„Beurteilungen der Priesterschülerinnen. Willst du sie lesen?“
„Nein, das geht mich nichts an“, wehrte Mara ab. „Und wie ich ihr Verhalten sehe, weiß ich ja.“
„Überaus kritisch“, befand Sina.
„Hat Milla sich bei dir beklagt? Ihr gefällt nicht, was ich gesagt habe. Sie meint, weil ich mit ihr befreundet bin, müsste ich alles, was sie tut, in einem milderen Licht sehen. Aber das wäre unehrlich.“
„Ich weiß.“ Sina setzte sich zu ihr. „Allerdings ist ‚überängstlich, zaghaft und viel zu vorsichtig’ wirklich ein recht hartes Urteil, auch wenn ich dir im Kern zustimme. ‚Vorsichtig und nicht bereit, ein unnötiges Risiko einzugehen’ klingt viel netter, diplomatischer.“
„Das ist aber nicht das gleiche“, begehrte Mara auf. „Und wenn ihr meine Meinung nicht gefällt, warum fragt sie dann überhaupt? Sie kennt mich doch, ich bin nicht diplomatisch und meistens nicht einmal nett.“
„Ach Mara, nimm dir das doch nicht so zu Herzen. Wollte Milla Tempelwächterin werden, würde ich ihr ebenfalls nahelegen, sich das noch einmal sehr gründlich zu überlegen, weil es meiner Meinung nach völlig falsch wäre. Aber sie wird zur Priesterin geweiht und muss nicht mit einem Schwert umgehen können. Dafür kann sie mit Menschen umgehen, wenn sie auch mitunter noch etwas schüchtern ist, und sie kann singen.“ Sina kam um den Tisch herum, ging vor Mara in die Hocke und ergriff ihre Hände. „Mara, meine Süße, es geht nicht nur um Milla, stimmt's nicht? Oder um Réa, mit der du dich ja wohl heute Nachmittag gestritten hast, oder worum auch immer. Was ist wirklich los, Süße, willst du nicht darüber reden?“
Mara senkte den Kopf, biss sich auf die Lippen und vermied es, Sina anzusehen. Sie hätte Sina nur zu gern ihr Herz ausgeschüttet, doch wenn sie jetzt anfing, würde sie anfangen zu weinen, und das wollte sie auf keinen Fall. „Sina?“
„Ja?“
„Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?“, fragte sie leise.
„Ja, klar, kannst du.“
„Danke.“ Verzagt lächelte Mara sie an.
Sina blickte ihr ernst ins Gesicht. „Du musst dich nicht bedanken. Hast du geglaubt, ich würde nein sagen, da du hier schlafen willst, weil du dich einsam fühlst, und nicht, weil du vor lauter Verlangen nicht mehr still sitzen kannst?“
„Eigentlich nicht, nein“, überlegte sie.
„Dann ist es ja gut“, meinte Sina nur.
„Musst du auch über mich eine Beurteilung schreiben?“, wollte Mara wissen.
„Nein, wieso? Oder willst du Priesterin werden?“
Mara lachte und nahm sich eine Handvoll Kirschen. „Nein, ich dachte nur, es wäre interessant zu erfahren, wie dein Urteil über mich ausfällt.“
„Das würde ich dir wohl kaum verraten, wenn ich Lorana Bericht erstatten sollte“, wehrte Sina lachend ab. „Muss ich aber nicht, und wenn überhaupt, ist das Malins Aufgabe. Ich glaube im Übrigen nicht, dass sich Lorana dafür interessiert, wie du dich im Schwertkampf anstellst. Außerdem habe ich dir gesagt, was ich darüber denke.“
„Hast du.“ Mara blieb hartnäckig. „Aber vielleicht schreibst du etwas anderes als das, was du mir gegenüber zugibst?“
„Ich drücke mich vielleicht gewählter aus, das ist aber auch schon der einzige Unterschied.“
Mara wechselte das Thema. „Wie wird man eigentlich Priesterin?“
„Wieso interessiert dich das auf einmal? Du hättest Réa längst fragen können, die kann dir sicherlich mehr erzählen als ich.“ Sina streifte die Stiefel von den Füßen, stellte sie ordentlich neben den Stuhl, auf dem bereits die frische, gefaltete Tunika lag, und hängte, ebenso ordentlich, Schwertgürtel und Kettenhemd über die Stuhllehne.
„Hast du morgen Wachdienst?“, erkundigte sich Mara.
„Ja, noch vor Sonnenaufgang, am Eingang zum Tempel.“ Dann kam sie auf Maras Frage zurück: „Also sag schon, warum?“
„Lorana deutete vorgestern an, sie würde mich zur Priesterin weihen, wenn ich den Wunsch danach hätte“, berichtete Mara. „Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass sie unbedingt will, dass ich Priesterin werde. Jedenfalls bekam sie ziemlich schlechte Laune, als ich ablehnte.“
Verblüfft musterte Sina sie. „Das kann ich mir vorstellen. Und jetzt möchtest du gern wissen, was du da so leichtfertig abgelehnt hast?“
„Nicht leichtfertig. Sina, ich bin Magierin und kann nicht zugleich Priesterin sein. Ich wäre Lorana, dem Tempel verpflichtet und … das geht nicht“, erklärte sie schlicht.
„Oh je, ein ziemlicher Gewissenskonflikt, stimmt's? Ehrlich gesagt habe ich nie besonders intensiv darüber nachgegrübelt, was es bedeutet, Zauberin oder Magierin zu sein.“
Maras Lachen klang fast ein wenig hilflos. „Was es bedeutet? Das kann ich dir auch nicht sagen. Ich weiß nicht einmal, was ich überhaupt kann, wo meine Grenzen sind.“
„Probiere es doch einfach aus“, meinte Sina.
„Wenn du dich für Versuche zur Verfügung stellen willst. Manche Dinge …“, sie verstummte, konnte Sina nicht erklären, wofür sie selbst kaum Worte fand. Sie ahnte nur, dass sehr viel möglich und die Grenzen erschreckend fern waren. Dann fuhr sie fort: „Du sagtest vorhin, ich wüsste viel zu viel. Dabei ist das Gegenteil ist der Fall: ich weiß viel zu wenig. Ich weiß nicht einmal, worüber ich nichts weiß.“
„Armer Schatz“, bedauerte Sina sie aufrichtig. „Und aus diesem Grund musst du in all diesen alten Papieren und Schriften wühlen, anstatt anständige Dinge zu tun?“
„Ich muss eben lernen. Würdest du bitte mein Kleid aufmachen, allein ist das etwas schwierig.“
„Nichts lieber als das, Süße.“
„Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich…“, wollte sich Mara entschuldigen.
„Dass du nackt schlafen musst, weil du kein Unterkleid als Nachthemd da hast? Nein. Ich habe dich schon häufiger nackt gesehen, da werde ich ein weiteres Mal auch noch ertragen.“
Deutlich spürte Mara, dass Sina mit den Händen wie zufällig immer wieder die nackte Haut ihres Rückens berührte, während sie die Bänder ihres Kleides löste. Es überraschte Mara nicht, dass Sina zärtlich ihre Schultern küsste, ihren Nacken. Wohl aber, dass Sina sie umdrehte, nachdem sie das Kleid von ihren Schultern gestreift hatte und es zu Boden glitt, sie lange betrachtete und dann sehr zärtlich ihren Mund küsste. Ihr Blick schien zu flackern, doch vielleicht war das nur das Kerzenlicht. Ihre Stimme klang wie immer, etwas heiser, mit einem spöttischen Unterton. „Ab ins Bett, Süße. Und deck dich zu, du bist ganz kalt.“
Mara stieg ins Bett, kuschelte sich in die weichen Decken und kam sich vor wie ein Tier in seiner Höhle, sicher und geborgen. Als Sina zu ihr ins Bett kam und die Schale mit den Kirschen zwischen sie beide stellte, fühlte sie sich unendlich wohl. Sie genoss die Situation, die leichte, knisternde Spannung, die zwischen Sina und ihr herrschte.
„Dass du diese sauren Dinger so liebst, ist mir vollkommen unverständlich“, erklärte Sina.
„Aber sie sind doch köstlich.“ Dann forderte sie ihre Freundin auf: „Erzählst du mir jetzt vom Tempel und davon, wie man Priesterin wird?“
„Aber gern. Also, Priesterin wird man ... wenn man sich berufen fühlt. Den starken, unwiderstehlichen Wunsch verspürt, den Göttern zu dienen und den Menschen zu helfen. Das gilt ganz besonders für die Heilerinnen. Eine Frau muss mindestens sechzehn Jahre alt sein, um als Schülerin im Tempel aufgenommen zu werden, dasselbe Alter, das ein Bursche haben muss, um Soldat werden zu können.“
„Aber Jula war noch nicht sechzehn“, wandte Mara ein.
„Nein, er hat wohl ein bisschen mit seinem Alter gemogelt“, meinte Sina lapidar. „Im Übrigen ist er auch zu jung, um Gardist zu sein, er ist noch keine zwanzig.“
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