Wieviel bleibt denn noch an Lebenszeit? Wenn es gut geht vielleicht zehn, fünfzehn Jahre. Da heißt es, alles mitnehmen, was lohnenswert erscheint solange man dazu überhaupt noch in der Lage ist. Plötzlich macht es 'bang' und es wird furchtbar dunkel, aus die Maus, unwiderruflich. Positiv dabei ist lediglich der Umstand, dass man versäumten Gelegenheiten nicht mehr nachtrauern kann, jammern und lamentieren mangels Möglichkeit dazu zwecklos ist, das hätte man sich früher, zu Lebzeiten, überlegen müssen. Wenn es dunkel geworden ist, ist alles zu spät.
Wir haben es ja gerade mit Böhme erlebt. Er war in den heißen Zeiten der jüngste von uns, unser Benjamin sozusagen. Natürlich weiß ich nicht, ob er vielleicht krank war oder durch einen Unfall ums Leben kam. Aber das ist auch nicht so wichtig. Allein die Tatsache als solche zählt, nichts anderes sonst.
Wie auch immer, eine derart beschissene Trauerfeier wie die, der wir beizuwohnen die zweifelhafte Ehre genossen, hat Böhme nicht verdient. Niemand hätte eine solche Veranstaltung verdient. Was ist das für eine Frau, die so etwas in Szene setzt? Noch dazu in aller Öffentlichkeit.
Es hat mich, aller Überraschung zum Trotz, gefreut, als Hornung mich in der Kanzlei anrief. Im ersten Moment war ich mir gar nicht bewusst, wer da durch die Leitung sprach, Kunststück, nach fast vierzig Jahren ohne jeden Kontakt. Leider war der Anlass seines Anrufs ein trauriger, ich hätte mir gewünscht, einer von uns wäre schon früher auf die Idee gekommen, die anderen zu kontaktieren. Aber es verbietet sich, diesen Vorwurf, so man ihn überhaupt erheben kann, allein auf andere abzuwälzen, er trifft mich mindestens zu gleichen Teilen.
Hornung sprach schon bei diesem ersten Telefonat von seiner Idee, uns 'Ehemalige' für ein Wochenende in sein Haus einzuladen. So ein Treffen nach all den Jahren könnte doch interessant sein, bestenfalls auch amüsant, fügte er in einem Nebensatz hinzu. Dieser Nebensatz fiel mir erst sehr viel später auf, als ich über die geplante Zusammenkunft nachdachte.
Ohne Übertreibung kann ich sagen, ich freute mich auf das Wiedersehen mit meinen vormaligen Mitstreitern und Genossen. Es wäre doch spannend, von jedem Einzelnen zu erfahren, wie sein Lebensweg von damals bis heute verlaufen ist.
Als die Wohn- und Lebensgemeinschaft auseinanderfiel (warum eigentlich ist mir nicht mehr in der Erinnerung), steckten wir alle noch mitten im Studium, an die Examina war noch nicht zu denken, an den Beruf, den wir mit dem studierten Lehrstoff ausfüllen wollten, schon rein gar nicht. Wir trennten uns sozusagen mitten im Leben, oder, wenn man es so sehen will, bevor das Leben noch so richtig begonnen hatte.
Die Adressen der anderen herauszufinden war kein Problem, ich gab sie an Hornung weiter, der dann Böhmes Todesanzeige verschickte und zur Trauerfeier bat.
Erst abends, beim Rotwein (wie auch anders), kam mir der Nebensatz wieder in den Sinn. Was meinte er mit dem Wörtchen 'amüsant'? Es konnte soviel wie 'gesellig' bedeuten. Aber ebenso steht es für burlesk, drollig oder gar närrisch und possenhaft. Welches der Synonyme mochte in Hornungs Kopf herumspuken?
In meiner täglichen Arbeit als Anwältin habe ich gelernt, auch unscheinbar wirkenden Nuancen Beachtung zu schenken. Sie sagen, oft unbewusst daher geplappert, zumeist mehr über die wahren Intentionen aus als ein offizielles Schriftstück.
Ein weiteres Übel meiner Profession ist es, dem Gegenüber zunächst immer eine schlechte Absicht zu unterstellen. Das geht einem nach so vielen Berufsjahren, wie ich sie hinter mich gebracht habe, in Fleisch und Blut über und beschränkt sich keineswegs auf das tägliche Arbeitsfeld. Es geht schließlich niemals darum, eine einvernehmliche Lösung zu finden, sondern es geht darum, zu gewinnen. Das ist eherner Grundsatz rechtsanwaltlichen Schaffens. Im Namen und zu Kosten des Mandanten.
Hornung gegenüber wollte ich aber auch nicht so ungerecht sein, ihm nur wegen einer launigen Bemerkung unlautere Absichten zu unterstellten. Also verdrängte ich das juristische Bauchgefühl und beschloss, mich auf das Wochenende zu freuen. Nach dem zweiten Glas Wein allerdings kroch das Misstrauen wieder in mir hoch. Hornung neigte schon früher zu Überraschungen, die er als spaßhaft verstand, die aber keineswegs jedermanns Sache waren und oftmals zu Irritationen derer führte, die über seine Einfälle nicht lachen konnten.
Ich erinnerte mich, wie er in unsere gemeinsame Wohnung einmal Mormonen zu einem Gespräch einlud, die an der Haustür missionieren wollten. Zum gleichen Termin bestellte er zwei Vertreter der Zeugen Jehovas, die natürlich nichts von den Mormonen wussten und umgekehrt. So kam es, dass sich die einen mit den anderen fast zwei Stunden lang um die existentielle Frage stritten, ob der, den sie verehrten nun an einen Stamm oder an ein Kreuz genagelt wurde. Derweil saßen wir im Berliner Zimmer um die von ihrem jeweiligen Glauben Besessenen, soffen Bier und amüsierten uns. Always look on the bright side of life (Monty Pyton: Das Leben des Brian) . Erst Tage später ging mir auf, welch miserable Aufführung Hornung da inszeniert hatte, an der wir anderen indes bedenkenlos und mit wenig Verstand teilnahmen.
Sollte das vereinbarte Treffen die Neuauflage einer ähnlichen Vorstellung werden, mit dem kleinen aber entscheidenden Unterschied, dass wir diesmal nicht das Publikum sondern die Protagonisten darstellten?
Beim dritten Glas Wein traute ich Hornung eine derartige Inszenierung durchaus zu. Er war Schriftsteller, das wusste ich nach dem gemeinsamen Telefonat, und ein Autor greift bekanntlich immer nach einem guten Stoff, den er in seinen Geschichten verarbeiten kann. Dazu wollte ich mich nicht hergeben (ich eigne mich nicht als Romanfigur) und als Konsequenz fasste ich den Entschluss, meine Teilnahme an dieser Veranstaltung abzusagen.
Einmal unterstellt, ich irrte, dann konnte es sich bestenfalls um ein nostalgisches Stiftungsfest altgedienter und in Ehren ergrauter Veteranen handeln, die als 68er durch die genervten Köpfe der nachfolgenden Generationen geisterten. Dazu verspürte ich erst recht keine Lust und bekräftigte meine geplante Absage mit dem Rest aus der Weinflasche.
Am ernüchternden Morgen danach aber relativierte ich den Vorsatz wiederum und schalt mich eine sentimentale Zicke (in der Tat konnte ich sehr zickig werden), weil ich mir eingestehen musste, die anderen doch gerne wiedersehen zu wollen. Egal, ob es sich nun um eine Schmierenkomödie Hornungscher Inszenierung oder ein Stiftungsfest handelte, ich würde hingehen, musste nur vorsichtig und auf beide Varianten eingestellt sein. Aber auf schlüpfrig glattem Parkett kannte ich mich bestens aus. Außerdem bestand immerhin noch die Möglichkeit, dass ich mich wirklich irrte. Obwohl ich das nur ungern zugeben wollte.
Also, keine Absage, Jeanne d'Arc, gestorben wird später, Rüstung angelegt, Schwert gegürtet und in die Schlacht gezogen. Die gerechte natürlich, diesen Zusatz war ich meiner Gesinnung schuldig, das Herz schlug schließlich ursprünglich links bis es sich im Verlauf der Jahre unmerklich immer mehr zur Mitte verlagerte. Was immer das auch für ein Gebilde sein mag, diese Mitte, die oft und gerne von allen möglichen Seiten in Beschlag genommen und über Gebühr strapaziert wird.
Weiteres Nachdenken über diese Entscheidung untersagte ich mir, um nicht Gefahr zu laufen meinen Vorsatz erneut zu kippen. Ich gehe hin, basta!
Schließlich bin ich immer hingegangen, wenn mir Hingehen sinnvoll und wichtig erschien. Ohne Rücksicht auf Verluste sozusagen. Vietnam-Kongress, Schah-Besuch mit Dachlattenpersern, Dutschke Attentat, Springer Hochhaus, Tegeler Weg, gepflastert, klar und was nicht noch alles, 1. Mai und Ostermärsche sowieso. Auch wenn ich es heute als seriöse Anwältin (bin ich wirklich so ein Arschloch geworden?) nicht mehr zugeben dürfte, ich war natürlich auch bei der Trauerfeier für Paul Lobe vor dem Schöneberger Rathaus dabei, als Kunzelmann aus einem Sarg heraus Flugblätter übers Volk warf. Wo die Musik spielte, damals in den heißen Zeiten, da befand ich mich mittendrin.
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