„Aha.“ Anmutig ließ Tessa sich Ondra und Mara gegenüber auf einem Sessel nieder. Das junge Mädchen war hübsch, strohblond und recht groß, was in der Familie zu liegen schien. Mit ihrer schlanken Figur und um einiges jünger als Reik wirkte sie zurückhaltend und distanziert. „Zur Beruhigung, nehme ich an?“
„Im Gegenteil, zur Anregung, Hoheit.“ Mara lachte und blickte Tessa offen an, die zu ihrer Überraschung rot wurde.
„Nun ja, ich bin keine Heilerin“, meinte Tessa nur.
„Ich auch nicht“, erwiderte Mara.
„Nein“, bestätigte Tessa, fast vorwurfsvoll. „Ihr seid ja eine Zauberin.“
Interessiert betrachtete Mara die junge Prinzessin, die sie herausfordernd ansah und sich bemühte, den tadelnden Blick ihrer Mutter zu ignorieren. „So lautet wohl die Bezeichnung.“
„Und das könnt Ihr auch beweisen?“, wollte Tessa wissen.
Wieder lachte Mara, dieses Mal etwas leiser. Sie hatte nicht vor, sich von dem Mädchen provozieren zu lassen. „Ja. Wollt Ihr Beweise, Tessa?“
„Nein, natürlich nicht“, erklärte diese hastig.
Das war zweifellos gelogen. Ob Tessa auch so schnell nachgegeben hätte, wären sie allein gewesen? Die Selbstsicherheit, die Reik im Übermaß besaß, fehlte ihr offenbar, was Mara merkwürdig fand. Doch vielleicht war es gar nicht so merkwürdig. Sicher war es nicht gerade leicht, Reik zum Bruder zu haben, den nächsten König von Mandura. Reik, von dem alle sprachen, um den sich alles drehte, den alle liebten und bewunderten. Wo blieb da noch Platz für sie, Tessa, wer sprach von ihr? Sie war nur die kleine Schwester.
„Träumst du?“, hörte sie Ondra sagen.
„Wie bitte?“, erwiderte Mara und zuckte zusammen. Ihr wurde klar, dass sie Tessa die ganze Zeit über angestarrt haben musste. „Nein, ich dachte nur … ich versuchte mir vorzustellen, wie es ist, Geschwister zu haben.“
In Wahrheit hatte sie überlegt, wie es wäre, wenn Reik ihr Bruder sei. Nein, nicht Reik, dann hätte sie mit ihrem Bruder geschlafen, aber jemand wie Reik. Das zuzugeben wäre Tessa gegenüber wohl doch etwas zu persönlich gewesen.
„Ihr habt keine Geschwister?“, wollte Tessa wissen.
„Nein, ich habe überhaupt keine Verwandten mehr, keine Familie, niemanden. Sie sind alle fort, tot.“ Wie konnte sie sich nur so verlassen fühlen? Der Boden schien sich unter ihr aufzutun und sie zu verschlucken, und niemand würde sie vermissen, niemand würde um sie trauern. Es war niemand da, der die Totenklage für sie singen könnte, denn sie war fremd . Ihr wurde plötzlich kalt. „Ich bin ganz allein auf der Welt.“
„Das ist doch nicht wahr, Mara“, widersprach Ondra energisch. „Du bist nicht allein!“
Mara blickte Ondra verzweifelt an, wollte schreien: ‚Doch, ich bin allein, jeder ist allein, vollkommen allein! Wir können niemals etwas anderes sein, können niemals unser Selbst mit anderen teilen! Niemals eins sein!’
Doch sie schrie nicht und fand allmählich ihre Fassung wieder. Dennoch klammerte sie sich an Ondras Hand. Sie würde sie nicht trösten können, ebenso wenig wie Jula sie getröstet hatte und es auch jetzt nicht könnte. Nicht einmal Reik wäre imstande, sie zu trösten, nur vielleicht die Einsamkeit, diese entsetzliche Leere nachfühlen. Und doch sehnte sie sich plötzlich nach ihm, doch er war nicht im Palast, nicht einmal in der Stadt.
Abrupt stand Mara auf und trat zum Fenster, um in den Regen hinaus zu starren. Sie sollte sich nicht so gehen lassen.
„Es tut mir leid“, begann sie. „Ich … Vielleicht sollte ich besser gehen. Königliche Hoheit, ich danke für die Einladung und den Tee und alles, und kann nur hoffen, Ihr seht mir die eine oder andere Unvollkommenheit nach.“
Die Hände vor der Brust zusammengelegt, neigte sie grüßend den Kopf. So war es im Tempel üblich. Höflich war es nicht, von sich aus zu gehen. Sie hätte warten sollen, bis man ihr die Erlaubnis erteilte. Doch in dieser Situation hielt sie es für klüger.
Die Königin erhob sich, legte ihr sanft die Hand auf den Arm. „Aber natürlich, Mara“, versicherte sie ihr, „Und ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mich wieder einmal besucht. Es ist überaus reizvoll, mit Euch zu plaudern.“
„Wirklich? Aber ja, ich komme gern wieder.“
„Das ist schön. Soll Guy Euch zum Tempel begleiten?“
„Danke, das ist nicht notwendig“, lehnte Mara ab. „Sina wartet auf mich. Sie hat mich auch hierher begleitet. Die Hohe Frau schätzt es nicht, wenn ich mich ohne Begleitung außerhalb des Tempels bewege.“
„Nun, dann möchte ich Euch nicht länger aufhalten.“ Damit entließ die Königin sie.
„Hoheit, es hat mich außerordentlich gefreut.“ Mara nickte Tessa freundlich zu, die ihren Gruß stumm erwiderte. Dann beugte sie sich zu Ondra und küsste sie auf die Wange. „Wir sehen uns ja bald.“
„Und was meinst du mit bald, Mara?“
„Spätestens in vier, fünf Tagen. Wäre ich eine richtige Heilerin, könnte ich es dir genauer sagen. Was ich dir jedoch mit Bestimmtheit sagen kann: mit deinem Kind ist wirklich alles in Ordnung. Reicht das?“
Ondra strahlte. Mara verließ das Zimmer mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
Sina unterhielt sich auf dem Flur angeregt mit Guy, kam ihr aber ungeduldig entgegen, als sie sie erblickte. „Da bist du ja endlich. Ich fürchtete schon, du wolltest hier übernachten.“
„Nein, das wäre wohl doch zu viel des Guten. Lass uns gehen, ich bin müde.“
„Dann komm“, drängte Sina. „Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch rechtzeitig zum Abendessen“.
* * *
Hauptmann Sandar Sadurnim betrat den großen, düsteren Speisesaal der Garde; es roch nach altem Essen, abgestandenem Bier, zu vielen schwitzenden, ungewaschenen Leibern. Und doch entlockte ihm der Anblick jenes schlecht gelaunten, mürrischen Hauptmanns – in seinen Augen einer der besten Männer der Garde, und der härteste sowieso –, der in dem den Hauptleuten vorbehaltenen Bereich des Saals saß, ein Lächeln. „Ihr erlaubt, Hauptmann?“
Der angesprochene, Hauptmann Davian, antwortete mit einem knappen Nicken, ohne dabei seine nachlässige Haltung auch nur im Geringsten zu ändern „Sicher, setz dich. Was treibt dich zu mir?“
„Hunger und die Hoffnung auf anregende Gesellschaft“, meinte Sandar lapidar und ließ sich Davian gegenüber an dem groben Holztisch nieder.
„Und du glaubst, hier fündig zu werden?“
„Zumindest, was einen der beiden Punkte angeht.“ Sandar grinste breit. „Wir könnten aber auch zu mir gehen, ich habe ein paar Fläschchen wirklich guten Wein im Keller.“
„Nur Wein?“, hakte Davian nach.
„Wenn du willst, auch was Stärkeres. Und Emmi könnte uns was Gutes kochen.“
„So eine Einladung kann man wohl kaum ausschlagen“, Davian ließ ein raues Lachen hören.
„Sollst du auch nicht.“ Zufrieden lehnte Sandar sich auf seinem Stuhl zurück. „Ach, was ich fragen wollte … Irgendeine Vorstellung, wann Domallen wieder in der Stadt ist?“
„Die nächsten Tage wohl, so aufregend ist Saligart nicht. Wieso?“
„Nichts weiter. Ich hab‘ nur gerade sein Mädchen …“, Sandar verzog süffisant das Gesicht, „die Kleine aus dem Süden im Palast gesehen.“
„Antrittsbesuch bei ihrer königlichen Hoheit“, brummte Davian.
„Du weißt davon?“, wunderte sich Sandar.
„Ich hatte, ‘n bisschen außerhalb der Reihe, bei ihr Wachdienst.“
(83. Tag)
Sina und Mara gelangten noch rechtzeitig in den Tempel, der Speisesaal hatte sich allerdings schon merklich geleert. Nur noch einige ältere Priesterinnen, die Mara nicht näher kannte, saßen in einer entfernten Ecke des großen Raumes.
Sina machte sich mit Heißhunger über ihren Fisch her, während Mara lustlos auf ihrem Teller herumstocherte, ihn schließlich weit von sich schob.
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