Nach zehn Minuten erreicht sie das Schneefeld. Sie macht noch einmal eine Pause und verpflegt sich. Dann ein kurzer Anruf an Franz. Sie meldet, wo sie sich ihrer Meinung nach befindet. Er vergleicht es auf seiner Karte.
«Ich glaube ich weiss, wo du bist», erklärt er mit ruhiger Stimme, «klettere noch soweit herunter, bis du den Eindruck hast, dass das Schneeband breit genug ist, dass du abfahren kannst. Mir wäre es lieber, wenn du möglichst schnell in tiefere Regionen abfahren könntest, das Wetter wird noch schlechter. Fahre möglichst am Rand des Schneefelds, dort bist du sicherer. Mach es gut! Ruf wieder an. Ende.»
Die Verbindung zu Franz ist wieder unterbrochen. Schnell verstaut sie alles in den Taschen und im Rucksack und beginnt mit dem Abstieg. Sehr früh entscheidet sie sich, die Skier anzuschnallen und die Abfahrt zu riskieren. Sie ist eine gute Tiefschneefahrerin und mit steilen Hängen hat sie keine Probleme. Hier ist es allerdings steiler als sie sich gewöhnt ist, freiwillig würde sie nie da herunterfahren.
Sie nimmt allen Mut zusammen und stösst sich mit den Stöcken ab. Der erste Schwung gelingt, die folgenden sind schon viel einfacher. Schnell wird das Feld breiter. Wenn jetzt schöner Sonnenschein herrschen würde, könnte sie die Fahrt so richtig geniessen. Nur sie spürt die Gefahren, da sind die Lawinen und die Sicht ist auch so schlecht, dass sie nie weiss, ob sie nicht im nächsten Moment über eine Felswand abstürzt. Sobald die Sicht etwas besser ist, lässt sie es laufen, meistens ist sie nur im Schritt-Tempo unterwegs, doch sie kommt voran.
Dem Felsen auf der linken Seite traut sie nicht so recht, vorsichtig versucht sie ihm auszuweichen. Ohne es zu realisieren befindet sie sich plötzlich in der Mitte des Schneefelds. Nur kurz spürt sie, dass der Schnee nachgibt, Sekunden später ist der Hang in Bewegung, instinktiv versucht sie aus dem Lawinenkegel zu entkommen. In einer rasenden Fahrt schiesst sie den Hang hinunter, von hinten nähert sich das Dröhnen der Schneemassen. Ihre Knie beginnen zu zittern, die nackte Angst steigt in ihr auf, dann stürzt sie. Der Lawinenairbag öffnet sich, die Skier werden ihr weggerissen, jetzt muss sie sich völlig auf ihren Instinkt verlassen. Nur oben bleiben und wenn möglich den Rucksack nicht verlieren, noch halten die Gurten. Sie wird durcheinander gewirbelt. Unendlich lange fällt sie in die Tiefe, die Orientierung hat sie schon längst verloren.
Endlich verlangsamt sich die Geschwindigkeit, doch jetzt droht von hinten die Gefahr, die Schneemassen werden übereinander geschichtet, jetzt muss sie oben bleiben, aber wie. Sie kämpft. Im letzten Moment, als sie realisiert, dass die Schneemassen von hinten über sie hinweg fegen werden, zieht sie die Leine des Gesichtsairbags. Augenblicklich bläst sich um ihr Gesicht der Plastiksack auf. Mund und Nase bleiben frei. Das Aufblasen geht sehr schnell vor sich und sie erschrickt dabei, dass sie völlig die Nerven verliert und einen lauten Schrei ausstösst. Dann wird es plötzlich ruhig, sie sitzt fest. Wie geht es jetzt weiter?
Der Anruf von Franz rüttelt Pascal aus seinen Gedanken. Dass sie jetzt auf der Abfahrt ist beruhigt ihn. Ausserdem nimmt es ihm die Entscheidung ab, ob er schon nach ihr suchen soll.
«Meinst du, sie weiss, wo sie sich befindet?»
«Ich bin mir nicht sicher», erklärt Franz, «ich habe mir die Karte genau angeschaut, es gibt zwei Stellen die auf ihre Beschreibung passen. Entweder kommt sie etwa fünfhundert Meter westlich, oder zwei Kilometer östlich vom Hospiz runter. Ich hoffe es ist die Stelle zwei Kilometer nördlich. Die andere ist extrem lawinengefährlich. Ich musste sie einfach da herunter schicken, oben konnte sie nicht bleiben. Einfach zu waghalsig diese jungen Leute.»
«Du warst ja auch nicht besser!»
«Ja schon, aber ich habe es immer überlebt.»
«Nur nicht zu pessimistisch, sie wird...», Pascal bleibt mitten im Satz stecken, draussen hört er, wie eine Lawine zu Tal donnert. Er hasste dieses Grollen der Natur schon immer und heute erst recht.
«Ich werde nachschauen, da ist eine Lawine heruntergekommen und das war keine kleine, das versichere ich dir. Ich melde mich, sobald ich genaueres weiss, ich vermute sie liegt westlich, wenn das nur gut gegangen ist.»
Toni und Lisa sind bereits wetterfest angezogen. Lisa nimmt den Lawinensensor der Notausrüstung mit. Toni und Pascal rüsten sich mit Schaufeln und einer Tragbahre aus. Minuten später stapfen sie in den Schnee hinaus. Westlich des Hospizes ist die Schneewolke zu sehen, der Nebel wurde von der Druckwelle weggeblasen. Der grosse Lawinenkegel liegt vor ihnen. Nur sehr langsam kommen sie voran, der Schnee ist tief und weich, auch mit den Skiern sinken sie ein.
Erst nach einer halben Stunde erreichen sie den Lawinenkegel. Lisa schaltet den Sensor ein. Nichts, kein Signal. Sie gibt ihn Pascal und der klettert auf einen Felsvorsprung.
«Ich empfange ein Signal», ruft er und weiss nicht, ob er sich darüber freuen soll. Sie ist in der Lawine, kein Zweifel, jetzt darf man keine Zeit verlieren. Durch hin und her schwenken versucht er die Richtung des Signals herauszufinden.
«Sucht in diese Richtung», mit dem ausgestreckten Arm zeigt er die Richtung an. Auch er steigt vom Felsen und macht sich auf die Suche. Steil aufsteigend traversieren sie das Schneefeld. Endlich, nach zehn endlos langen Minuten empfängt er das Signal auch von unten. Zielstrebig kämpfen sie sich dem Signal entgegen.
Der Gesichtsairbag hat seine Funktion erfüllt, nachdem dieser in sich zusammengefallen ist, hat sich um das Gesicht ein Hohlraum gebildet, aus der kleinen Flasche strömt genau dosiert Sauerstoff. So könnte sie bis fünf Stunden atmen. Den Sturz hat sie gut überstanden, es ist nichts gebrochen, vielleicht ein paar blaue Flecken, aber sonst nichts. Noch hat sie nicht kalt, der Anzug ist gut isoliert. Die Lage könnte etwas komfortabler sein, sie liegt mit dem Kopf nach unten, nur einen Arm kann sie leicht bewegen. Kontinuierlich arbeitet sie daran, die Bewegungsfreiheit zu vergrössern. Endlich kann sie den Arm soweit zurückziehen, dass er in die Höhle um das Gesicht gezogen werden kann. Jetzt kann sie mit ihm arbeiten, durch schlagen an die Wand vergrössert sie die Öffnung und kann nach langer Zeit, auch den zweiten Arm in die Höhle ziehen. Jetzt kann sie die Finger aneinander reiben und sich so warm halten. Bei den Füssen hat es leider nicht geklappt, sie sitzen fest, sie kann nur die Zehen im Schuh ganz leicht bewegen. Jetzt kann sie nur noch warten. Das Handy kann sie nicht erreichen.
Der Einzige, welcher ihr jetzt noch helfen kann ist Pascal und der wird sie sicher suchen, ob er sie rechtzeitig findet, das ist etwas ganz Anderes. Sie war selber bei der Suche nach Verschütteten dabei, so einfach ist das nicht, schon gar nicht, wenn nur so wenige Leute helfen können.
Das Wichtigste für sie ist jetzt Luft zu sparen, dass sie möglichst lange aushalten kann, viel Energie zu verschwenden um sich selber zu befreien ist sinnlos. Wie in einem Film läuft noch einmal ihr Leben ab.
Sie erinnert sich an ihren Vater, er war Arzt in Zürich. Die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachten sie ebenfalls in Zürich. Der Vater arbeitete in einem grossen Spital. Sie erinnert sich an die schöne grosse Wohnung und den Spielplatz. Damals wurde sie jäh aus ihrer Umgebung gerissen. Eines Morgens stürmte ihre Mutter ins Kinderzimmer und packte schnell einige Kinderkleider ein, nur ihre Lieblingspuppe durfte sie mitnehmen. Im Taxi fuhr man zum Bahnhof, als ein Polizist auftauchte, zog ihre Mutter sie in eine Toilette, sie mussten sich verstecken, wie die bösen Männer in den Filmen. Doch dies war kein Film, das war Ernst. Livia merkte dies sofort und sie gehorchte der Mutter aufs Wort, dabei hatte sie panische Angst.
Die Fahrt mit dem Zug dauerte nicht lange, die meiste Zeit verbrachten sie auf der Toilette. Auf dem kleinen Bahnhof herrschte ein hektisches Gedränge, dies nutze ihre Mutter geschickt aus und sie schaffte es an den Kontrollen vorbei zu gelangen. Bis am Abend versteckten sie sich in einem grossen Gebäude, erst später erfuhr sie, dass es eine stillgelegte Fabrikhalle war. Ihr kam das Gebäude gruselig vor, jedes Geräusch produzierte ein für sie ungewohntes Echo.
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