„Und was … geschah mit ihm?“
„Er wurde zum Tode verurteilt.“
„Wie?“
„Das willst du nicht wirklich wissen, Süße, glaub mir“, gab Sina zurück.
„Doch, will ich.“
„Aber ich werde es dir nicht sagen, schon gar nicht hier unten. Außerdem wirst du, wie ich dich kenne, noch heute damit anfangen, die Tempelgesetze zu studieren. Dann erfährst du es sowieso.“
„Also könntest du es mir ebenso gut sagen“, beharrte sie. „Bitte, Sina.“
„Nein, Süße. Ich werde doch deinen Hang zu Grausamkeiten nicht auch noch fördern.“
„Was soll das heißen?“ Wütend funkelte sie Sina an, die sich gänzlich unbeeindruckt zeigte.
„Du redest für meinen Geschmack ein wenig zu oft und auch ein bisschen zu begeistert von Blut und Tod, vor allem vom Tod anderer Menschen. Und jetzt geh weiter, Réa ist sicher schon an der Treppe.“
Missmutig hastete Mara hinter ihr her. Sie wollte nicht im Dunklen zurückbleiben, stapfte ärgerlich die Treppe hinauf. Was sollten plötzlich diese Vorwürfe? Was hatte sie Sina getan?
Réa wartete am oberen Ende der Treppe, blickte in das letzte Licht des Tages hinaus. Mara wunderte sich, dass so viel Zeit verstrichen war, seit sie die Gewölbe betreten hatten. „Willst du nicht mehr mitkommen, Réa?“
„Warum wartest du nicht bis morgen, Mara, es wird schon dunkel?“, erinnerte sie die Priesterin.
„Da unten ist es ohnehin dunkel.“
„Ja, aber … Bist du denn nicht müde?“
„Nicht besonders. Was ist los, Réa? Du willst nicht, dass ich hinunter gehe, stimmt's?“
„Mir ist unwohl bei dem Gedanken, nach Sonnenuntergang dort unten zu sein, und du … Ach, egal, wir werden ja doch nicht weit kommen.“ Mit diesen Worten wandte Réa sich um und stieg als erste die Treppe hinab, die genauso lang, düster und feucht zu sein schien wie die auf der linken Seite.
Unten, gleich gegenüber dem Treppenabsatz, befand sich ebenfalls ein kleiner Raum für die Wache. Rechter Hand führte ein Durchgang tiefer in das eigentliche Gewölbe hinein. Es gab einen weiteren Raum für Wächterinnen, größer als der vorherige, die Tür war nicht verschlossen.
Dann verengte sich der Gang, sie konnten nur noch hintereinander gehen und mussten aufpassen, dass sie sich nicht die Ellenbogen an den rauen Felswänden stießen. Irgendwann begann sich der Boden zu neigen. Von der Decke tropfte Wasser, das sich in Pfützen sammelte. Ein Geruch nach schalem, abgestandenem Wasser, nach Moder lag in der Luft, und nach noch etwas anderem, seltsam und metallisch.
Plötzlich bog der Gang abrupt nach links ab. Noch immer war es sehr eng, die Wände glitzerten feucht. Mara fröstelte und versuchte, nicht an die Felsmassen zu denken, die sich über ihrem Kopf auftürmten, sie von allen Seiten bedrängten. Ihr Atem hatte sich in ein gehetztes Keuchen verwandelt. Wieder bog der Gang scharf nach links ab. Rechts öffnete sich ein weiterer Durchgang, der wiederum zu einer steilen Wendeltreppe führte, deren oberes Ende sich im Dunkeln verlor, jedoch einen Schwall frischerer Luft heranführte, welcher die Fackeln im Luftzug aufflackern ließ.
Wenigstens war der Gang hier breiter, nicht mehr so bedrückend eng, führte aber noch immer tiefer nach unten. Es folgte eine weitere Linkskehre, dann endete der Gang an einer kleinen, leeren Kammer.
Verblüfft sah Mara Réa an, die mit hochgezogenen Schultern vor ihr stand, drehte sich um und untersuchte eingehend die rechte Wand des Ganges. Es dauerte nicht allzu lange, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte: eine Tür, exakt und nahezu fugenlos in den umgebenden Fels eingepasst, kaum von der Wand zu unterscheiden.
Zufrieden lächelte sie vor sich hin. „Hältst du bitte die Fackel etwas höher, Sina?“
„Natürlich, aber wonach suchst du eigentlich?“, wollte ihre Freundin wissen.
„Nach dem Schlüsselloch.“
„In der Wand?“
„In der Tür“, erklärte Mara.
„Welche Tür?“, fragte Sina verwirrt.
„Du stehst direkt davor. Aber du siehst sie doch, Réa?“
„Ich sehe sie, aber nur, weil ich schon einmal hier war. Das Schlüsselloch befindet sich in der Nähe des Bodens, dort, wo die beiden Türflügel zusammenstoßen“, gab Réa Auskunft.
„Danke.“ Mara ging in die Hocke und tastete leise schimpfend nach dem Schloss. Natürlich musste sich genau vor der Tür eine tiefe Wasserlache befinden! Immerhin passte der Schlüssel und Mara stemmte sich gegen die Flügel, die sich schließlich rumpelnd öffneten.
Es roch durchdringend nach Staub. Und wieder nahm sie diesen metallischen Geruch wahr, fast wie der Geruch nach Blut. Doch vielleicht bildete sie sich das nur ein.
Hinter der Tür führte ein Flur sofort wieder nach rechts. An seinem Ende befand sich einmal mehr ein Raum für Tempelwächterinnen, um die Ecke öffnete sich der Flur in einen weiten Raum, fast eine Halle. Auf der gegenüberliegenden Seite lag ein weiterer Raum. Er war ebenfalls recht groß und bis auf steinerne Bänke und Liegen an den Wänden komplett leer.
„Was ist das für ein Raum?“, fragte Mara.
„Er dient … diente der Vorbereitung der Priesterinnen auf die Rituale im Tempel“, erläuterte Réa. „Jedenfalls hat Lorana das erzählt, als sie mit mir hier unten war.“
Der Geruch wurde immer intensiver, schien von der gewaltigen Tür her zu kommen, welche die östliche Wand der Halle beherrschte. Merkwürdigerweise behaupteten Sina und Réa, nichts zu riechen, als Mara sie danach fragte. Aber sie roch etwas, war sich fast sicher, dass sie Blut roch, geronnenes, altes Blut, und dass der Geruch aus dem Raum hinter der Tür kam, dieser Tür, die drohend vor ihr empor ragte, gewaltig, unüberwindlich, undurchdringlich. Eine Tür, die sie und jeden anderen Menschen verhöhnte und verlachte, denn sie hatte kein Schloss, keine Klinke und auch keinen Riegel oder Griff. Eine Tür, die sich nicht öffnen ließ!
Mara schob und drückte, keuchte vor Anstrengung, doch nichts geschah. Wütend schlug sie gegen die Türflügel. „Verdammter Mist, geh schon auf!“
„Du solltest hier nicht fluchen, Mara“, mahnte Réa.
„Wieso nicht? Liegt hinter dieser dummen Tür etwa ein Tempel? Auf der anderen Seite, hinter einer Tür, die gar keine Tür ist! Ich will da hinein und ich werde da auch hinein kommen, weil ich es will! Habt ihr gehört? Ich werde durch diese Tür gehen, ich will es so!“
„Mara, beruhige dich, und schrei nicht so herum“, bat Réa.
„Hast du Angst, die Decke könnte einstürzen?“ Sie lachte, es wäre zumindest einen Versuch wert.
Behutsam legte sie die Hände auf beide Türflügel, begann leise zu summen, veränderte die Tonhöhe, bis sie eine leichte Vibration spürte. Als würde die Tür vor Angst zittern.
Wieder lachte sie, lauter diesmal. Was für einen Unsinn trieb sie eigentlich? Und dann sprach, oder besser, rief sie die Worte, in der gleichen Tonhöhe, welche die Tür zuvor hatte vibrieren lassen, in einer Sprache, von der sie nicht wusste, dass sie sie überhaupt kannte. „ Ich will es so! “
Krachend barsten die Türflügel auseinander, als hätten die gewaltigen Fäuste von Riesen sie aufgestoßen.
Mara lachte, erfreut und zugleich überrascht. Sie hatte nicht wirklich geglaubt, dass ihre Taktik funktionieren würde. Von dem aufsteigenden Staub musste sie husten.
Jetzt war es Sina, die laut fluchte. „Oh heilige Kacke, das ist doch überhaupt nicht möglich! Verdammt, Mara, was hast du getan?!“
„Die Tür geöffnet.“
Réa hatte es die Sprache verschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie immer wieder von Mara zur Tür.
Dahinter, im Tempel, im Tempel unter dem Tempel, wie Sina ihn genannt hatte, war es dunkel. Das unruhig flackernde Licht der Fackeln erhellte nur ein kleines Stück des Bodens jenseits der Türöffnung.
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