„Warum erregen dich solche Fotos bloß?“ fragte sie und warf zornig eins der Hefte an die Wand. Sie heulte los und er tröstete sie. Dabei entdeckte er frische wulstige Narben, die von Schnitten stammen mussten, die sie sich in den letzten Wochen, zugefügt haben musste. Aggressiv riss sie den Arm weg, als wolle sie nicht, dass er sich das ansah. Aber nach einer langen Tröstphase wollte sie sogar, dass er die Narben küsste. Angeekelt legte er seinen Mund darauf. Sie steigerten sich in ein Vorspiel, bis sie flüsterte: „Du tust mir weh“ und sich wegdrehte. Enttäuscht knetete Peter ihre Brust. Als auch noch der Kater fauchte, war er den Tränen nahe. Er richtete sich auf und wollte sich aus dem Zimmer schleichen, als Beate rief: „Nimm bloß deine Hefte mit!“
Er überquerte den Hof. In seiner Wohnung schaltete er den Fernseher an, öffnete ein Bier und onanierte zu allem Weiblichen, was die Pornos hergaben.
Sabrina und Gogo zogen um. Peter hatte überhaupt keine Lust zu helfen, denn sie beabsichtigten ihre Ledersofagarnitur mitzunehmen.
Er kam absichtlich viel zu spät. Um abgehetzt zu wirken, nahm er immer zwei Stufen auf einmal. Als er eintrat, hockten jedoch, zu seinem blanken Entsetzen, alle noch auf dem Küchenboden, tranken gemütlich Tee und verzehrten Marmeladenbrote. Was ihn aber richtig aufbrachte, war die Tatsache, dass Beate auch da war. Sie warf ihm einen abschätzigen Blick zu und er ihr einen strafenden zurück.
„Ah hi“, grüßte er eingeschnappt die Runde. Ramona saß neben Beate und neben ihr saß Lise, alle drei im Schneidersitz. Lise war wie Ramona eine Exfreundin von Gogo, noch aus Schulzeiten. Sie erwiderte rotzig: „Mann endlich, wird aber auch Zeit, dass du kommst.“ Ihr rotes Haar glühte.
‚Was für eine Klickenwirtschaft‘ dachte Peter, lehnte sich salopp an den Herd und stammelte, dass er eine schwere Nacht gehabt hätte und um schlechte Laune zu verbreiten, berichtete er von seinem Erlebnis in der U-Bahn: „Da lag eine Drogenfrau in der Station am Kotti. Sie wirkte ohnmächtig oder tot und hatte eine Spritze zwischen ihren Beinen hängen. Konnte man sehen, weil ihr Minirock hochgerutscht war. Dann kamen Wachdienstleute und plötzlich hat sie einem von ihnen voll die Spritze ins Bein gerammt.“ Gogo lachte sarkastisch.
„Das ist ja schrecklich“, kommentierte Ramona und nahm die Sache zum Anlass noch eine Zigarette zu drehen. Wie Beate hatte sie an ihrem Handgelenk einen kleinen gestrickten Beutel hängen, der das Geld und den Tabak enthielt.
„Dann wollen wir mal“, kommandierte Sabrina schließlich, „Gogo holt den Pritschenwagen und wir tragen schon mal alles nach unten.“
Sie hievten Bücherkisten, Geschirrkisten, zwei Kommoden, Stühle, Koffer, Tische und ein Bett auf die Straße. Die Ledersessel ließen sie die Treppen hinterrutschen.
Als Gogo mit dem gemieteten Wagen zurückkam, luden Sabrina und die anderen Frauen die Sachen auf und Peter und Gogo wuchteten das Sofa runter. Es passte nur um die Ecken des Hausflurs, wenn man es an einer Seite aufrichtete. Anschließend hieß es auf einmal: der Küchenschrank, ein angebliches Erbstück von Sabrinas Oma, müsse auch noch mit. Peter war vollends bedient.
Sabrina, Ramona und Gogo fuhren mit im Laster in die neue Wohnung, die im Hinterhaus des letzten Hauses in der Selchower Straße in Neukölln lag. Beate, Lise und Peter nahmen die U-Bahn. Lise plauderte über ihr Medizinstudium, das sie wegen des Numerus Clausus, in Italien angefangen hatte. Nach der Zwischenprüfung war sie nach Berlin gekommen. Beate lief vor Eifersucht rot an.
Sie asteten alles in den zweiten Stock. Das Sofa passte nicht durch den Hausflur und musste auf der Straße stehen bleiben.
Sabrina räumte eine Geschirrkiste aus, stellte Bier hin und schmierte Schmalzbrote.
Gogo plusterte sich auf und führte die Frauen herum. Mit einer Hand zwirbelte er seine dunklen Locken, mit der anderen veranschaulichte er tückische Renovierprobleme und wie sie sie gemeistert hätten. Vom schattigen Hof dudelte arabische Musik herauf.
Als Beate mit Ramona tuschelte, fragte Peter Lise, ob sie beim Studium auch mit Leichen hantieren müsse. Sie nickte und ihr schmaler, kirschroter Mund wurde etwas dicker. Sie fragte, warum er sich dafür interessiere.
„Keine Ahnung, als Künstler vielleicht“, antwortete Peter unsicher, „oder weil ich mich gerade mit dem ‚Nichts‘ beschäftige. Ich habe noch nie einen toten Körper gesehen und das finde ich nicht richtig. Der Tod gehört zu unserem Alltag, aber ich fühle mich davon abgeschirmt.“ Lise lachte kratzig auf.
„Komm mich doch mal in der Pathologie besuchen. Ich frag‘ mal, ob Gäste erlaubt sind. Aber ich denke, das ist okay.“ Sie schrieb ihm ihre Telefonnummer auf.
„Ich hab‘ gehört, ihr wollt eine Band aufmachen“, wechselte sie das Thema.
„Dieses Projekt steckt noch in den Kinderschuhen“, sagte Peter.
„Vielleicht kann ich ja bei euch singen. Ich habe leider nicht allzu viel Zeit, aber ab und zu mal, fände ich das toll“, sagte sie. Beate und Ramona unterbrachen ihr Gespräch und starrten sie an, als wäre sie ein Zombie.
„Warum nicht“, sagte Peter belustigt.
„Super. Ich geh‘ dann mal“, rief sie und sprang auf. Gogo brachte sie raus.
„Sie hält es nirgends länger aus als nötig“, sagte er, als er wiederkam und Beate bekräftigte, dass sie auf keinen Fall in der Band singen wolle, wenn Lise auch mitmache. Worauf Peter von der Chance sprach, durch Gastmusiker viel lernen zu können, was Beate vollends auf die Palme brachte. Ramona, die einen Streit verhindern wollte, muckierte sich, dass sie zwar Schlagzeug spielen wolle, aber keins hätte. Die Übungsraumsuche wäre ja wohl bisher auch erfolglos gewesen.
„Es hatt' sich ja auch niemand darum gekümmert“, mischte sich Gogo ein.
Beate und Ramona brachen auf. Sabrina kommandierte Gogo in die Küche ab, um weitere Kisten auszuräumen. Peter hatte sich in einen der unendlich tiefen und unendlich unbequemen Sessel fallen lassen, wo er die Arme, um sie auf die Lehne zu bekommen, fast ausrenken musste. Sabrina überraschte ihn mit der Frage, ob er mit ihr ins Kino gehen wolle.
„Hm“, stutzte er, „was für ein Film denn?“
„Was Erotisches!“ sagte sie und zog eine Strickjacke über ihr ärmelloses T-Shirt.
„Nur wir beide?“ fragte er mit faltiger Stirn.
„Was ist schon dabei?“ sagte Sabrina. „Gogo geht doch auch mit anderen Frauen aus. Wir sind da ganz tolerant.“
„Trotzdem komisch, wenn wir zusammen in einen Sexfilm gehen“, sagte er.
„Ach, zier dich nicht. Ich mein ja kein Porno“, erwiderte sie. „Schräge erotische Filme machen mir Spaß. Mein Lieblingsfilm ist ‚Deep Throat‘. Den hab ich schon drei mal gesehen. Ist echt fun. Gogo hat mir erzählt, dass du letzte Woche ‚Im Reich der Sinne‘ warst.“
Es stimmte, er hatte bis spät Thomas von Aquin gelesen und war dann, um abzuschalten, in ein nahe gelegenes Off-Kino gegangen.
Er versprach sich die Sache zu überlegen.
Als der Wecker um halb 8 klingelte, konnte Peter es nicht fassen. Er quälte sich aus dem Bett, machte sich fertig und verfluchte Vorlesungen, die um 9 anfingen.
Im U-Bahnhof Karl-Marx-Straße wurde träges, ja kriechendes, grünliches Licht von gelbgrünen Kacheln reflektiert. Plakatwände zeigten Baumarktwerbung, Zigarettenwerbung, Zahncremewerbung. Er überflog die Schlagzeilen der Zeitungen am Kiosk. Mäuse rannten vor einer einfahrenden Bahn davon. Gedränge. „Zurückbleiben.“ Er las einige Zeilen in Goethes ‚Wahlverwandtschaften‘. Aber: einer stank bestialisch nach Fäkalien, eine schrie betrunken und zahnlos, ein Kind ließ ihren Keks fallen, kriegte dafür eine gescheuert und schrie wie am Spieß.
Steinert war in eine WG in der Zossener Straße gezogen. In der anderen Wohnung hatte er es keine fünf Monate ausgehalten. Natürlich hatte Peter geholfen. Er hatte davon zwei Tage Muskelkater gehabt, da Massen von Bücherkisten aus dem vierten Stock in den vierten Stock gebracht werden mussten.
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