Verständlicherweise sind wir, wenn wir an unsere Trauer denken, völlig eingefangen vom Anlass der Trauer, dem Verlust, wir denken inhaltlich, sachlich, in Bedeutungen: dass gerade dieser Mensch gestorben ist und was das für unser Leben bedeutet; welche Veränderungen sich daraus im Alltag für uns ergeben.
Betrachten wir jedoch noch einmal genauer, was auf der Gefühlsebene passiert, dann werden wir auch hier wieder finden: Ohne das Unangenehmsein der Trauer, ihren schmerzhaften Gefühlsaspekt, hätte die Trauer so gut wie keine Macht über uns. Dass es wehtut , ist ihr entscheidendes Charakteristikum.
Ob wir überhaupt eine unangenehme Stimmung erleben und mit welchem Intensitätsgrad und ob es gerade diese oder eine andere Stimmung ist, darüber können wir gewöhnlich genauso wenig verfügen, wie ob wir dieses oder ein anderes Gefühl haben. Und ebenso verhält es sich bei den starken Gefühlen, den so genannten Emotionen:
Der Intensitätsgrad der Angst und der Intensitätsgrad der Panik werden durch den Intensitätsgrad des Unangenehmseins bestimmt.
Der Intensitätsgrad der Lust und der Intensitätsgrad der Euphorie werden durch den Intensitätsgrad des Angenehmseins bestimmt.
Die große Chance und Möglichkeit der Technik des desensibilisierenden Blicks liegt nun darin, dass wir zwar nicht immer darüber bestimmen können, welche Gefühle, Emotionen, Affekte und Stimmungen wir haben, dass wir aber, sobald sie auftreten, mit ihnen in neuer, effektiverer Weise umgehen können.
Die typische Art und Weise, mit ihnen umzugehen, wäre, sie zu fliehen oder zu suchen und festzuhalten.
Eine andere, hocheffektive Methode besteht darin, sie weder zu fliehen noch zu suchen, sondern einfach anzuschauen!
Etwas nur zu betrachten – neutral zu betrachten –, bedeutet es weder zu wünschen noch es abzulehnen. Betrachten für sich allein gesehen ist noch keine Entscheidung. Wir sind in der Haltung des bloßen Zeugen. Wir bewerten nicht, wir assoziieren nicht. Wir sehen nur, was sich einstellt. Nicht zu bewerten, heißt: weder gutzuheißen noch abzulehnen.
Und diese neutrale Haltung, dies reine Fühlen, dieses Heraustreten aus unserer instinktiven Abwehr oder Neigung, hat einen ganz erstaunlichen Effekt.
Es ermöglicht dem Nervensystem bei der Desensibilisierung in der Verhaltenstherapie, sich umzuorientieren, umzulernen, zu verlernen.
Und es ermöglicht uns bei der Technik des desensibilisierenden Blick, uns sekundenschnell – in einer einzigen inneren Wendung – vom Diktat der uns steuernden positiven oder negativen Gefühle zu lösen, um dann erst zu entscheiden, ob wir sie annehmen, auf sie reagieren oder aber sie unbeachtet lassen.
Genau besehen ist das schon eine uralte Einsicht. Sie wurde keineswegs erst von der Verhaltenstherapie entdeckt, die ja bei der Desensibilisierung von Phobien in tief entspanntem Zustand mit der Vorstellung gefühlsmäßig negativ besetzter Situationen arbeitet.
Bereits im Yoga, z.B. in der Mantrameditation, werden wir mit der Betrachtung von Gefühlen konfrontiert. Wenn die Aufmerksamkeit sich wiederholt in der Versenkung den leichtesten und subtilsten Formen eines Wortklangs zuwendet, tauchen nämlich ständig Gefühle angenehmer oder unangenehmer Art auf, die stehen gelassen oder zugelassen werden müssen. Die Aufmerksamkeit ist zum Dualismus genötigt: Einerseits richtet sie sich willentlich, wenn auch ohne Anstrengung, auf einen Laut als Objekt, und das ist in der erwähnten leichten Weise zugleich auch Entspannung per excellence , parallel dazu treten aber unbeabsichtigte Gefühlsimpulse auf.
Werden diese nun zugelassen, indem wir sie einfach mit wahrnehmen, dann entsteht daraus das charakteristische Verhaltensmuster der Desensibilisierung mit der so genannten „reziproke Hemmung“, d.h.: der stärkere Impuls – der Entspannung – hemmt den schwächeren Impuls des Gefühls. Wir koppeln und von Gefühlen ab. Unser Bewusstsein wird autonomer.
„Von Glück und Leid unberührt betrachtet der Weise die Welt“, heißt es in der Bhagavad Gita, dem alten indischen Epos aus der Zeit vor Christus. Im Buddhismus gibt es die Empfehlung, dass man sich ein Problem dreimal hintereinander in neutral betrachtender Haltung vor Augen führen sollte, weil es dann an emotionaler Kraft und negativem Einfluss einbüßt.
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