„Mara, du …“
„Psst, nicht reden, Jula, wir sind sowieso gleich da. Küss mich lieber noch einmal.“
Er küsste sie, zugleich zart und fordernd; einen Augenblick gab es nur sie zwei.
„Schlaf gut, Mara, und gib Sina einen Kuss von mir. Ich bin ihr etwas schuldig.“
„Mache ich. Auf bald.“
Hartnäckig widerstand Mara der Versuchung, zu Jula zurückzukehren. Doch nach wenigen Schritten wurde sie schwach. Sie drehte sich um und rannte wieder zu ihm – er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, fiel ihm um den Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. „Oh, Jula … Danke!“
Anschließend ging sie gemessenen Schrittes zum Nordeingang des Tempelbezirks, wo Sina sie bereits ungeduldig erwartete.
(Ende 70. Tag, Frühling)
Kapitel 4 – Besuch im Palast
Feiner Dunst und das milde Licht der Nachmittagssonne hüllten die Stadt in einen goldenen Schleier.
Eigentlich ein wundervoller Anblick, doch Mara fühlte sich unruhig und nicht sehr wohl. Gemeinsam mit Réa weilte sie in ihrem Schlafzimmer; die Priesterin half ihr, sich für den Besuch bei der Königin anzukleiden.
„Wieso kommst du nicht einfach mit?“, schlug Mara vor.
„Weil die Einladung der Königin dir allein galt, deswegen“, erklärte Réa ruhig.
Mara seufzte, Rea hatte ja Recht. Trotzdem wäre ihr lieber gewesen, die junge Priesterin, mittlerweile eine gute Freundin, würde sie in den Palast begleiten.
„Mara, die Königin ist eine kluge und herzensgute Frau, kein Grund also, so aufgeregt zu sein“, versuchte Réa sie zu beruhigen.
„Ja, wahrscheinlich.“
„Nicht wahrscheinlich, sondern ganz sicher. So, fertig.“ Réa betrachtete sie lächelnd. „Du siehst außerordentlich hübsch aus in diesem Kleid, wie…“
„Wie eine Fee, ich weiß“, fiel Mara ihr ins Wort. „Glaubst du, ich treffe Ondra?“
„Gut möglich.“ Réa musterte sie ernst. „Mara?“
„Ja?“
„Was ist los mit dir?“
„Was soll sein?“, fragte sie zurück.
„Das frage ich dich. Du hast seit Tagen schlechte Laune, rennst mit einem grimmigen Gesichtsausdruck durch die Gegend, dass niemand es wagt, dich auch nur anzusprechen, weil du sofort aus der Haut fährst, bist furchtbar ungeduldig und unruhig. Hast du Kummer?“
„Nein, ich … vielleicht würde ich einfach gern einmal wieder eine Nacht durchschlafen, ich bin müde“, gestand sie.
„Du hast Alpträume?“, erkundigte sich Réa.
„Fast jede Nacht. Erst glaubte ich, ich würde mich daran gewöhnen. Ich wache auch nicht mehr schreiend auf, aber …“ Mara seufzte. „Das macht es nicht besser.“
„Und wenn jemand bei dir schliefe?“, versuchte es Réa.
„Ich weiß nicht. Eigentlich möchte ich gar nicht, dass jemand bei mir schläft. Ich mag es, allein zu schlafen, diese Zimmer hier ganz für mich zu haben“, erklärte Mara. „Ich kannte das vorher nicht und genieße es nun sehr.“
„Wie du möchtest. Aber du sollst wissen, dass du immer zu mir kommen kannst. Natürlich nur, wenn du willst, ich meine …“ Réa geriet ins Stocken und errötete.
„Ich verstehe schon“, sprang Mara ihr bei. Dann fügte sie hinzu. „Kann ich dich etwas fragen, Réa?“
„Du willst wissen, ob ich Reik liebe, stimmt's? Ja, ich liebe ihn, nur leider liebt er mich nicht, jedenfalls nicht … so.“
Verblüfft sah sie Réa an. „Woher wusstest du, dass ich gerade das fragen wollte?“
„Weil du das schon am ersten Abend wissen wolltest. Und dann der ganze Tratsch .... Ich habe mich gewundert, warum du nie nachgefragt hast. Du bist doch sonst nicht so rücksichtsvoll.“
Den Vorwurf kannte Mara zur Genüge. Warum hatte sie gerade jetzt das Gefühl, dass Réa ihr genau das Gegenteil vorhielt?
„Dafür aber jetzt, wo ich mir nichts sehnlicher wünsche“, fuhr Réa hastig fort. „Mara, ich würde gern mit dir über ihn reden, über meine … Empfindungen. Die anderen Frauen hier … Sie verstehen es nicht!“
Mara schüttelte den Kopf und sah sie fragend an: „Was verstehen sie nicht?“
„Sie haben geradezu schwärmerische Vorstellungen von ihm, dabei haben die wenigsten auch nur mit ihm geredet. Außer Sina vielleicht, und natürlich Malin. Sie gehen wie selbstverständlich davon aus, dass ich mit ihm … Weil ich häufig im Palast bin, vermuten sie …“ Réa brach mitten im Satz ab, biss sich auf die Lippen und blickte betreten auf ihre Hände.
„Was aber nicht stimmt“, erklärte Mara für sie.
„Nein, weder mit ihm noch mit irgendeinem anderen Mann. Oder einer Frau. Er hat mich nie gefragt, nicht einmal versucht, mich zu küssen!“, Réa Stimme klang klagend.
„Und möchtest du, dass er dich küsst?“
„Ich weiß es nicht, Mara! Ich wüsste nicht mal, wie ich reagieren sollte. Vermutlich würde ich vor Angst davonlaufen.“
Sie musterte Réa. Die junge Priesterin wirkte verzweifelt, und Mara hatte keine Ahnung, wie sie ihr helfen sollte. „Bist du denn gar nicht neugierig? Du sagtest, weder mit ihm noch mit einem oder einer anderen … Natürlich ist das deine Sache, jeder muss das für sich entscheiden, nur machst du nicht geraden einen glücklichen Eindruck auf mich.
„Nein, glücklich bin ich wirklich nicht“, gab Réa zu.
„Warum unternimmst du dann nichts dagegen?“
Konsterniert blickte Réa sie an. „Wie bitte?“
„Wenn du mit deiner Situation unzufrieden bist, warum änderst du sie dann nicht? Du hast doch alle Möglichkeiten dazu. Das wird niemand für dich tun, Réa, und schon gar nicht so, wie du dir das wünschst. Willst du den Rest deines Lebens damit verbringen, auf Reik zu warten, auf irgendein Wort von ihm? Was ist, wenn er nie zu dir kommt? Oder du irgendwann feststellst, dass das Warten sich nicht gelohnt hat? Was dann?“ Mara war überrascht von der Grobheit ihrer eigenen Worte.
„Du bist grausam“, warf Réa ihr vor. „Hast Du überhaupt kein Mitgefühl?“
„Doch, natürlich. Aber die Situation kommt mir gerade sehr bekannt vor.“ Wütend stand Mara auf und sah Réa verbittert an, die wie ein Häuflein Elend auf dem Bett saß. „Weißt du, genau das … Ach, vergiss es!“
Ärgerlich stürmte sie aus dem Zimmer und ließ die Tür laut ins Schloss fallen. Manchmal verstand sie die Menschen nicht, begriff nicht, was sie von ihr erwarteten.
Und sie sehnte sich nach Jula. Dabei hatte sie ihn erst am Vortag getroffen, wenn auch nur kurz. Er hatte kaum freie Zeit, höchstens einmal ein, zwei Stunden am Abend. Viel zu wenig also. Jula war leicht zu verstehen, er machte die Dinge nicht immer so kompliziert, sagte gerade heraus, was er dachte und wollte. Sie konnten offen miteinander reden, ohne Andeutungen, Vermutungen und halben Wahrheiten. Das Leben war einfach mit Jula.
Das Kopfsteinpflaster auf dem Platz vor den Pferdeställen glänzte vor Nässe, aber wenigstens regnete es nicht mehr. Suchend schaute Mara sich nach Sina um, die sie zum Palast begleiten sollte. Ihr war nicht ganz klar, warum, der Weg war kaum zu verfehlen, aber Lorana hatte darauf bestanden, dass Mara in Begleitung ritt. Angeblich gehörte es sich so für eine wichtige Person wie sie.
Mara hatte keine Lust, sich deswegen auch noch mit Lorana zu streiten. Die Frau war ohnehin nicht gut auf sie zu sprechen, aus welchen Gründen auch immer.
„Hallo Süße, da bist du ja“, begrüßte Sina sie. „Hat dir heute schon jemand gesagt, wie hinreißend du aussiehst?“
„Nein, heute noch nicht“, sie lächelte knapp.
„Also, dann tue ich das hiermit. Dein Wallach ist gesattelt, du musst nur noch aufsitzen. Falls dieses schreckliche Tier es zulässt. Noch nie habe ich einen derart nervösen und launischen Gaul gesehen“, plauderte Sina weiter. „Soll ich dir helfen?“
„Geht schon, danke“, lehnte Mara ab.
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