„Sie heißt Esme“, erklärte sie spröde.
„Ja. Das sagte sie.“ Lächelnd zog Davian sie eng an sich, die Hände auf ihrem Po. „Gefällt mir.“
„Ich merke es.“ Mara legte ihre Hände leicht auf seinen Bauch, blickte ihm in die Augen. „Mir auch.“
„Das heißt?“, fragte er nach.
„Zieh dein Hemd aus.“
„Zieh du es aus.“
„Dir?“
Davian antwortete nicht, sah Mara nur auffordernd an; sie wurde rot und lehnte den Kopf an seine Brust, spürte seine Finger auf ihrer Taille. Unter dem Hemd.
„Oder soll ich dir helfen?“, bot er an.
„Nein.“ Noch immer verlegen zog Mara sich das Hemd über den Kopf. Ihre Finger zitterten, als sie Davian sein Hemd auszog, die Hände zaghaft, fast scheu auf seine Brust legte. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, biss sich auf die Lippen, konnte sich nicht rühren. Spürte die Luft auf ihrer nackten Haut, seine Finger. Lehnte sich an ihn, schluckte, atmete viel zu schnell, ihre Finger auf seinem nackten Rücken, schloss die Augen.
„Nein. Sieh mich an, Mara.“
Mara gehorchte, schaute ihm in die Augen. „Warum?“
„Ich möchte, dass du ganz da bist. Bei mir.“
„Ja.“
(207.Tag, Ende Monat der Herbst-Tagundnachtgleiche)
Kapitel 2 – Fremde und neue Bekannte
Das Training war anstrengend; Davian nahm nicht die geringste Rücksicht darauf, dass Mara fünf Tage, nun, viereinhalb, dazu die drei in seinem Haus, mit Husten und Fieber im Bett gelegen hatte. Nach den Basisübungen, mit seinen Männern, ließ er sie zehn Runden im Schneematsch um das Übungsfeld laufen, bevor sie mit Jula Stockkampf trainieren sollte.
Das einzig angenehme an diesem Morgen war Julas Lächeln zur Begrüßung und die Tatsache, dass es ihm keine offensichtliche Freude bereitete, ihr auf die Finger zu dreschen. Besonders nett ging er trotzdem nicht mit ihr um, lachte über ihre Fehler, ihre Ungeschicklichkeit. „Der Stock ist wohl nicht deine Waffe?“
Grimmig schlug Mara zu. „Ein Stock ist überhaupt keine anständige Waffe.“
Er parierte lachend ihren wilden, ungezielten Hieb und schlug gleichfalls zu. „Oh, doch. Siehst du?“
„Nicht auf die Finger!“
„Dann nimm sie weg“, erwiderte Jula lapidar.
„Aber …“
„Keiner sagt, dass deine Hände am Stock wie festgewachsen sein müssen, beweg sie! Hat dir das keiner erklärt?“
Mara hatte nicht die Zeit, darüber nachzudenken, sie musste sich verteidigen, viel zu hektisch, atemlos. „Keiner.“
„Vergiss nicht zu atmen“
„Ich versuche es.“
„Entschuldige.“ Jula senkte das Tempo seiner Schläge und Stöße merklich. „Ich vergaß, dass du krank warst.“
„Geht schon.“ Trotzdem keuchte Mara angestrengt, stützte schwer atmend die Hände auf die Oberschenkel.
Jula hockte sich vor sie und erklärte ruhig: „Nein, ernsthaft, du hältst den Stock viel zu verkrampft. Wenn du dich so daran klammerst, während du einen Schlag abfängst, tun dir schon nach kürzester Zeit Arme und Schultern weh. Du musst nachgeben.“
„Nachgeben? Dann kriege ich den Stock an den Kopf.“
„Du hast Beine, Mara, weich zur Seite aus.“
„Oh. Verstehe. Ich bin zu unbeweglich, zu steif.“
„Jedenfalls im Stockkampf.“ Er lachte erneut, richtete sich auf. „Siehst du, du musst den Schwung meines Angriffs nutzen, um deinen Stock zu drehen und ihn mir … unters Kinn zu knallen. Schlag zu.“
Sie schlug zu. Jula fing den Schlag mit dem Stock federnd ab, wich gleichzeitig ein Stück zur Seite aus, kippte dann gewissermaßen seinen Stock und berührte mit der Spitze ihr Kinn. „Gesehen? Jetzt du.“
„Ich weiß nicht, dann tue ich dir womöglich weh.“
„Du triffst mich sowieso nicht.“ Er grinste. „Bereit?“
Sie übten, immer wieder die gleiche Bewegung: Jula schlug zu, Mara fing den Angriff ab, mal zur einen, mal zur anderen Seite ausweichend, drehte, seinen Schwung nutzend, ihren Stock, traf ihn aber nie. Natürlich nicht. Zum einen war sie zu langsam, meist zu zaghaft, oftmals stand sie auch schlicht zu weit von Jula entfernt. Doch selbst als sie das ausglich, nicht zur Seite, sondern schräg nach vorne auswich, traf sie ihn einfach nicht, der Stock schwang ins Leere, nicht gegen sein Kinn, nicht mal in die Nähe seines Kinns.
Angestrengt versuchte Mara es weiter, Jula erhöhte das Tempo und sie musste auf ihre Finger aufpassen, rascher ausweichen, ihr Ziel unerreichbar.
Aber warum überhaupt sein Kinn, das Ziel war doch, den Schwung seines Angriffs für ihren Gegenangriff zu nutzen? Wieder ließ Mara ihren Stock hochschwingen, machte dabei jedoch einen weiteren Schritt auf ihn zu und stieß ihm ein Ende des Stockes in den Bauch.
Überrascht keuchend taumelte Jula zurück, hielt sich den Leib.
„Sieht so aus, als hättest du was gelernt, Mädchen. Nicht allein, Schläge klaglos einzustecken.“ Davian musterte Jula mit schmal zugekniffenen Augen, wandte sich an Mara. „Könntest du das auch wiederholen?“
„Er ist jetzt gewarnt.“
„Unsicher, was du machst.“ Verächtlich verzog Davian das Gesicht. „Tut ’s weh, Gardist?“
Jula kam heran, noch immer eine Hand auf den Bauch gepresst. „Ich werd’ es überleben.“
Davian nickte grimmig. „Gut, dann haben ja gleich zwei was gelernt.“
Er rieb sich das Kinn, schien verärgert. „Ungünstig, dass ich das jetzt abbrechen muss, aber seine Majestät will dich sprechen. Geh dich umziehen.“
Mara schluckte die Frage nach dem Warum hinunter, nickte nur und begab sich in einen Nebenraum, wo ihre Kleidung lag. Hörte hinter sich Davian und Jula.
„Habt Ihr Euch inzwischen erholt, Gardist? Wir machen weiter.“
„Jawohl, Hauptmann.“
Ein Gardist, keiner, den Mara kannte, begleitete sie in den Palast und nickte ihr, an der Tür zu den Zimmern seiner Majestät angelangt, knapp zu. „Ihr werdet erwartet.“
„Danke.“ Mara trat ein.
Der König war nicht allein und erhob sich wie sein Besucher: ein großer, schlanker Mann in seinem Alter, das graue Haar kurz geschnitten, der kurze Bart wie von silbergrauen Fäden durchzogen. Sehr helle, blaue Augen. Seitlich des Mannes und sich ein wenig im Hintergrund haltend stand ein schlaksiger blonder Junge mit neugierigem, wachem Blick, vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre alt.
Freundlich begrüßte der König Mara, stellte sie dem Mann allerdings nicht vor. Ein Versehen oder Absicht?
„Mara, es ist eine Weile her. Ich freue mich aufrichtig, dass Ihr kommen konntet.“
Mara verneigte sich ohne nachzudenken nach Art des Tempels und nickte auch dem anderen Mann, er trug wie der Junge schlichte, praktische Kleidung, keine Uniform, höflich zu. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Majestät.“
„Setzt Euch.“ Der König deutete auf den Sessel neben dem Grauhaarigen. „Mir ist zu Ohren gekommen, Ihr hattet … Meinungsverschiedenheiten?“
„Majestät sind gut unterrichtet. Die Hohe Frau hat mich des Tempelbezirks verwiesen.“
Der Grauhaarige zog verwundert die Augenbrauen hoch und musterte Mara streng. „Wegen eines kleinen Streits?“
Mara hob die Schultern, sie wollte einem Unbekannten nicht unbedingt die Gründe für ihren Zwist mit Lorana darlegen. „Gewissermaßen.“
Mitfühlend beugte sich der König vor. „Dann seid Ihr jetzt womöglich ohne Unterkunft?“
„Nein, das nicht. Hauptmann Davian war so freundlich, mich bei sich aufzunehmen.“ Wie der König sicherlich genau wusste, was sollte das Ganze? Die unnötige Fragerei, die Nachlässigkeit, weder den Fremden noch sie vorzustellen, geschweige denn den Jungen. Ein Geduldspiel? Abwartend lehnte Mara sich zurück.
Der König versuchte sein Schmunzeln zu verbergen. „Ihr habt viel gelernt, unbjita, und nicht allein von Lorana. Ihr fragt nicht?“
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