Er schob die Arme unter Maras Armen und Beinen durch, hob sie hoch und stand auf. „Du solltest ins Bett.“
* * *
Leif Domallen, König von Mandura, wusste, seine Frau weinte, ihre Tränen tropften auf seine Brust. Ein eigentümlich tröstliches Gefühl. Ihr leises Schluchzen sehr verhalten, kontrolliert, und so legte er die Arme noch ein wenig enger um sie: Alina Sadurnim, seine Königin.
Leif erinnerte sich noch gut an ihre allererste Begegnung, auf dem weitläufigen Anwesen der Familie Sadurnim auf den westlichen Ebenen, seinen ersten Eindruck von ihr: eine wache, viel zu intelligente, sehr lebhafte junge Frau; er war sofort verliebt. Eigentlich war sie zu jung, denn er sollte König sein und die Verantwortung, die Bürde des Amtes wog schwer. Er musste sich entscheiden und wählte sie, nicht Lorana, die Frau, die ihm bereits einen Sohn und Erben geschenkt hatte, bereute diese Wahl nie.
Er hatte sich immer um ein gutes, einverständliches Miteinander mit den Menschen bemühte, geriet mittlerweile jedoch allzu oft mit seinem Sohn aneinander. Sein Zweitgeborener ging keiner Konfrontation aus dem Weg, schien diese geradezu zu suchen, ja zu provozieren.
Im Laufe der Jahre hatte er Fehler gemacht, natürlich, sie mehr als einmal enttäuscht und verletzt, und inzwischen suchte sie ihn nicht mehr so oft im königlichen Schlafgemach auf; er bat auch selten darum. Wohl aber diese Nacht, in der er … sie ihren gemeinsamen Sohn hergeben mussten.
Und ja, er genoss ihre Gegenwart, durchaus, ihren immer noch straffen, biegsamen Leib, das Gefühl ihrer langen, seidigen Haare auf seinem nackten Oberkörper, seinem Bauch, und fragte sich abwesend, ob sie wohl heimliche Liebhaber gehabt hatte, noch hatte – er wusste es tatsächlich nicht –, und legte die Hand auf sein Glied. Er bemerkte Alinas Reaktion, fast ein Kopfschütteln, dann legte sie ihre Hand auf seine, rutschte tiefer.
* * *
Mara hatte Davians Geschmack noch auf den Lippen, roch ihn an ihren Fingern und blinzelte ihn zufrieden an, die Ellenbogen auf seiner Brust abgestützt. „Meinst du, er hat uns gehört?“
„Les?“ Davian ließ eine Hand über ihren Rücken gleiten, die andere lag fest auf ihrem Hintern. „Vermutlich, laut genug war es ja. Wird ihn aber wohl nicht weiter interessiert haben, er hat Dienst.“
Les war wie Marten Gardist in Davians Einheit. Mara hatte Davian einmal gefragt, warum immer die zwei für ihren Schutz zuständig wären, und er erklärte, sie wären rücksichtslose Dreckskerle, wenn es zum Kampf käme. Sie würden sich nicht von einem kleinen Mädchen auf der Nase herumtanzen lassen. Außerdem sei er sich ziemlich sicher, dass weder der eine noch der andere etwas von ihr wolle. Wobei er einräumte, bei Les könne man sich da nie sicher sein.
„Aber …“, wandte Mara ein.
„Aber was?“
„Was denkt er jetzt? Von mir?“
„Ist das wichtig?“, fragte Davian nach. „Dass du eine ziemlich laute Stimme hast, ein unanständiges, verdorbenes kleines Mädchen bist und es gerade wild mit seinem Hauptmann getrieben hast, das wird er denken.“
Es war ein unangenehmer Gedanke, dass Les vermutlich genau wusste, was Davian und sie getan hatten. Aber ahnte sie denn, was Les sich für Vorstellungen von ihr machte, ohne irgendwelche Hinweise dafür zu haben? Was störte sie also daran, jeder machte sich Bilder, Vorstellungen. Vielleicht nicht so konkret und farbig wie Les, aber trotzdem. „Ich weiß nicht.“
Davian zupfte an einer widerspenstigen Locke, strich sie Mara hinters Ohr. „Was weißt du nicht, Zauberin?“
„Ich weiß einfach nicht, so viel passiert, so viele Dinge sind im Geschehen begriffen. Ich … bin unruhig. Der Unterricht fehlt mir, die Bewegung. Ich habe das Gefühl, ich müsste hunderte, tausende Dinge tun, stattdessen liege ich krank im Bett, untätig.“
„Sehr krank scheinst du mir aber nicht mehr zu sein.“
„Nein, nicht mehr.“ Mara erwiderte sein Grinsen, wurde aber gleich wieder ernst. „Meine Gedanken sind … wie verwirrt, als würde ich auf etwas warten. Ich warte tatsächlich, bereite mich vor, nur weiß ich nicht mal, auf was.“ Kläglich verzog sie das Gesicht. „Ich fühle mich miserabel vorbereitet. Etwas geschieht, geschieht jetzt!“
„Du meinst nicht die Suche?“
„Nein, das … weiß ich. Spüre ich. Sie versuchen zu schlafen, trotz der Kälte.“
„Erzähl mir mehr.“
„Es gibt nicht viel zu erzählen: Sie sind den ganzen Tag geritten, es hat geschneit, zwischendurch hat Reik versucht, ein Kaninchen zu fangen. Er sollte es lieber mit Fischen probieren, das ist einfacher.“
„Kann er wirklich nicht mehr … Hat die Hohepriesterin ihm tatsächlich die Stimme genommen? Auf welche Weise auch immer?“, wollte Davian wissen.
„Er darf nicht sprechen. Wie ein Schweigegelübde“, erklärte Mara. „Es ist Teil der Prüfung, der leichteste Teil.“
„Und der schwierige Teil?“
„Das … Ich war ja nie auf einer derartigen Suche. Die Zweifel, das, was sich in seinem Geist abspielt. Der Aufstieg auf einen feindlich gesonnenen Berg dürfte recht gefährlich werden. Und dann natürlich die eigentlich Suche, wenn er vor die Götter tritt.“
„Nackt, was um diese Jahreszeit Selbstmord ist.“ Davians Stimme klang düster.
„Nein.“ Mara schüttelte entschieden den Kopf. „Nicht, wenn er den Trank zu sich nimmt. Damit übersteht er mindestens einen Tag und eine Nacht schlafend in der Höhle, ohne zu Schaden zu kommen.“
Davian musterte sie skeptisch. „Du bist nicht vielleicht doch eine Priesterin, offenbar kennst du dich bestens aus?“
„Ich hatte Unterricht in Pflanzen- und Heilkunde. Und dieser Trank ist sehr stark in seiner Wirkung.“
„Trinkt die Priesterin … Réa auch davon?“
„Zwei, drei Schlucke.“
„Und was passiert dann?“
„Ich weiß es nicht“, gab Mara zu. „Nirgendwo in den Aufzeichnungen des Tempels oder im Archiv der Könige wird dieser Teil der Suche eines Winterkönigs beschrieben, lediglich einige formale Einzelheiten. Die Pilze und Krähenbeeren bewirken starke Halluzinationen und dann … Lorana sagt, der Jäger wird von ihm Besitz ergreifen, und was danach geschieht, hängt von Reiks geistiger Stärke ab.“
„Verstehe. Krähenbeeren werden auch in anderem Zusammenhang verwendet.“
„Ja.“ Mara nickte. „Aber so verschieden ist der Zusammenhang nicht.“
„Der Hauptgrund, warum die Hohepriesterin nur widerwillig ihre jungfräuliche Stellvertreterin geschickt hat. Der Grund, warum du in Sorge um deine Freundin bist. Ihr habt Angst, dass er, abgefüllt mit Drogen, über sie herfällt und sie vergewaltigt.“
„Das habe ich nicht gesagt!“
„Du hast genug angedeutet“, konstatierte Davian. „Verliert er wortwörtlich alles, wenn er versagt, Besitz, Rang, Privilegien?“
„Wenn er versagt, ist das alles nicht mehr von Bedeutung. Er würde nicht zurückkehren.“
„Und das sagst du so unbewegt, Mädchen? Du hast den Mann geliebt, liebst ihn möglicherweise …“
Hastig hielt Mara Davian den Mund zu, blickte ihn verzweifelt an. „Er wird nicht versagen!“
Davian zog sanft ihre Hand weg und nahm sie in den Arm. „Entschuldige, das war unnötig. Grausam.“ Abwesend streichelte er ihr Haar, schien in Gedanken weit weg. „Ich hasse es, das einzugestehen, aber ich bin neidisch … eifersüchtig auf den Kerl, und mitunter fühle ich mich ihm reichlich unterlegen. Dabei kann ich ihn an einem guten Tag sogar im Zweikampf schlagen.“
„Kannst du?“
„Aye, aber sieben von zehn Kämpfen gewinnt er, mit dem Schwert sogar neun von zehn. Ich kenne keinen, der mit dem Schwert eine ernsthafte Chance gegen ihn hätte. Vielleicht mal Jula, in einigen Jahren.“
„Oh.“
„Was?“, horchte Davian auf.
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