«Ich muss nach Holland!», stellt Pascal fest.
«Was hast du gesagt?», fragt Toni.
«Ich muss nach Holland, nur so kann ich herausfinden, wo das Gebäude liegt. In Holland wird es jeder erkennen, da bin ich mir sicher. Für ihn war es selbstverständlich, dass wir wissen, wo sich das Gebäude befindet. Die Holländer werden es mir sagen.»
«Wie willst du das anstellen? Du weisst doch, dass es für Altschweizer schwer ist, eine Einreisebewilligung zu bekommen. Die glauben, du wärst ein Wirtschaftsflüchtling. Du musst genau angeben, wen du besuchen willst und das wird genau kontrolliert.»
«Da muss ich mir etwas einfallen lassen, ich werde mich über die Grenze schmuggeln. Die Kontrollen sind nicht besonders streng, welcher Altschweizer will schon in den Euroraum?»
«Da gibt es inzwischen einige, wir haben immerhin zehn Prozent Arbeitslose, wenn du im Euroraum schwarzarbeitest, kannst du gut verdienen und wenn du das Geld in Form von Waren in die Altschweiz bringen kannst, rechnet sich das bestimmt.»
«Aber wir sind ja zufrieden mit dem was wir haben.»
«Das weisst du, aber die glauben, uns gehe es schlecht und wir wollen ihnen die Arbeit wegnehmen.»
«Ich werde mir etwas einfallen lassen. Wie lange ist Livia schon unterwegs?»
«Erst eine Stunde, das dauert schon noch etwas länger. Du kannst es nicht erwarten. Bist du etwa verliebt?»
Ohne zu antworten verschwindet Pascal nach draussen. Dort späht er in das Schneegestöber, es ist noch niemand zu sehen. Seine lauten Rufe werden nicht gehört. Es ist noch zu früh, sie kann gar noch nicht hier sein.
Inzwischen kämpft Livia mit dem Schneegestöber. Die Abfahrt hat sie gut gemeistert, aber jetzt ist sie im Aufstieg. Die Gegensteigung ist nicht lang, aber bei diesen Verhältnissen geht es in die Beine. Der Schnee ist weich und sie sinkt tief ein. Mit jedem Schritt den sie sich hoch kämpft, hat sie das Gefühl, um die gleiche Distanz zurück zu rutschen. Sie möchte sich gerne einige Minuten ausruhen und verschnaufen, aber sie weiss, dass sie nicht lange an der gleichen Stelle stehen bleiben darf, die Gefahr, dass der Schnee ins Rutschen gerät, ist einfach zu gross. Hat sie auf dem Sessellift noch gefroren, so hat sie jetzt zu heiss und ist unter der warmen Jacke total verschwitzt.
Endlich hat sie den Grat erreicht, vorsichtig fährt sie auf der andern Seite dem Hang entlang. Sie kann nicht weit sehen und ist auf das Erinnerungsvermögen aus dem Sommer angewiesen. Das Schneegestöber beeinflusst die Sichtweite so stark, dass sie praktisch blind dem Grat folgt, dabei hält sie sich immer etwa fünf Meter unterhalb des höchsten Punkt des Grates auf, sie hofft, dass sie so einem Schneebrett entgeht, denn der Wind bläst ihr entgegen, Schneeverwehungen müssten auf der anderen Seite kritischer sein. Nach rund zehn Minuten erreicht sie einen Felsen. Sie folgt ihm, bis sie eine schneefreie Stelle findet. Dort setzt sich hin. Endlich kann sie sich etwas ausruhen. Sie hat Glück, die Stelle ist auch gegen den starken Wind geschützt.
Aus der Jackentasche holt sie das Handy heraus und ruft Franz an. Sie erklärt ihm, dass sie den Grat erreicht hat, aber nicht genau weiss, an welcher Stelle sie den Grat überquert hatte. Auf Grund der Beschreibung die Livia durchgibt empfiehlt er, dass sie sich noch weiter auf dem Grat bewegen solle, biss dieser einen leichten Rechtsknick macht. Dort beginnt ein breites Schneefeld auf dem die Lawinengefahr relativ gering ist, vor allem hat sie dank der Breite des Schneefelds mehr Ausweichmöglichkeiten, wenn es kritisch werden sollte.
Nach dem kurzen Gespräch sucht sie im Rucksack nach etwas Essbaren, trinkt zwei Schlücke heissen Tee aus der Thermosflasche. Das Handy zeigt ihre Position an, nur, die Angabe ist nicht besonders vertrauenerweckend, nach den Angaben des Handys befindet sie sich noch im Aufstieg! Eine Aussage, welche sie klar verneinen kann. Es macht sie aber unsicher, wenn sich das Gerät in die eine Richtung täuschen kann, dann kann es das auch in die andere. Sie wird sich an die Angaben von Franz halten und dem Grat noch einige Zeit folgen.
Pascal ist erleichtert als ihm Franz die Meldung durchgibt, dass sie den Grat erreicht hat. Sie wird es schon schaffen. Er ist allerdings sehr beunruhigt, als er erfährt, dass sie nicht genau weiss, an welcher Stelle sie sich befindet. Im Gebirge können ein paar Meter entscheidend sein und er sieht ja selber, wie weit man hier oben sehen kann. Es ist ihm nicht wohl bei der Sache, aber es ist zu spät, er kann ihre Lage nicht verbessern.
«Die ist genauso stur wie ihr Vater!», brummt Klara, «der ging damals auch alle Risiken ein. Er war es, welcher die Gotthardstrecke durch eine Lawine für beinahe eine Woche sperren konnte. Zu viert hausten sie eine Woche in einem Biwak, bei starkem Schneefall lösten sie die Schrauben an den Lawinenverbauungen. Nach einem Schneesturm brach das grosse Schneefeld ab, die riesige Lawine begrub zehn Leute unter sich. Pascal schämt sich, dass dabei zehn Menschen ums Leben kamen, hatte er nie erfahren. Die ältere Generation war damals stolz darauf, dass danach sowohl die Strasse, als auch die Bahn zwei Wochen unpassierbar blieb. Diese Aktion zeigte den Altschweizern, dass sie sich gegen die Übermacht der Neuschweizer unterstützt von der EU wehren konnten, das Gelände war ihre grosse Stärke, wie es schon in den früheren Jahrhunderten der Fall war, daran hat auch die neue Technik nichts geändert.»
«Ja ich weiss, damals! », brummt Pascal, «aber jetzt ist heute und Livia ist da draussen im Schneesturm.»
Er hat es satt, diese Heldengeschichten hat er schon an die hundert Mal gehört und jedes Mal werden sie dramatischer.
«Lass dich doch nicht verrückt machen, es hat der Frau niemand gesagt, sie soll hochkommen. Ich wusste gar nicht, dass du sie kennst?»
«Das ist schon lange her, sie ist drei Jahre jünger und ich habe sie ab und zu in der Schule in Andeer getroffen.»
«So, so, von der Schule», brummt Klara, sie verzichtet auf weitere Fragen, aber nur von der Schule her kennt er sie sicher nicht, aber das geht sie nichts an, der Junge hat es nicht einfach, wie soll man so abgelegen eine Frau finden?
Pascal wird von Zweifel geplagt, soll er sie suchen gehen? Dann ist das Risiko sehr gross, dass sie sich verpassen, oder soll er hier warten, auf die Gefahr hin, dass er zu spät kommt? Er wird noch einige Zeit abwarten, das ist vernünftiger.
Um sich abzulenken denkt er an seine bevorstehende Reise nach Holland. Er hat das Gebiet der Altschweiz erst einmal verlassen. Vor drei Jahren leistete er sich den Luxus und flog vom Flugplatz in Stansstaad nach Kairo. Der einstige Militärflugplatz musste soweit ausbaut werden, dass man ihn für Auslandflüge benutzen konnte. In den arabischen Staaten und in einigen Staaten Südostasiens sind die Altschweizer gerngesehene Gäste. Das war ein Erlebnis, unverzüglich steigen die Erinnerungen an die Zeit in Ägypten in ihm hoch.
Jetzt sollte er nach Holland, aber in der EU sind die Altschweizer nicht gerne gesehen, sie werden höchstens geduldet. Auf dem Gebiet der Neuschweiz darf man sich schon gar nicht erwischen lassen, für die sind die Altschweizer ein rotes Tuch! Der Hass ist noch sehr stark. Wird ein Altschweizer erwischt, kann es sein, dass er nach Zürich überwiesen wird, dort wird untersucht, ob sich jemand in der Familie des Verhafteten strafbar gemacht hatte und die Dossiers reichen nicht nur sehr weit zurück, sie sind auch sehr umfangreich.
Er überlegt sich, wie soll er durch das Gebiet der Neuschweiz gelangen? Darf er sich in Holland frei bewegen? Er weiss es noch nicht, am liebsten würde er hier bleiben, doch er kennt sich, er wird es versuchen, koste es was es wolle.
Noch immer fährt Livia knapp unterhalb des Grates und erwartet das von Franz vorausgesagte Schneefeld. Plötzlich befindet sie sich in felsigem Gelände. Das Schneeband hat so plötzlich aufgehört, dass sie gar nicht bemerkt hatte. Sie zieht ihre Skier aus und schnallt sie auf den Rucksack, dann klettert sie vorsichtig die griffigen Felsen nach unten. Als der Nebel kurz aufreisst, kann sie erkennen, dass etwas weiter rechts, ein schmales Schneefeld beginnt, welches steil nach unten abfällt. Hier im Windschatten dürfte es nicht allzu grosse Schneemengen haben, dazu ist es zu steil.
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