„Wer ist Ludeau?“, fragte Sina irritiert.
„Unwichtig, er hat mir einmal sehr wehgetan. Jedenfalls ist er tot. Und ich habe geträumt, auf Ogarcha. Vermutlich würde Lorana es eine Vision nennen. Jedenfalls habe ich geträumt, von einem Wolf gejagt zu werden. Nicht das erste Mal, dass ich davon träumte, aber dieses Mal hat er mich erwischt und mir die Kehle aufgerissen, ich konnte spüren, wie mein Blut an mir herabfloss, wie ich verblutete. Ich sah mein eigenes Sterben, verstehst du, und Reik hat mir dabei zugesehen!“
Sina schüttelte verwirrt den Kopf. „Wieso Reik?“
„Er war bei mir, als ich träumte, er stand vor mir, ich nahm seinen Geruch wahr und wollte weg. Aber ich konnte mich nicht rühren und plötzlich träumte ich, Reik war der Wolf, und er war es, der mich tötete. Er sagte, es hätte ausgesehen, als hätte mir ein Tier die Kehle zerfetzt. Er hat das Blut gesehen, mein Blut. Er war vollkommen durcheinander.“
„Du meinst, er hat deinen Traum gesehen, aber nicht … Er hat nicht gesagt, dass er selbst dieser Wolf in deinem Traum war, dass er es nur miterlebt hat, sozusagen als Beobachter?“, fasste Sina zusammen.
„Genau“, bestätigte Mara.
„Aha. Und was soll das bedeuten?“
„Ich weiß es nicht. Es war … es war so ein merkwürdiges Gefühl, ich war die Beute, sah … beobachtete mich selbst … Und der Jäger … ich hatte entsetzliche Angst, konnte mich nicht mehr bewegen, ihn nur anstarren. und doch … Alles erschien mir so einfach , als gäbe es keinerlei Zweifel mehr, nur die Gewissheit, sterben zu müssen, jetzt, es war … endgültig, und in dem Augenblick, in dem winzig kurzen Moment, bevor ich starb, erlebte ich ein Gefühl von … Ekstase.“
„Du … Mara, Schatz, du hast … oh, Ihr Götter!“ Sinas Stimme klang wie ein Stöhnen, beinahe wie ein Flehen. Plötzlich richtete sie sich abrupt auf, zog Mara ungestüm an sich und küsste sie, gierig und zugleich überaus zärtlich und sanft. Dann bedeckte sie Maras Körper mit Küssen. Mara wand und bog sich ihr entgegen, damit Sina keine Stelle ihres Körpers ausließ.
Die Sorge war unbegründet, Sina ging ausgesprochen gewissenhaft vor. Es war vollkommen anders als mit Anella. Aber Sina war eben nicht Anella. Sie war eine erwachsene Frau, eine erfahrene Frau, und sie wollte Mara, wollte ihren Körper. Und sie wusste genau, was sie tat, was sie mit ihr tat, und sie tat es so gut!
Mara lachte auf, atemlos vor geradezu wilder Freude, nur um gleich darauf vor Lust zu stöhnen und danach alles gleichzeitig. Aber vielleicht war es auch Sina, vielleicht war sie auch einer Ohnmacht nahe, weil sie wieder einmal viel zu schnell atmete, doch sie konnte und wollte nicht damit aufhören, weil es so schön war.
Nur langsam beruhigte sich Maras Atem, während sie ihren vom Schweiß feuchten Körper an Sinas drückte, träge vor gesättigtem Verlangen, schwer vor Müdigkeit. Sie spürte, wie Sinas Arme sie umschlangen, nahm den leichten Duft ihres Schweißes wahr, schmeckte ihn salzig auf ihrer Haut. Sie hörte Sinas Herzschlag, konnte ihn unter ihren Fingerspitzen auf ihrer Brust fühlen.
„Schläfst du schon, Süße?“
„Hm … fast.“
„Es geht dir doch gut?“
„Ja … sehr. Und dir?“
„Auch, wirklich“, bestätigte Sina. „Obwohl ich nicht damit gerechnet habe, dass du in meinen Armen ohnmächtig wirst.“
Mara grinste, was sollte sie dazu sagen? Dass es Reik ähnlich ergangen war?
„Du bist entzückend, Süße … meine süße, kleine Zauberin, meine Göttin.“
Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief Mara ein. Im Halbschlaf bemerkte sie wenig später, wie Sina leise aufstand, sich ankleidete und das Zimmer verließ.
Als Mara benommen den Kopf hob, stand die Sonne schon hoch am Himmel, es regnete ausnahmsweise nicht. Sie verspürte Hunger, also stand sie eilig auf und suchte ihre Sachen zusammen. Waschen und richtig anziehen konnte sie sich auf ihrem Zimmer. Das Frühstück hatte sie verpasst, doch Bes würde in der Küche sicherlich noch etwas für sie haben. Bes hatte immer etwas zu essen für Mara.
(84. Tag)
Kapitel 6 – Der untere Tempel
Müßig schaute Tessa aus dem Fenster, über den dunstigen Hang hinweg auf die Silhouette der Stadt. Immerhin besser als der regennasse Palasthof, dieser Anblick war dann doch zu trübselig, langweilig geradezu. Dann lieber der Blick über die Hauptstadt, die wie geduckt, wie an den Boden gepresst unter den niedrig hängenden Wolken lag. Sie übertrieb, die Beschreibung passte so gar nicht; ‚Samala Elis‘ und ‚gepresst‘. Doch eine bessere fiel ihr nicht ein.
Seufzend stützte sie das Kinn auf die Hand, vergaß den Bogen mit den Kritzeleien vor sich – was sollte das eigentlich darstellen? – und ließ die Gedanken wandern. Heraus aus den schützenden Mauern und dann durch das gewaltige Nordtor hinaus in Richtung Saligart, ihrem Bruder entgegen. Sie wusste nicht, wann Reik zurück sein wollte, heute, morgen, in den nächsten Tagen, aber sie freute sich auf ihn. Sie ertrug es nur schwer, wenn er so lange fort blieb, sie spürte stets eine merkwürdige Unruhe in sich, fühlte sich immer ein bisschen … Nicht zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, ihn einfach zu begleiten, mit der Garde reiten. Innerlich musste sie lachen: der Traum eines jeden Jungen in Mandura. Doch darum ging es ihr nicht. Bloß um die Gesellschaft, die Nähe und Gegenwart ihres Bruders.
Und sein Zweiter hieß Gerol, der andere Len, schnell ergänzte sie die Angaben auf dem Blatt, überlegte. Sandars Zweite, hm, der eine Lokar oder Lokan, sie wusste es nicht genau, vielleicht sollte sie Sandar fragen. Oder Guy. Aber Guy war in Hauptmann Ladrus Einheit und nicht dessen Zweiter. Guy war zuvorkommend und freundlich, ganz anders als die meisten Gardisten, nicht so steif und unnahbar. Und vor allem nicht so einschüchternd und barsch wie der Hauptmann, der nahe der Tür stand. Hauptmann Davian. War der nicht gestern schon hier gewesen? Vor dem hatte sie tatsächlich etwas Angst, obwohl sie mit dem Mann überhaupt nichts zu tun hatte und nie haben würde.
Sie und ein Gardehauptmann: der Gedanke war geradezu absurd. Und doch gar nicht so abwegig, denn Lucinda würde bald einen Gardehauptmann heiraten, ihren Vetter Sandar; es existierte schon lange ein Vertrag zwischen den Familien. Tessa könnte sich durchaus vorstellen, Sandar zu heiraten, doch der war ja schon vergeben. Sie konnte ihn gut leiden. Er war vielleicht etwas zu groß für sie, aber schließlich war sie deutlich größer als Lucinda. Und womöglich war sie ein bisschen zu nah mit ihm verwandt, ihre Mutter war die Schwester seines Vaters.
Wieder betrachtete Tessa das vor ihr liegende Blatt. Gettis Zweite kannte sie wirklich nicht mit Namen, Lucinda sicher auch nicht, und Hirons Zweite? Ob Ondra die Namen wusste, immerhin war Hiron doch ihr Bruder, einer ihrer Brüder. Aber Ondra hatte sich nie sonderlich für die Garde und deren Belange interessiert, schon damals nicht, und … Tessa konnte den Gedanken nur schwer ertragen, dass ihre Base damals nicht Reik, sondern Leif geheiratet hatte. Sie spürte wieder die alte Wut und Enttäuschung … Obwohl sich ihre Enttäuschung in Grenzen gehalten hatte. Nur wegen einer Feier, die ihr entgangen war? Es hatte dann ja doch eine Feier gegeben, und insgeheim war sie ganz froh, ihren Bruder noch etwas länger für sich zu haben.
Tessa unterdrückte ein Kichern: Als hätte sie Reik jemals für sich gehabt. Himmel, er war ihr Bruder! Sie starrte weiter angestrengt auf das Blatt Papier mit ihren Eintragungen. Wozu überhaupt notierte sie die Namen der Hauptleute der einzelnen Gardeeinheiten, darunter auch noch die Namen der jeweiligen Zweiten? In ein, zwei Fällen gab es sogar drei Zweite, wer hatte ihr das eigentlich erzählt? Aber sie ordnete nun einmal gern die Dinge um sich herum, schrieb auch gern, hatte das immer gemocht ...
Читать дальше