Ihm ging es vermutlich genauso. Sie ist gespannt auf das Wiedersehen. Sie weiss nicht einmal ob er inzwischen verheiratet ist. Jedenfalls muss sie es einrichten, dass sie ihn besuchen kann, eine so günstige Gelegenheit wird sich nicht so bald ergeben.
Um sich von ihren Jugendschwärmereien abzulenken sucht sie im Handy nach Informationen. Sie will versuchen, ob im Amiweb, dem amerikanischen Kommunikationsnetz, etwas über den Fremden vom Splügenpass erfahren kann. Seit die Europäer ein eigenes Computernetz, das Euronetz installiert haben, ist es schwieriger von der Altschweiz aus, an Informationen aus der Eurozone zu gelangen. Doch auch im veralteten Amiweb, findet man Informationen, es ist nur etwas schwerfälliger.
Sie muss wissen, woher und weshalb er in die Altschweiz gekommen ist. Aber wo soll sie anfangen? Die Angaben von Pascal sind nicht sehr informativ. Als Erstes will sie das Stichwort Ponza genauer untersuchen. Auf dem Display erscheint eine Liste von Angeboten. Sie wählt das Gebiet Geschichte.
Ponza, kleine Insel zwischen Rom und Neapel im Tyrrhenischen Meer gelegen .
Zur Zeit des Faschismus wurden Gegner des Faschismus auf die Insel deportiert, wo sie unter schwierigen Verhältnissen wohnten. Danach wurde die Insel zu einem Nationalpark erklärt. Die wenigen verbliebenen Einheimischen leben vom Fischfang und später vom Tourismus. Sonst ist nicht viel zu erfahren. Anfangs des 21. Jahrhunderts wurde die Bevölkerung auf das Festland gebracht. Die Natur soll sich selber überlassen werden. Seit der Umsiedlung gibt es keine neuen Eintragungen zur Insel. Was ist auf Ponza los? Livia weiss jetzt nicht mehr als vorher, über die Insel gibt es so gut wie keine Informationen. Auch die Satellitenaufnahmen zeigen kein scharfes Bild, die Insel wird immer durch Wolken verdeckt.
«Der Fremde ist aufgewacht», flüstert Lisa und winkt Pascal, er solle auch ans Bett kommen, zu zweit versteht man ihn vielleicht besser.
Als Pascal ins Zimmer tritt, flösst ihm Klara erneut warmen Tee ein. Der Fremde sitzt aufrecht im Bett, offensichtlich geht es ihm bedeutend besser. Nachdem er den Teebecher geleert hat, verschwindet Klara in der Küche, «ich mach ihm jetzt eine warme Suppe, die wird ihn wieder zu Kräften kommen lassen.»
«Hallo, wer sind Sie?», fragt Pascal.
«Keine Polizei!», stammelt der Fremde wieder verzweifelt.
«Nix Polizei», erklärt Pascal, «aber wer sind Sie und woher kommen Sie? Sind Sie Holländer? - Dutch?»
Jetzt nickt er, bereut dies jedoch sofort, als ob er ein grosses Geheimnis preisgegeben hätte. Wie ein verängstigtes Tier in einer Falle schaut er sich um. Pascal versucht ihn zu beschwichtigen, aber er will weder seinen Namen nennen, noch macht er sonst irgendwelche Andeutungen.
«Sollen wir jemand verständigen, dass sie hier sind?», fragt Lisa und versucht einen holländischen Akzent in ihr deutsch zu legen. Darauf reagiert er, mit der Hand gibt er ein Zeichen, er will einen Zettel mit einem Schreibstift. Sofort eilt Pascal in die Gaststube und kommt mit einem Notizblock zurück den er sofort dem Fremden hinstreckt. Jetzt schreibt der Fremde etwas auf den Zettel und gibt ihn Pascal zurück.
Gespannt schaut Pascal auf den Zettel, es sind keine Buchstaben, es ist eine Skizze. Durch Handzeichen gibt er zu verstehen, dass man nicht anrufen darf, jemand müsste persönlich dort erscheinen und bei diesem Haus klingeln. Das Ganze scheint dem Fremden sehr wichtig zu sein, aber er weiss auch, dass es gefährlich ist. Die Verzweiflung spricht ihm aus den Augen, jemand muss die Leute in diesem Haus informieren, dass er hier ist und gleichsam darf es niemand erfahren. Eine verworrene Sache, wie soll die Meldung dort hin?
Klara bringt jetzt die Suppe, der Fremde muss unbedingt etwas essen. Die Verständigung mit Zeichensprache geht schon recht gut. Er bleibt jedoch knauserig, was Informationen betrifft. Pascal wird sich die Sache noch einmal überlegen, zurzeit sind sie immer noch eingeschneit und er kann sowieso nichts unternehmen. Als Erstes beunruhigt ihn, dass der Fremde hohes Fieber hat. Er ruft Livia an und fragt sie, mit welchen Medikamenten er den Kranken am Besten helfen kann. Nachdem er ihr Puls, Temperatur und einige weiteren Angaben durchgegeben hat, empfiehlt sie, ihm noch einmal eine Spritze zu geben und ihn warm einzupacken. Die Verbände werden gewechselt und neu mit der Salbe eingerieben. Nach der Spritze schläft der Fremde wieder ein.
Vorsichtig verlässt Pascal das Zimmer, Klara wird die nächste Wache übernehmen. Pascal ruft noch einmal Livia an. Er erklärt ihr den eigenartigen Wunsch des Fremden. Er fotografiert die Skizze mit dem Handy und schickt sie Livia. Doch wie soll man das Haus finden, er hat keine Namen aufgeschrieben, lediglich einige markanten Häuser sind darauf zu erkennen. Das markante Gebäude scheint eine Radrennbahn, oder so etwas Ähnliches zu sein.
«Wir werden das Rätsel lösen», erklärt Livia überzeugt. Im Amiweb findet man einiges, «nur über Ponza ist nichts herauszufinden», berichtigt sie sofort.
«Irgendetwas geht dort vor, da bin ich mir sicher. Ich habe nur keine Ahnung was. Aber es könnte gefährlich sein, seine Nase in diese Angelegenheit zu stecken.»
«Das vermute ich auch, aber wir sind schon mitten drin, wir können uns nicht mehr raushalten.»
«Sobald das Wetter besser ist, besuche ich euch auf dem Splügen, bis dann schaust du mir, dass der Fremden am Leben bleibt, ich muss ihn mir genau ansehen. Leider wird das noch zwei Tage dauern, bis dann suche ich nach weiteren Hinweisen über Ponza und diese Radrennbahn. Bis bald Pascal, - ich freue mich, dich wieder einmal zu sehen.»
Die nächsten Stunden durchsucht sie das Amiweb nach Städten mit gedeckten Radrennbahnen. Sie ist enttäuscht, die einzige Radrennbahn in Holland wurde vor zwanzig Jahren abgerissen. Die anderen Städte, haben keine Radrennbahn, nach was sollen sie suchen? Er ist Holländer und hat wenig Fremdsprachkenntnisse, das heisst, er ist nicht viel gereist, eigenartig für einen Holländer, aber auch das gibt es. Inzwischen wendet sie sich wieder Ponza zu, sie kann einfach nicht glauben, dass es da nicht irgendeine Quelle gibt, welche mehr hergibt und einen Hinweis liefert, was dort abläuft.
Nachdem sie stundenlang in Archiven gesucht hat gibt sie erschöpft auf. Sie braucht dringend Schlaf. Bevor sie das Handy beiseite legt, studiert sie noch den aktuellen Wetterbericht. Morgen lässt der Schneefall nach. Sie wird die Praxis einen Tag schliessen und versuchen, mit Ski auf die Passhöhe zu gelangen. Der Franz vom Lift wird sie sicher hochfahren, von der Bergstation aus müsste es zu schaffen sein, das Hospiz zu erreichen.
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