„Willst du auch was bestellen oder nur gucken?“
Verdutzt sah Jo’quin die Frau an und nickte verlegen. „Bier.“ Das Wort kannte er inzwischen.
„Is‘ ja ganz was Außergewöhnliches …“ Die vollen Lippen der Bedienung kräuselten sich zu einem reichlich spöttischen Lächeln. „Sollst du kriegen, mein Hübscher. Spezial des Hauses?“
Wieder nickte Jo’quin nur und erwiderte ihr Lächeln.
Sie lachte. „Gut. Und wenn ich mit deinem Bier komme … und du deine Zunge wiedergefunden hast, verrätst du mir deinen Namen, Hübscher.“ Schwungvoll drehte sie sich um und schritt mit wiegenden Hüften davon.
Er lächelte still in sich hinein, verblüfft und zugleich erfreut über die unerwartete Ablenkung. Schaute erneut auf die anderen Gäste, bei denen es sich wohl ausschließlich um Soldaten handelte, auch wenn kaum einer Uniform trug. Gar … Gardisten ? So ganz klar war ihm die Unterscheidung nicht; er war noch nicht lange genug in diesem Land, kannte niemanden näher. Er sollte das schleunigst ändern, verstand so vieles im Verhalten der Menschen hier nicht. Verstand die Sprache nur in Ansätzen, ein paar Worte, niedergeschlagen stützte er das Kinn auf die Hand.
Sah überraschend schnell die Bedienung mit einem Krug Bier zu seinem Platz zurückkehren. Der Schaum quoll fast über den Rand, tropfte über ihre Finger.
„Jo‘quin“, stellte er sich vor. „Von Erian Jasa.“
„Joaquin von Erian Jasa, verstehe“, wiederholte sie, lachte und setzte das Bier vor ihn. „Und er hat eine Stimme, eine angenehm raue, dunkle Stimme.“
Er verstand kaum die Hälfte ihrer Worte, schüttelte leicht den Kopf.
„Bist nicht von hier, das war mir klar.“ Sie verzog den Mund zu einem breiten Lächeln. „Solche wie du … Ganz allein?“
Jo’quin biss sich auf die Lippen und hob hilflos, entschuldigend die Hände.
Die Frau rutschte auf den Stuhl an seinem Tisch, legte kurz die Finger auf seine Hand. „Ah, und du verstehst kein Wort von meinem Gequatsche, so ’n Mist. Na ja, was ich eigentlich sagen … Ich bin Kara.“ Bei ihren letzten Worten zeigte sie auf sich.
Bestätigend nickte Jo’quin und wiederholte ihren Namen, wurde mit einem weiteren Lächeln belohnt. Die Frau hatte einen schönen, großzügig geschnittenen Mund. Eine üppige weibliche Figur, doch ließ er seinen Blick jetzt besser nicht tiefer wandern, sie würde es vielleicht als Aufforderung missverstehen. Deswegen war er nicht hier.
Aber bereits im nächsten Augenblick hatte er die Frau, ihren Körper, ihren Mund, das alles vergessen und starrte nur auf die eben hereinkommenden Gäste. Sie. Sie! Und sie …
„Oh, mach den Mund zu, Joaquin, und denk nicht mal dran“, zischte ihm die Frau, Kara, zu. „Davian bringt dich um, wenn du die Kleine nur falsch ansiehst.“
Irritiert sah er Kara an und stand auf. „… Davian?“
„Der große, böse Kerl … Gardehauptmann neben ihr.“ Sie seufzte. „Weißt du, ich versteh dich, mein Hübscher, jeder versteht dich. Aber er wird sie heiraten. Wieso bist du …“
Er schüttelte nur abwehrend den Kopf, trat einen Schritt zur Seite, auf die Göttin zu, kreuzte die Arme vor der Brust und verneigte sich tief.
„Lasst das! Hört sofort damit auf!“ Ihre Stimme klang tadelnd, fast ein wenig zornig.
Überrascht richtete Jo’quin sich auf und wagte kaum, ihr ins Gesicht zu sehen – obwohl er nichts lieber wollte. „ Aber … “
„ Ich schätze es nicht, wenn sich ein Mensch, den ich nicht einmal kenne, derart vor mir verbeugt. Aus welchen Gründen auch immer. Und erzählt mir nicht, das wäre auf den Inseln oder bei Euch … Priestern so üblich .“
„ Ihr … Verzeiht, ich … “ stotterte Jo’quin. Sie schalt ihn, sprach immerhin Südländisch, war wütend, bloß weil er … Hätte er sich ihr doch zu Füßen werfen sollen? „ Es lag nicht in meiner Absicht, Herrin, Euch in irgendeiner Form zu kränken oder zu beleidigen .“
„Nee …“ Sie unterdrückte sichtlich ein Grinsen und musterte ihn neugierig. „ Aber wenn Ihr diese Anrede wiederholt, werde ich mich nicht mit Euch an einen Tisch setzen. Priester. “
Er verstand, glaubte zu verstehen, wenigstens das eine, und stellte sich hastig vor. Vermied es dabei tunlichst, sich angemessen tief zu verneigen. „ Jo’quin. Es ist mir eine große Freude und Ehre, Euch zu begegnen. “
„ Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Jo’quin .“ Und sie sprach seinen Namen perfekt aus! „ Mara I’Gènaija. Von Ogarcha, auch wenn das … inzwischen unerheblich ist. Meine Begleiter: Hauptmann Sandar Sadurnim und Hauptmann Davian “, stellte sie ihm die beiden Männer vor; der erstgenannte ein wirklich großer, wuchtiger Mann, der zweite jener grimmige Krieger, den er bereits im Tempel gesehen und vor dem ihn Kara wohl gerade gewarnt hatte.
„ Sehr erfreut “, murmelte er, überrascht, überrumpelt. So hatte er sich den Abend sicher nicht vorgestellt, am Tisch mit ihr und zwei Hauptmännern. Gardehauptleuten, den schlimmsten … den besten Kämpfern, die es in den Nordlanden gab.
„Kara, meine Liebe, bringst du uns auch ein Bier? Und für den Knaben hier eine Portion Eintopf mit ordentlich Speck“, wandte sich der größere Kerl an die Bedienung, bevor er sich dicht neben sie, Mara, setzte. Ihm gegenüber. Und sie betrachtete ihn noch immer aufmerksam, jetzt aber gar nicht mehr streng, sondern sehr interessiert. Neugierig. „ Ihr seid einer von den … ein Priester des Jägers, Jo’quin? “
„ Das ist richtig. “
„ Ihr seid aber nicht allein hier, oder? “
„ Das wisst Ihr doch, He… Mara. “
Sie lächelte, nickte bestätigend. „ Ich habe neulich drei von Euch im Tempel gesehen. “
„ Wir waren da, als der Namenlose aufgebrochen ist . Nicht alle Brüder, die derzeit in der Stadt weilen. Aber auch das … “ Er holte tief Luft, wappnete sich. „ Ihr lest meine Gedanken, Herrin .“
„ Das würdet Ihr an meiner Stelle ebenfalls tun, Jo’quin. Es treiben sich zu viele merkwürdige Gestalten in der Stadt herum, und nicht alle möchten bloß ein Bier mit mir trinken .“
Er nickte sacht, leckte sich die Lippen. „ Meint Ihr die Zauberer? Die sind nicht Euretwegen in Mandura. “
Wieder umspielte ein zartes Lächeln ihre Lippen; Jo’quin wurde klar, dass er bereits viel zu viel gesagt hatte, schwieg bedrückt. Sie trug diese Jacke, Lammfelljacke; nicht die Jacke seines Bruders, doch dieser sehr ähnlich. Und der Gedanke an seinen jüngeren Bruder, der vor wenigen Jahren ums Leben gekommen war, drückte ihm noch mehr aufs Gemüt.
Kara brachte die Getränke und für ihn auch einen Teller Suppe, stellte einen Korb mit frischem, knusprigen Brot in die Mitte des Tisches, dazu mit Kräutern vermengte Butter. Es duftete köstlich, und plötzlich verspürte Jo’quin Hunger, richtig Hunger, sein Magen knurrte.
* * *
Tessa hatte die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und starrte aus dem Fenster. Doch sie hätte nicht einmal sagen können, ob es erneut schneite oder bloß regnete, bereits dämmerte oder gar schon Nacht geworden war.
Seit sie an jenem Tag im Tempel am Altar gestanden und mit den anderen auf Reiks Aufbruch – sie weigerte sich, von ihrem Bruder als ‚der Namenlose‘ zu denken – gewartet hatte, fühlte sie sich niedergeschlagen und wie zerrissen. Aufgewühlt, launenhaft, sie … Oh, sie vermisste ihn! Weilte in Gedanken ständig bei Reik, folgte ihm auf seiner Suche. Gedanklich und auch nur eingebildet, sie konnte das nicht, aber … Konnte Mara das, ihm im Geiste folgen? Wusste sie, wo genau Reik war, was er tat, wie es ihm ging? Die Vorstellung, einem Menschen derart nahe zu sein …
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