„Dann habe ich ihn an einem wirklich schlechten Tag kämpfen sehen. Er wurde verletzt.“
„In einem Zweikampf? Das muss allerdings ein ausgesprochen schlechter Tag gewesen sein. Was hat er gemacht, die Nacht davor durchgesoffen, mit drei Weibern im Bett gelegen?“
„Wie?“
Spöttisch lachend zog Davian sie wieder an sich. „Das war nicht ernst gemeint, Mara, du …“
„Hast du das mal gemacht?“, wollte sie wissen.
„Was, die Nacht durchgesoffen? Oder mit drei Frauen im Bett gelegen?“
„Das letzte.“
„Gar nicht neugierig. Nicht mit dreien, aber mit zweien.“
„Und?“, fragte Mara nach.
„Und was?“
„Wie war das? Mit zwei Frauen im Bett?“
Davian betrachtete sie eindringlich, der Ausdruck auf seinem Gesicht undeutbar. „Eng. Auf sehr angenehme Weise eng.“
„Verstehe. Ich war noch nie mit zwei Männern im Bett.“
„Das …“, Davian atmete sehr gleichmäßig, sehr bewusst, „… wundert mich jetzt nicht unbedingt. Aber mit zwei Frauen?“
„Nicht auf diese …“ Sie stutzte. „Du machst dich über mich lustig!“
„Ich bin vollkommen ernst.“ Nur sah er nicht so aus, grinste unterdrückt.
Sie redeten die ganze Nacht, über alles und nichts, ihn und sie. Von Leuten, die sie kannten, ernste und nicht so ernste Angelegenheiten. Kurz vor Morgengrauen ging Davian dann hinunter, um Tee zu machen.
Mara zögerte, ob sie ihm folgen sollte. In der Küche würde sie Les begegnen, und das … Ihren lächerlichen Bedenken zum Trotz stand sie auf, zog sich an und ging nach unten.
* * *
Es schien ein trockener, sonniger Tag zu werden, richtig schön, der Himmel weit, nahezu wolkenlos. Nachdem es die letzten drei Tage durchgehend geschneit hatte und empfindlich kalt geworden war. Er fühlte sich gut, ausgeruht, und verließ den kleinen, baufälligen Schuppen, ein Unterstand für Vieh: Schafe oder Rinder, in dem sie die Nacht verbracht hatten, fast mit ein wenig Bedauern. Atmete tief die kühle, frische Luft ein und half der Frau in den Sattel. Flüchtig dachte er daran, dass Gènaija keine Hilfe gebraucht hätte; es war ungerecht, die Frau brauchte seine Hilfe letztendlich doch auch nicht, und Gènaija … Er sollte nicht an sie denken, sollte sich auf sein Ziel konzentrieren.
Noch sechs, sieben Tage, wenn das Wetter hielt. Vermutlich zu optimistisch, zu zuversichtlich geschätzt, aber warum auch nicht. Bisher hatten sie nicht einmal richtig hungern müssen, hatte er immer Nahrung aufgetrieben. Beute erlegt. Und die Gesellschaft der Frau, die Nähe einer lebenden, warmen Person war tatsächlich angenehm. Wohltuend, noch hielt ihre Gegenwart die Geister und Dämonen auf Abstand.
Würde nicht so bleiben, er spürte ihre Einflüsterungen, ihr Drängen, sein Drängen ja jetzt schon. Noch war der Gipfel des Alten Berges jenseits der Baumwipfel weit hinter den ersten, schneebedeckten Höhen der Berge von Angarask nicht zu sehen, noch nicht einmal zu erahnen. Wenn sie dem Berg näher kamen, würde sein Einfluss, diese dunkle, unüberhörbare Stimme in seinem Geist immer lauter, präsenter werden, ihn bedrängen, ihn mit verführerischen Bildern und unerwünschten Visionen quälen und martern.
Das Geäst der blattlosen Baumkronen vor der grellen Helligkeit des Himmels glich schwarzer Spitze. Sie hatte zur Mittsommernacht ein Kleid aus Spitze getragen, rote Spitze auf ihrer blassen Haut. Er erinnerte sich, der Duft ihrer warmen Haut, seine Fingerspitzen auf ihrer nackten Haut, als er die Schleifen und Bänder gelöst, ihr dieses kostbare Gewand vom Leib gestreift … der Anblick ihrer Brüste, und er glaubte erneut ihren raschen Herzschlag unter seinen Lippen zu spüren, biss die Zähne zusammen. Er wollte, sollte jetzt nicht daran denken! Nicht an sie, Gènaija, die er verloren hatte, die einen anderen heiraten würde. Er krampfte die Finger um die Zügel seines Pferdes. Sollte nur an sein Ziel … Aber der Gedanke machte ihn rasend, die Vorstellung, dass dieser verdammte Davian sie … dass er mit ihr … Sie gehörte ihm!
Er schrie fast auf, hatte unwillkürlich das Pferd angetrieben, doch wozu? Fort von ihr? Er sah den Weg vor sich, diesen leuchtenden, verlockenden Pfad, der ihn immer tiefer in die Wälder führen würde, immer höher hinauf in die Berge. In die Irre?
Vielleicht war es nur ein fragender Laut der Frau, die gleich ihm nicht sprach, der ihn innehalten ließ, vielleicht auch bloß ein Windstoß, irgendein Geräusch. Es war unwichtig, er verlor jenen anderen Pfad aus dem Blick und wandte sich seinem ureigenen Weg zu.
Dem Weg zum Alten Berg, diesem feindseligen Koloss aus Fels und Stein, aus Schnee, Eis und Kälte. Seine Zukunft, die ihn zu Tod und Verderben, die in den Krieg führen würde. Winterkönig, er schmeckte Blut.
* * *
‚Sie, die über die Schlachtfelder wandelt, gekleidet in zerrissene schwarze Schleier, gekrönt von einem Kranz blutroter Dornen …‘
Warum musste Jo’quin immer daran denken, wenn er die junge Frau sah? Nicht oft, viel zu selten. Sie war jung, so herzergreifend jung, schmerzhaft schön.
Das erste Mal hatte Jo’quin sie im Tempel gesehen, neben diesem harten, grimmigen Bewaffneten, unerreichbar. Zuvor hatte er lediglich von ihr geträumt, heftigst geträumt – es hielt sich das hartnäckige Gerücht, seine Priester lebten enthaltsam; nur ein Gerücht, denn auch sie liebten, begehrten. Hatte sich stöhnend auf seinem Lager gewälzt.
Sie hatte gesungen, als er, der Namenlose, aufgebrochen war. Der Klang ihrer Stimme hatte Jo‘quins tiefstes Inneres berührt.
Oh ja, er verstand das Prinzip dieser Prüfung, erkannte nur zu gut, was dahinter steckte. Natürlich, er war ein Priester des Jägers und die geistige Suche eines Priesters gestaltete sich in ähnlicher Weise, war allerdings weniger aufwändig.
Und der Mann an ihrer Seite? Ein Krieger, krank im Herzen, in der Seele, der leiden würde ob seines Hochmuts, unwissend und blind bei einer Göttin zu liegen. Jo‘quin würde ohne zu zögern, ja mit Freuden mit ihm tauschen. Er suchte, sehnte sich nach ihr, wollte ihr nur zu gern erneut begegnen, ihrer Stimme lauschen, sich an ihrem Anblick ergötzen. Sich in Ekstase mit ihr vereinen, aber das wagte Jo’quin nicht einmal zu denken. Der Krieger, ihr Streiter, würde ihn erschlagen, bevor er auch nur die Hand gehoben hätte, ihren Leib zu berühren, aber selbst das … Ihr nahe sein.
Die Menschen waren so ahnungslos, so unerträglich dumm! Und er selbst … eidbrüchig, sein nutzloses Leben verwirkt, weil er sie begehrte, sie anbetete, schon bevor er ihr auch nur begegnet war. Ahnte, wusste sie denn von seinem Opfer, hatte sie ihn überhaupt bemerkt an jenem Tag? Aber er sollte, er wollte nicht an ihr zweifeln, sollte sie mit jedem Atemzug, jedem seiner Gedanken wertschätzen und preisen. Bis er es Wert war, den Staub zu küssen, den ihre Sohlen berührt hatten – Jo’quin lachte harsch, es verlangte ihn nach weit mehr, sehr viel mehr.
Wie getrieben sprang er auf und verließ die karge Unterkunft, trat hinaus in den Schneeregen, den beißenden Wind. Streifte durch die Gassen und Straßen dieser so lebendigen Stadt, wohl ahnend, dass er sie nicht treffen würde. Es dämmerte bereits, war kalt, und die Menschen zog es in die Wärme und den Schutz ihrer Häuser. Auch Jo’quin betrat, angelockt von dem warmen Licht, das durch die kleinen Butzenscheiben auf seinen Weg fiel, eine der zahllosen Schenken. Es gab etliche hier, diese kannte er allerdings noch nicht. Nicht die lauteste, billigste, wie ihm schnell klar wurde. Die Bedienung, eine nur mäßig offenherzig gekleidete Frau, nickte ihm grüßend zu und wies auf einen Tisch.
Jo’quin nahm Platz, schob die Kapuze zurück und schaute sich unauffällig um; er sollte die Gäste, fast ausschließlich Männer, nicht neugierig anstarren.
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