Ja, das tägliche Brot, sagte Strecker.
Hornung goss Wein nach. Sie schwiegen einen Moment. Müller lag vor ihnen und blinzelte sie abwechselnd an, als wollte er den Zusammenhang zwischen seinem Herrn und dem Besucher ergründen.
In ihr Schweigen hinein klingelte es und Müllers erneutes Bellen erstarb jäh, als ihn Hornungs "Halts Maul" Kommando traf. Der Köter gehorcht auf's Wort, dachte Strecker, das muss man ihm lassen.
Hornung führte Andrea Lenz in den Raum, ging dann aber nach der flüchtigen Begrüßung sogleich mit ihr ein Stockwerk höher, Zimmer und Bad zeigen.
Kurz darauf kamen auch Monika Bergmann und Lorenz Kolb an, die Prozedur des Einweisens wiederholte sich. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis alle endlich in der Bibliothek zusammensaßen und den Begrüßungsschluck Rotwein tranken.
Monika wollte lieber Bier statt Wein (alte Gewohnheit, wenn's möglich ist Hornung, nur wenn's möglich ist, bloß keine Umstände meinetwegen). Es war möglich. Während Hornung Wein und Bier eingoss schaute Strecker aus dem Fenster auf den Fuhrpark, der sich vor dem Haus versammelt hatte.
Den Karossen nach zu urteilen geht es uns blendend, sagte er.
Bombig sozusagen, bemerkte Kolb und hob sein Glas gegen das Licht.
Seid alle willkommen am Tisch unterm Pflaumenbaum, (Franz Josef Degenhardt) würde Väterchen Franz jetzt singen. Aber der ist, wie unser Genosse Böhme, nicht mehr von dieser Welt. Hornung hob sein Glas, wir haben uns eine sehr lange Zeit nicht gesehen noch gesprochen. Ich freue mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Also nochmals: Willkommen in meiner Hütte, möge sie die Eure sein, solange ihr es wünscht.
Sie tranken.
Hütte ist gut, kicherte die Bergmann, erinnert ihr euch noch an den Spruch: Friede den Hütten, Krieg den Palästen? (Georg Büchner) Also dein bescheidenes Heim, Hornung, hat für mich wenig Ähnlichkeit mit einer Hütte.
Aber auch nicht mit einem Palast, unterbrach Kolb sie, es liegt eher so dazwischen.
Da hast du recht, Andrea Lenz nickte ihm zu, Hütte ist nicht, Palast aber auch nicht. Einigen wir uns auf gehobenes Eigenheim. Kein Reihenhaus aber auch noch keine Villa. Verdient man als Autor eigentlich gut?
Nicht so gut wie als Anwältin, antwortete Hornung, aber ich will nicht klagen.
Leute, Leute, mischte sich Strecker ein, jetzt sind wir nach etlichen Jahrzehnten gerade mal eine halbe Stunde zusammen und schon schwirren wieder Hader und Händel durch die Atemluft. Wenn das auf diesem Niveau weiter geht, sehen wir ausgesprochen heiteren Tagen entgegen. Ich hoffe, du hast genug Wein im Keller Hornung. Hast du, nun sag schon, hast du?
Hornung nickte lachend, für die nächsten fünf Jahre müsste es reichen.
Fünf Jahre?, wiederholte Strecker, eine gute Zeit. Danach müssen wir eben auffüllen, was soll's.
Kolb stand auf und lehnte sich mit dem Rücken an ein Bücherregal. Ich habe ein kleines Problem, ich kann unser Treffen hier nicht so recht einordnen. Wie soll ich die Einladung verstehen? Als Veteranentreffen mit launigen Erinnerungen an unserer glorreiche Vergangenheit, als besseres Klassentreffen mit entsprechendem Bewusstsein und dessen Erweiterung im Laufe der Zeit? Oder haben wir etwas aufzuarbeiten, die letzten vierzig Jahre vielleicht, unter besonderer Berücksichtigung der allerletzten fünfundzwanzig Jahre, als Selbsthilfegruppe oder so ähnlich? Oder hast du, Hornung, endlich den todsicheren Weg in den Sozialismus gefunden und willst mit uns die erste Zelle der neuen Gesellschaft gründen? Ich bin bei allem dabei, ihr müsst mir nur sagen, um welche der Varianten es sich handelt. Das würde ich schon gerne wissen, bevor es losgeht.
Bleib geschmeidig Kolb, lachte Hornung, nichts von dem, was du befürchtest trifft zu. Oder besser gesagt, es trifft von allem ein bisschen zu, das erfasst es besser.
Die Sache ist im Grunde genommen ganz einfach. Als ich vom Tod Böhmes las, kam mir die Idee, unsere alte Truppe wieder einmal zusammenzurufen, ehe einer nach dem anderen von uns in die Grube fährt und der Rest bekommt es nicht mit. Immerhin haben wir damals eine gute Weile zusammen gelebt, zusammen gearbeitet, zusammen demonstriert und...
Zusammen gevögelt, unterbrach ihn die Lenz, das sollten wir mal nicht vergessen, oder habt ihr aus eurem Gedächtnis gestrichen, wie wir gevögelt haben, untereinander, übereinander, miteinander und mit anderen, es war doch alles in allem ein schönes freies wildes Leben damals. Manchmal denke ich mit einer gewissen Wehmut daran, manchmal sehne ich sie auch zurück, diese Zeit. Wenn ich so an meinem Schreibtisch sitze und bedenke, was aus mir geworden ist...
Eine Schreibtischtäterin ist aus dir geworden Andrea, eine Schreibtischtäterin, aber lass mal gut sein, uns geht es ja nicht wirklich anders, oder? Hornung blickte fragend in die Runde, als sei er auf Ausgleich bedacht. Nein, ich dachte einfach, es wäre doch schön, nach all den Jahren wieder einmal für ein Wochenende zusammen zu sein. Was wissen wir denn über uns, ich meine nach der Zeit, an die Andrea mit Wehmut denkt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde gerne wissen, was aus den Genossen geworden ist, mit denen ich vormals die Welt aus den Angeln heben wollte. Interessiert euch das etwa nicht?
Vielleicht ist das gar nicht so gut, wenn wir voneinander wissen, was aus uns geworden ist, sagte Strecker. Eins steht doch wohl fest, die Welt haben wir nicht aus den Angeln gehoben, vielmehr haben wir sie noch fester in den Angeln verankert. Will jeder von euch wirklich wissen, wie er versagt hat?
Moment mal, fuhr die Bergmann dazwischen, du hast vielleicht versagt Strecker, du vielleicht, kann ich nicht beurteilen. Aber du kannst dein Verhalten nicht verallgemeinern. Ich jedenfalls fühle mich keineswegs als Versagerin. Ganz sicher nicht.
Ist ja gut, Mutti, beruhige dich, entgegnete Strecker.
Du nennst mich nicht Mutti, du Machoarsch, du nicht...
Wirklich Paul, das musste ja jetzt wohl nicht sein, sagte die Lenz.
Na ja, wo er recht hat, hat er recht, meinte Kolb, wir können unsere Entwicklung ja nun nicht im Nachhinein verbiegen. Doch tröstet euch, rückwärts nimmer, vorwärts immer, wie ein gewisser Staatenlenker saarländischen Ursprungs vor langer Zeit von sich gab. Unsere Zeit ist sowieso abgelaufen, es ist in die Hose gegangen, unser Experiment, das sollten wir uns eingestehen, wir haben versagt, auf der ganzen Linie, Mutti hin, Machoarsch her. Und auf einer Stufe mit unserem Versagen steht das unserer Enkel, denn es sieht nun wirklich nicht danach aus, als würden die es besser ausfechten.
Ich mach euch mal einen Vorschlag, meinte Hornung...
Schon wieder einen?
Ja, schon wieder einen. Also, bevor wir uns hier auseinandernehmen ehe das Wochenende überhaupt begonnen hat, sorge ich erst einmal für ein Abendessen, das sich hoffentlich sehen lassen kann. Ich habe da etwas vorbereitet. Dazu der passende Wein und die Welt schaut schon viel freundlicher aus der Wäsche. Was haltet ihr davon?
Ja Papa, sagte die Lenz, und in fünfzig Jahren ist alles vorbei.
Hornung hob die Schultern, machte diese flüchtige Geste mit der Hand und zog sich dann zurück, man konnte ihn bald darauf in der Küche hantieren hören. Die Bergmann meinte, ihm helfen zu müssen und verließ ebenfalls den Raum. Strecker und Kolb nahmen Bücher aus den Regalen, blätterten darinnen unaufmerksam flüchtig herum, stellten sie zurück, nahmen sich neue und so fort.
Die Lenz goss sich Rotwein nach, trank in langen Zügen, kramte in ihrer Handtasche und brachte ein Päckchen Schwarzer Krauser sowie Papier zutage. Sie drehte sich eine Zigarette mit der Hand, ohne Maschine und suchte dann nach Streichhölzern oder einem Feuerzeug.
Hat einer von euch Feuer, ich finde nichts in meiner Tasche.
Kolb sagte, er sei Nichtraucher, schon immer, es täte ihm leid, ihr nicht helfen zu können. Strecker hatte ebenfalls kein Feuer und meinte, auch er habe noch nie in seinem Leben geraucht.
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