„Nein, nein …“ Sie schüttelte den Kopf, fuhr sich über die Stirn.
„Sorgen? Macht die Kleine dir etwa Probleme?“
„Das Mädchen ist harmlos, Bro, ein bisschen … Nein, ich ärgere mich, weil ich die ganzen Unterlagen habe wegschaffen lassen, was völlig …“ Sie erhob sich abrupt, ging ein paar Schritte im Zimmer umher; sie brauchte die Bewegung, wenigstens ein kleines Ventil. „Und jetzt muss der ganze Kram wieder zurück, da unten können die Papiere unmöglich bleiben!“
„Ich habe sowieso nicht verstanden, wieso ihr das halbe Archiv …“
Und sie verstand nicht, warum sie ihm damals überhaupt davon erzählt hatte. „Eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme.“ Überzogen, viel eher eine Panikreaktion, wie ihr heute klar war. „Wussten wir denn, wen du da anschleppst? Sie hätte ja wirklich gefährlich … Du gibst einer völlig Fremden nicht freiwillig ein solches Wissen preis!“
„Das sind nur Papiere, Lorana“, brummte Bro verächtlich, „alte Geschichten … Ihr mit Euren ewigen Aufzeichnungen. Genau wie Reik. Der lässt auch über jeden Mist Berichte verfassen. Die hinterher aber kaum jemand lesen darf. Wozu der ganze Aufwand, frag ich dich, nur um die Leute zu beschäftigen …“
„Du schreibst nicht gern“, bemerkte sie.
„Nicht gut, wolltest du sagen“, er grinste breit, griff nach ihrer Hand und zog Lorana zu sich auf seinen Schoß. „Ich bin ein Mann der Tat, nicht des Wortes.“
„Anders als dein Neffe, wo wir schon von ihm reden?“
„Aber nein! Reik ist sogar sehr … tatkräftig. Sehr ‚rege‘, wie du es ausdrücken würdest, mit tausend Dingen gleichzeitig beschäftigt.“
Lorana lachte unwillig auf und hielt seine Hand fest, die er unter ihren Rock geschoben hatte. „Aber an der Sache mit Turams ach so hübscher, junger Frau, ist doch wohl nichts dran?“
Bro ließ sich weder beirren, noch von ihr aufhalten, und schob seine Hand höher. „Das war nicht er.“
Lorana gab nach, konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. „Musst du gerade jetzt von ihm reden?“
„Ich muss gar nicht reden.“ Wieder lachte Bro dröhnend, doch dieses Mal störte es sie nicht. Vielmehr erfreute sie sich an dem Gedanken, mit dem Bruder des Königs das Bett zu teilen. Auch wenn der ein grober und wenig feinfühliger Liebhaber war … Sie verbot sich jeden weiteren Gedanken.
* * *
Natürlich blieb es nicht bei einem Kuss, doch irgendwann wurde es empfindlich kühl auf dem Turm.
Jula lud Mara zum Essen in ein Gasthaus am Marktplatz ein. Das Essen dort war sehr teuer, jedenfalls erschienen ihr vier Silberstücke, kleine Münzen, für zwei Mahlzeiten recht viel, aber dafür schmeckte es auch hervorragend, ebenso wie der Wein.
Sie war ein bisschen betrunken, was Jula ziemlich lustig fand und ihn zu der Bemerkung veranlasste, jetzt müsse wohl er mit ihr Tanzen gehen, damit sie wieder nüchtern werde. Sofort stimmte Mara begeistert zu, sie wollte unbedingt mit ihm tanzen. Und Jula kannte auch genau den richtigen Ort dafür.
Überhaupt schien er sich in der Stadt bestens auszukennen, kannte die unterschiedlichsten Leute und die Leute kannten ihn, darunter nicht wenige gutaussehende Frauen. Mara fühlte sich in seiner Gegenwart überaus wohl. Die ganze Zeit über redeten sie – manchmal, aber nur, wenn niemand zuschaute, küssten sie sich auch –, und sie hatte das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen, so vertraut waren sie sich.
Es war bereits spät, als sie die Taverne verließen. Der Mond stand hoch am Himmel. Die Straßen waren menschenleer. Jula hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt. „Bist du sehr müde?“
„Nein, nur meine Füße. Warum sagt Sina, du küsst zu gern die falsche Frau?“, fragte Mara interessiert nach.
Julas Stimme klang gepresst, als er ihr antwortete. „Weil es stimmt und ich mich dadurch schon häufig in Schwierigkeiten gebracht habe. Vor … vor etlichen Jahren habe ich auf einem Fest mit einem Mädchen getanzt. Na ja, nicht nur einmal. Sie war fast zwei Jahre älter als ich und ich über beide Ohren verliebt in sie. Wie das so geht, irgendwann an dem Abend haben wir uns geküsst, recht heftig sogar. Das Dumme war nur, dass sie einige Tage später heiraten wollte, und zwar den Sohn eines reichen und einflussreichen Mannes aus unserem Dorf. Nach diesem Abend natürlich nicht mehr. Es gab scheußlichen Ärger. Mein Vater hat mich fürchterlich verprügelt und im Keller eingesperrt. Das Mädchen wurde letztendlich doch verheiratet, und mein Vater musste sich bei ihrer Familie und bei der des Bräutigams in aller Form für das Benehmen seines missratenen Sohnes entschuldigen.“
„Und dann?“, fragte sie ängstlich.
„Als mein Vater mich aus dem Keller heraus ließ, bin ich abgehauen. Früher oder später wäre ich sowieso gegangen, eher früher. Ich hatte ständig Ärger mit meinem Vater und meinen älteren Brüdern. Zudem fand ich die Aussicht, Schmied zu werden, nicht sonderlich reizvoll. Mein Vater ist Schmied und zwei meiner Brüder sind es ebenfalls.“
Aufmerksam sah sie Jula an. „Wie viele Geschwister hast du denn?“
„Drei Brüder und drei Schwestern. Meine beiden älteren Brüder und alle meine Schwestern sind verheiratet und haben eigene Familien. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Nichten und Neffen ich inzwischen habe, ich bin nie wieder dort gewesen. Sina hat mir mal erzählt, es ginge allen gut. Sie war in Beita, um ihre Schwester zu besuchen. Ich nehme an, sie hat meinen Eltern auch erzählt, dass ich noch lebe.“
„Sie wären sicher stolz, wenn sie wüssten, dass ihr Sohn Soldat in der Garde des Königs ist“, befand Mara.
„Ich weiß nicht, vielleicht. Aber ist zum Verzweifeln! Immer wieder gerate ich in solche Situationen. Sie sind alle so nett und …“
„Die meinst, die Frauen?“, hakte sie nach.
„Ja. Und es fällt mir schwer, Nein zu sagen, auch wenn ich weiß, dass die eine oder andere verheiratet ist. Wahrscheinlich habe ich mittlerweile einen ziemlich schlechten Ruf.“ Er klang nicht wirklich betrübt.
„Hört sich nicht so an, als würdest du das allzu schrecklich finden.“
„Es gibt schlimmeres“, erwiderte Jula und grinste. „Wenigstens ist das, was über mich geredet wird, in den meisten Fällen zutreffend.“
Irritiert schüttelte Mara den Kopf. „Du sprichst von Reik?“
„Ja, ich meine diese wirklich lächerliche Geschichte über ihn und die Frau des königlichen Hofmeisters Turam. Du hast davon gehört?“
„Aber ja! Was Gerüchte anbelangt, sind wir im Tempel bestens informiert.“
„Jedenfalls, das ist alles nicht wahr, ich weiß es. Du darfst das nicht glauben, Mara.“ Seine Stimme klang geradezu beschwörend.
Mara musste lachen. „Verteidigst du ihn etwa? Vor mir? Jula, was Reik tut oder nicht tut, ist allein seine Sache.“
„Vermisst du ihn?“
„Nein, eigentlich nicht. Das mag herzlos klingen, aber ich bin wirklich sehr beschäftigt, und dabei denke ich nicht an andere Dinge oder Menschen. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es ganz und gar, da ist kein Platz für … anderes. Und ich habe inzwischen gelernt, dass das richtig so ist.“
„Alles eine Frage der Konzentration?“, fragte Jula neckend, während sie langsam den Hang des Tempelberges hinaufstiegen. „Der Hauptmann drückte sich einmal ganz ähnlich aus. Er meinte, bei einem Kampf gäbe es nur uns und das Schwert, nichts sonst, selbst der Gegner sei unwichtig.“
„Kluger Mann, dein Hauptmann“, bemerkte sie.
„Du hältst ihn also für klug?“ erwiderte Jula. „Und wofür noch?“
„Es wäre unpassend, dir jetzt von Reik vorzuschwärmen, wo ich doch viel lieber dich küssen würde, Jula.“
„Sag das doch gleich. Aber du würdest von ihm schwärmen, das…“
Mara ließ ihn nicht ausreden, sondern küsste ihn leidenschaftlich.
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