Der Wind bläst von der Seite, so kommen sie gut voran. Allerdings müssen sie ihre Köpfe vom Wind wegdrehen und können nur wenige Meter weit sehen. Pascal stapft durch den knietiefen Schnee während Toni in seiner Spur bleibt. Noch können sie nichts erkennen, es ist inzwischen dunkel geworden, aber Pascal weiss wohin er zu gehen hat, er braucht dazu kein Licht.
Endlich, - vor ihm liegt eine Gestalt im Schnee. Die rührt sich nicht mehr. Eine halbe Stunde später hätte man nichts mehr gesehen. Dann wäre sie komplett eingeschneit gewesen. Ohne Worte packen die beiden Männer zu. Pascal greift unter die Schulter, während Toni die Knie der Gestalt ergreift. Unverzüglich machen sie sich auf den Weg zurück in die warme Gaststube.
Lisa erwartet sie bereits und öffnet die Türe, so dass sie ihren Fund direkt in der Gaststube auf einem Tisch ablegen können. Klara, die alte Wirtin hat bereits Tücher und heisses Wasser bereitgestellt. Mit einem warmen Tuch wärmt sie den Reissverschluss der Jacke soweit auf, dass man ihn öffnen kann. Auch die gefrorenen Handschuhe können erst vorsichtig ausgezogen werden, nachdem sie durch ein warmes Tuch aufgetaut sind.
«Ich glaube es ist ein Mann», stellt Lisa fest, als sie das Halstuch, welches das Gesicht verhüllte vorsichtig wegschieben kann. Noch sind erst die Augen freigelegt. An der Nase ist das Halstuch festgefroren, wieder wird das warme Tuch eingesetzt.
«Zum Glück trägt er dicke gut isolierte Kleidung, sonst wäre er sicher tot. Seine Finger weisen nur leichte Erfrierungen auf. Das deutet darauf hin, dass er noch nicht lange bewusstlos ist.»
«Ja, er atmet noch», stellt Lisa erfreut fest, «aber er ist sehr schwach», schlägt ihr Ton sofort wieder in Besorgnis um.
«Wir werden ihn schon durchbringen», stellt Klara optimistisch fest, «damals haben wir noch Leute in bedeutend schlechterem Zustand durchgebracht. Holt schon ein Waschbecken voll Schnee, wir müssen seine Brust und Hände mit Schnee langsam auftauen.»
«Was ist den hier los?», erstaunt blickt Paul auf die gespenstische Szene, welche sich ihm in der Gaststube bietet. Da liegt ein Mann nackt in der Gaststube. Pascal drückt den vor Schmerzen laut schreienden Mann auf den Tisch, während Lisa seine Brust massiert, hält ihn Toni an den Füssen fest. Das ginge ja alles noch, aber seine alte Frau Klara bearbeitet den Pimmel des nackten Manns. Jetzt ist er bereits seit über dreissig Jahren mit Klara verheiratet und hat nie bemerkt, dass sie eine Neigung zum Perversen hat. Wenn sie ihm das früher gesagt hätte, nicht auszudenken, was sie zusammen alles hätten erleben können. Jetzt ist es mit seinen achtzig Jahren zu spät. Was will sie nur mit diesem jungen Schnösel, wenn sie glaubt, dass sie ihn eifersüchtig machen kann, dann hat sie sich aber getäuscht.
«Hallo Opa!», ruft Pascal laut, denn Opa hört nicht mehr besonders gut, «mache für unsern Gast einen heissen Tee. - Wir können hier nicht weg!»
«So, so - einen Tee braucht er auch noch», brummt Opa und schlürft in die Küche.
Immer lauter schreit der ins Leben zurückkehrende Nackte und die vier bemühen sich weiter intensiv um ihn. Inzwischen kann man ihn bereits mit kaltem Wasser abreiben, aber noch ist er sehr durchfroren. Die Schmerzen müssen stark sein, aber da muss er durch.
Also, bei der Behandlung bekäme ich auch noch einen hoch , denkt Opa, als er den Tee bringt. «Kann mir wenigstens jemand sagen was das soll?»
«Der lag auf dem Weg und hatte riesiges Glück, dass ich ihn beim Schliessen der Fensterläden gesehen habe», klärt ihn Pascal auf.
«Ach so - wie damals vor vierzig Jahren», brummt er, «wieso? Das ist doch jetzt nicht mehr nötig!»
«Ich weiss auch nicht was dahinter steckt, er lag einfach da und ausser Schreien hat er noch kein Wort gesprochen.»
«Ja das kenne ich, da musst du dich noch gedulden, das dauert», brummt Opa und stellt das Tablett auf den Tisch und giesst eine Tasse Tee ein.
Nach einer Stunde kehrt langsam Leben in den Körper des Mannes zurück. Er wird immer noch von Schmerzen erschüttert. Inzwischen kann er kleine Schlückchen Tee schlürfen. Der Arme ist nicht nur total unterkühlt, er ist auch unterernährt und erschöpft. Sicher musste er einige Strapazen überstehen, ehe er vor dem Berghotel vom Wintereinbruch überrascht wurde.
«So, das reicht fürs Erste», erklärt Klara, «jetzt ziehen wir ihn warm an und legen ihn ins Bett. Er ist so erschöpft, dass er unbedingt Schlaf braucht.»
Lisa bringt zwei warme Schlafanzüge und darüber wird ihm noch ein Trainingsanzug übergezogen. Hände und Füsse sind dick bandagiert und auch die Ohren werden warm eingepackt. Noch hat er kein verständliches Wort gesprochen, sein Stöhnen lässt auf einen holländischen Akzent schliessen. Kann man nach dem Stöhnen eines Menschen auf seine Sprache schliessen? Er dürfte ungefähr zwischen sechzig und siebzig Jahre alt sein, aber das ist in diesem Zustand sehr schwierig abzuschätzen. Vermutlich war er einmal verheiratet, trägt jedoch keinen Ring mehr, aber am Finger ist deutlich zu sehen, dass er längere Zeit einen Ring getragen hatte.
Gemeinsam trägt man den Mann in ein Hotelzimmer und deckt ihn warm zu. Die Türe zum Zimmer lässt man offen, so dass man sofort hört, wenn er aufwacht. Klara bleibt noch kurz bei ihm, doch als er eingeschlafen ist, kommt auch sie in die Gaststube. Dort untersucht Pascal die Kleider des Fremden. Er trägt keine Papiere auf sich, ausser einem Nastuch findet er etwas Bargeld in kleinen Euro-Noten. Total rund zweihundert Euro. Pass oder einen Ausweis sucht er vergebens.
«Sollen wir nicht einen Arzt verständigen?»
«Das bringt doch nichts, der hat keine Chance bis zu uns vorzustossen, die Strasse wurde nicht geräumt und ein Helikopter kann bei Nacht und diesem Schneesturm auch nicht fliegen. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass er nicht erkannt werden will», beantwortet Pascal die Frage von Lisa.
«Wir sollten jetzt auch schlafen gehen, einer muss immer wach bleiben, ich übernehme die erste Wache, dann ist Lisa und Pascal an der Reihe», erklärt Paul, «also ins Bett mit euch, nach zwei Stunden wird gewechselt.»
Als Pascal am nächsten Morgen die Fensterläden öffnet, schneit es immer noch sehr stark. Es wird nicht möglich sein, dass ein Arzt den Fremden untersuchen kann. Weil das Hotel so abgelegen ist, hat es eine gut ausgerüstete Notapotheke. Die Körpertemperatur des Fremden ist von 35 Grad bereits auf 36,5 gestiegen. Er schläft noch immer tief und fest. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn die Schmerzen zu stark wären, könnte er nicht mehr schlafen.
Pascal kocht sich einen starken Kaffee und schiebt ein gefrorenes Brot in den Backofen. Nach wenigen Minuten füllt sich der Raum mit dem angenehmen Geruch von frischem Brot. Noch immer geht ihm der Fremde nicht aus dem Kopf, was hat ihn bei diesem Wetter über den Splügen getrieben. Ist es ein Krimineller? Er überprüft am Handy die neusten Meldungen. Gleichzeitig bestreicht er sein frischduftendes Brot mit Butter. Unter den News gibt es keinerlei Informationen. Er sucht weiter, unter Ausland und Euroraum, doch nichts deute auf einen verlorenen Mann hin.
Nach einer halben Stunde weiss er nicht mehr als vorher, die üblichen Nachrichten. Die Europäische Regierung stellt ihre neuesten Beschlüsse ins rechte Licht. Was die alles beschliessen. Pascal ist wirklich froh, dass sich ein Teil der Schweiz vor Jahren erfolgreich gegen einen Anschluss an die EU gewehrt hatte.
Wirtschaftlich ging es anschliessend bergab. Der Tourismus brach ein, man musste zurückstecken. Für die zähe Bergbevölkerung war das nicht weiter schlimm, da hatten es die verwöhnten Städter wesentlich schwerer. Die Grenze zur EU bilden jetzt die Kantone St. Gallen, Schwyz, Zug, Luzern, Ob- und Nidwalden, Uri, Tessin und Graubünden.
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